In diesem "ethnischen Mosaik der Bukowina" (Andrei Corbea-Hoisie) wurde von keiner Bevölkerungsgruppe die Mehrheit gestellt. Das alte Czernowitzer Sprichwort, daß selbst ein Straßenfeger mindestens vier Sprachen beherrschen muß, vermittelt einen Eindruck davon, daß es Spracheindeutigkeiten hier nicht gibt. Folgerichtig schreibt auch die Lyrikerin Rose Ausländer in ihren Betrachtungen über die Bukowina von "Vier Sprachen" (Jiddisch, Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch) und "Viersprachenliedern."
Zur allgemeinen Sprachverwirrung kommt, daß die verhältnismäßig wenigen deutschen Siedler in der Region über keine eigene intellektuelle Schicht verfügen. Diese Voraussetzungen boten den Bukowiner Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert paradoxerweise gerade die Möglichkeit, für eine "deutsche" Identität zu optieren und sich als eigentlichen Vertreter der deutschen Kultur und der österreichisch-habsburgischen Mission im Osten zu sehen - eine folgenreiche "Ironie der Geschichte". Die rasche und intensive Akkulturation der Czernowitzer Juden an die deutsche Sprache und Kultur war ein Zeichen ihrer Assimilation, ihrer Überwindung der sozialen und religiösen Marginalisierung. Dieser Prozeß der Assimilation, sowie das liberale, zentralistische und habsburgische Engagement der Bukowiner Juden ist vergleichbar mit dem in Wien.
Mit den sprachlichen Irrungen und Wirrungen der Region einher geht die Produktion einer Literatur, einer v.a. deutschsprachigen jüdischen Dichtung, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die mit erheblichen Existenznöten zu kämpfen hat. Diese Dichtung leidet gewissermaßen an einer "vierfachen Tragik": "Erstens sind ihre Träger Dichter, in einer Zeit, in der wie ein Witz lautet, ein Ehemann seiner Frau auf die vor dem Schaufenster einer Modistin geäußerte Bitte, er möge ihr einen bestimmten Hut kaufen, denn er sei wie ein Gedicht, mit geringschätzendem Achselzucken erwidert: 'Aber Liebling, wer kauft heutzutage noch Gedichte!' Zweitens sind diese Dichter Juden, und das heißt, daß die nichtjüdische Welt von diesen Dichtern nichts wissen will [...] und daß die 'jüdische Welt', wenn man ihr mit jüdischen Geschichten kommt, erklärt, sie habe heutzutage andere Sorgen. Drittens schreiben die jüdischen Dichter der Bukowina in der überwältigenden Mehrzahl 'deutsch' und das ist ein Fall besonderer Tragik, in einer Zeit, in der man ja auch den in Deutschland lebenden jüdischen Dichtern [...] dies Recht auf die Zuständigkeit in der Dichtung deutscher Zunge abspricht - und stelle man sich vor, mit welchen Gefühlen das Erscheinen einer geschlossenen Phalanx ostjüdischer deutsch-schreibender Dichter begrüßt würde. Die vierte, vielleicht wesentliche Tragik der jüdischen Dichter in der Bukowina besteht darin, dass sie eben in der 'Bukowina' leben, wo es weder ein Echo noch ein Publikum gibt, weder Verleger noch Verbreitungsmöglichkeiten durch periodischen Druck, keine Zeitschriften und nur Tageszeitungen, in denen der Gerichtsaalbericht und die landesübliche aktuelle Tagesschmonze eine so gewichtige Rolle spielen, dass die das entscheidende Wort sprechenden Redakteure sich in der Regel lieber hängen lassen würden, als dass sie das Gedicht eines heimischen jüdischen Autors bringen würden", schreibt der jüdische Lyriker Alfred Magul-Sperber in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre.
Ihren - niemals über die beschriebenen Zustände hinwegtäuschenden - "Höhepunkt" findet diese deutschsprachige Dichtung paradoxerweise in der "rumänischen" Zeit der Bukowina von 1918/19 bis 1940. Die "Eiserne Garde", die Partei und paramilitärische Organisation des Rumänischen Faschismus, kümmert sich vorerst wenig um die "deutsche" Literatur. In den dreißiger Jahren finden sich die Emmigranten-, sowie die nationalsozialistische Propagandapresse gleichermaßen allerorts, und als die Bukowina 1941 in die Hände der Deutschen fällt, denkt niemand mehr an "Bücherverbrennungen". Es werden bereits Menschen verbrannt!
In einem kulturellen, sozialen und literarischen Beziehungsgeflecht entsteht also eine Literatur, die das Schreiben in der Sprache der Mörder als Herausforderung und Bedrohung erlebt hat, schon bevor diese Realität wird. Ab den vierziger Jahren entwickelt sich aus dieser Czernowitzer Dichtung eine ganz eigene, über Dichter wie Paul Celan zu Anerkennung gelangte Lyrik, deren Thematik mit dem jüdischen Leben jener Jahre verbunden ist: der Shoah.
Die 1901 in der Bukowina geborene Jüdin Rosalinde Ruth Scherzer wandert 1921 nach dem Tod ihres Vaters in die Vereinigten Staaten aus, um ihre Familie ernähren zu können. Dort kommt es in den von ihr als Redakteurin betreuten Jahresantologien "Amerika-Herold-Kalender" zur Publikation erster Gedichte. Die Ehe mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer endet nach schon drei Jahren und Rose Ausländer kehrt 1931 nach Czernowitz zurück. Hier arbeitet sie als Übersetzerin, Lehrerin und schreibt an ihrem ersten Gedichtband ("Regenbogen"), der 1939 erscheint. Zwei Jahre später erleben die Lyrikerin und ihre Familie die Ghettoisierung der Czernowitzer Juden. In der "unendlichen Sonnenfinsternis" (Ausländer) entsteht ein Gedichtzyklus, dessen Sujet der tägliche Überlebenskampf ist. "Alles kann Motiv sein", kommentiert die Dichterin ihr eigenes ?uvre jener Jahre, in denen die Einen verzweifeln, während sich die Anderen in das intellektuelle Asyl der Dichtung zurückziehen: "Schreiben war Leben, war Überleben". In den späten siebziger Jahren erinnert sich Rose Ausländer in dem Gedicht "Eine Stunde Vergessen" an die Ghettojahre in Czernowitz und ihre Kenntnis von Paul Celans Gedichten: "Geschmückt / mit dem gelben Stern / lief ich zu Freunden / um Celans Gedichte / zu zeigen / Eine Stunde Vergessen / und Glück / ehe die Türen sich schlossen / hinter uns im Traum".
Nach der Befreiung aus dem nationalsozialistischen Alptraum 1944 emigriert Rose Ausländer 1946 erneut in die USA. Das Sprachproblem der exilierten Literaturschaffenden, deren Profession doch wie keine andere an die Muttersprache gebunden ist, trifft auch Ausländer: "Mein Vaterland ist tot /[...]/ ich lebe in meinem Mutterland Wort". Nach einem Besuch bei Paul Celan in Paris 1957, lässt sich die Lyrikerin 1963 im Land der Täter, in Deutschland, nieder. Mit einer enormen Lyrik-Produktion (ca. 30 Gedichtbände) und zehn Jahren Bettlägerigkeit im Alter endet 1988 Ausländers bis zum heutigen Tage nicht ausreichend gewürdigtes Leben und Werk.
Vita und Werk des "Vaters der Bukowinaer Dichtung" sind noch unbekannter als das von Rose Ausländer. Der 1904 geborene Rosenkranz teilt mit vielen seiner Leidensgenossen Ghettoisierung, Deportation und Arbeitslager. Nach der Befreiung durch die Sowjets wird er an die Front geschickt und desertiert. 1945 wird er deshalb verhaftet und für zehn Jahre in ein sowjetisches Arbeitslager verschleppt. Noch während seiner Inhaftierung erscheint 1947 unter dem Synonym "Martin Brant" sein erster Gedichtband. Freunde des Dichters hatten sich zu einer Herausgabe von Bukarest aus entschlossen. In diesem Band findet sich auch das Gedicht "Blutfuge", eines der Werke, auf die Paul Celan bei der Gestaltung seiner "Todesfuge" zurückgegriffen hat: "Was laut im Feuer holder Jünglingsglieder / Gelebt, verklingt und geht gemach zur Neige; / Am Sterbenden wie Licht verglühn die Lieder: / Ein Celloruf und eine letzte Geige." Als Rosenkranz 1958 aus rumänischer Haft entlassen wird, dauert es keine drei Jahre, bis der Lyriker 1961 nach Deutschland emigriert. Noch heute lebt Moses Rosenkranz im Schwarzwald.
Der 1920 ursprünglich unter dem Namen Paul Antschel geborene Dichter ist zweifellos der Bekannteste der Czernowitzer Lyriker. Den Künstlernamen Celan, ein Anagramm seines wirklichen Namens, der sich rumänisch Ancel schreibt, führt er erst seit 1945. Der Zugang zu Celans Lyrik gestaltet sich außerordentlich schwierig. Dies hängt vor allem mit der Suche Celans nach neuen Ausdrucksformen in der Lyrik zusammen, besonders nach der Erfahrung der Vernichtung des Judentums, sowie der am eigenen Leib erfahrenen Ghettoisierung und Deportation.
Um Auschwitz zu "verstehen" schrieb Celan "in der Sprache des Todes selbst" (George Steiner), in Deutsch. Dabei geht es jedoch nicht um Verstehen im klassischen Sinn, vielmehr soll in die Welt der Opfer eingetaucht, der Bruch der Geschichte deutlich gemacht werden. Dabei entwickelt Celan ein ganz eigenes Verhältnis zur Sprache. Seine hervorragenden Sprachkenntnisse - er übersetzte u.a. Shakespeare, Baudelaire und Rimbaud ins Deutsche - lassen ihm die deutsche Sprache zur Vorlage werden. Ständig werden ihr Worte, Nuancen und Stimmungen, die aus anderen kulturellen Kontexten stammen, aufgetragen, werden ihre Codes umgedeutet, um sie zur "Gegensprache" zu machen. Eine ironische, Russisch, Latein und Deutsch mischende Signatur unter einem Brief von 1962, die gleichzeitig eine Stelle aus Kafkas "Der Landarzt" variiert, macht Celans komplexes Verhältnis zu den verschiedenen Sprachen deutlich: "Pawel Lwowitsch Tselan / Russkij poët in patibus nemetskich infidelium / `s ist nur ein Jud".
"Für Celan der nach Auschwitz schrieb, war das Deutsche in einem radikalen Sinn eine Sprache des Exils. Mit dem Exil verband sich nun die Trauer, denn die Welt, an deren Stelle es getreten war, war nicht mehr eine um der Assimilation willen verlassene und vergessene, sondern eine vernichtete, zerstörte, zu Asche gewordenen Welt. Dafür, daß er noch Deutsch schreiben und versuchen konnte, diese vom Feind 'besudelte' Sprache wiederherzustellen und umzubilden, bezahlte er mit dem Exil. Durch die Nacht des Nazismus hindurchgegangen, blieb die Sprache der einzige nicht verlorene Wert unter lauter Ruinen", schrieb der französische Politikwissenschaftler Enzo Traverso über den Dichter aus Czernowitz. Die "Wiedergeburt" der von den Mördern korrumpierten Sprache wird zu Celans Programm.
Gleichzeitig symbolisiert Celans Dichtung und Sprache den definitiven, irreversiblen Verlust durch die Shoah. Dieses Anliegen findet an kaum einem anderen Ort einen besseren Ausdruck, als in dem bekanntesten Gedicht Celans, der "Todesfuge". In ihrem Bezug auf die deutsche Aufklärung wird in der "Todesfuge" eine Kultur rezitiert, die keine ist, da sie Auschwitz nicht verhindern konnte. Mit dieser Kultur- und Zivilisationskritik brachte sich Celan in die Nähe Adornos, dessen Diktum, es sei nach Auschwitz barbarisch ein Gedicht zu schreiben, dem Dichter durchaus bekannt war. Doch gerade durch die thematisch-formale Wiederkehr der Barbarei des zivilisierten Menschen in der Dichtung wurde Adornos Diktum, das Celan nicht gleichgültig war, aber dessen Recht es zu formulieren er trotzdem bestritt, widerlegt. Dabei zielt Celans Zivilisationskritik ebenso wie Adornos auf die naturfremde und -beherrschende sowie verdinglichte Welt.
In seinem Pariser Exil ab 1952 wird Celan zunehmend mit Neonazismus und Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Auch die gelegentlichen Auftritte im Land der Mörder zur Entgegennahme von Literaturpreisen können nicht mehr über die Verschlossenheit des Dichters hinwegtäuschen. Die "kleine Pforte" (Walter Benjamin), die Hoffnung auf einen Ausweg, an der Celan auch nach Auschwitz noch festhielt, schließt sich mit dem Freitod des Dichters im April des Jahres 1970 in den Wassern der Seine.
Das tragischste Schicksal der Bukowina-LyrikerInnen ereilte zweifellos Selma Meerbaum-Eisinger. Wo viele Dichter nach 1945 dagegen kämpfen mußten, nicht vergessen zu werden, wurde die 1924 in Czernowitz geborene Meerbaum-Eisinger gar nicht erst bekannt. Zu Lebzeiten wurden keine ihrer Gedichte, die allesamt ihrem Jugendfreund Lejser Fichman, der 1944 auf der Flucht nach Palästina ums Leben kam, gewidmet sind, veröffentlicht. "Wer in Zukunft von Anne Frank spricht, wird auch von Selma Meerbaum-Eisinger sprechen müssen. Wie von zwei Schwestern, von denen die eine dokumentierte, was die andere dichtete. Das Tagebuch der Anne Frank, im Holländischen Versteck verfaßt, und die Gedichte der Selma Meerbaum-Eisinger gehören zusammen. Anne Frank, die 15 Jahre alt wurde, kam im März 1945 im KZ Bergen-Belsen um. Sie starb an Thyphus, wie Selma zwei Jahre zuvor, 2000 Kilometer weiter östlich", schreibt Jürgen Serke 1984 in der Einleitung zu den 57 Gedichten, die heute von Meerbaum-Eisinger erhalten sind. Das Sujet ihrer Verse ist die Liebe zu ihrem Freund, die mehr Traum als Wirklichkeit war, sowie das Bekenntnis zum Leben, das mit der Unabwendbarkeit des Todes kollidiert: "Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und hassen / und möchte den Himmel mit Händen fassen / und möchte frei sein und atmen und schrein. / Ich will nicht sterben. Nein. / Nein... ."
Mit "Tragik" ist Ende 1941 das letzte Gedicht Meerbaum-Eisingers, die bereits mit 15 Jahren ihre ersten Gedichte verfaßte, überschrieben. Eine treffenderen Titel kann es nicht geben: "Das ist das Schwerste: sich verschenken / und wissen, daß man überflüssig ist, / sich ganz zu geben und zu denken, / daß man wie Rauch im Nichts zerfließt." Mit einem rotem Stift ist eilig hinzugefügt: "Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben...". Meerbaum-Eisinger wurde an einem Juni-Sonntag im Jahre 1942 in das Arbeitslager Michailowka deportiert. In dem Tagebuch des Malers Arnold Daghani, der die Hölle von Michailowka überlebte, findet sich am 16. Dezember 1942 folgender Eintrag: "Gegen Abend hauchte Selma Meerbaum-Eisinger ihr Leben aus."
Diese AutorInnen-Auswahl ist zufällig. Die hier Angeführten eint jedoch die Erfahrung von Ghetto, Deportation, Exil oder Tod. Außerdem genießen zwei von ihnen - Ausländer und Celan - noch einen relativen Bekanntheitsgrad. Mit Meerbaum-Eisinger und Rosenkranz finden sich aber immerhin zwei Autoren, die das 21-bändige Kindlers Literaturlexikon nicht kennt. Und wer kennt heute noch Zeno Einhorn, Kamillo Lauer oder etwa Salome Mischel?
Die Czernowitzer Literatur leidet bis heute unter dem Problem ihrer Unbekanntheit. Hinzu kommt, daß aus amtlichen Akten nur wenig bekannt ist über die Vernichtung der Bukowiner Juden, die der rumänische Oberrabiner Alexandru Safran treffend den "vergessenen Holocaust" genannt hat. Die Bukowina als eine "nun der Geschichtslosigkeit anheimgefallene ehemalige Provinz der Habsburgermonarchie", wie Paul Celan einmal formulierte?
Als die Rote Armee 1944 nahezu kampflos in Czernowitz einmarschierte fand sie eine Geisterstadt. Das vormalige Zentrum der ostjüdischen Kultur lag am Boden. Viele Stätten ehemals jüdischen Lebens existieren auch heute nicht mehr. Von 72 Czernowitzer Synagogen ist heute nur noch eine in Betrieb. Das ehemals größte jüdische Gebetshaus in der Innenstadt fungiert seit nunmehr fünfzig Jahren als Kino. Zwar hätte die jüdische Gemeinde in Czernowitz heute kein Problem ihr ehemaliges Eigentum zurückzubekommen, jedoch für wen?
Josef Burg, der letzte noch lebende große jiddische Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, der 1959 nach Czernowitz zurückkehrte, beschrieb seine Heimkehr folgendermaßen: "Alte Czernowitzer Juden gab es nur noch wenige. Es lebten noch elf oder zwölf jiddische Schriftsteller in der Stadt." Heute ist Burg der letzte Übriggebliebene aus der Tradition der Czernowitzer jüdischen Literatur. "Aber ich will nicht der letzte sein. Ich hoffe noch...", erzählte Burg Anfang vergangenen Jahres der Allgemeinen jüdische Wochenzeitung (1/99). "Die Geschichte der Juden ist gebaut auf Wunder. [...] Es kann nicht sein, daß Czernowitz untergehen soll."
