In seinem Buch Seeds of Change zeigt Henry Hobhouse anhand neuer Quellen, daß die Erfindung der Ur-Cola nicht auf den Apotheker John Smith aus Atlanta zurückgeht, sondern auf Mariani, den Erben einer langen Linie korsischer Apotheker und Mediziner. Wie es aussieht, muß das Braune-Brause-Imperium aus Atlanta seine Legende umschreiben, denn Mariani war es, der die berühmte "Entkokaisierung" der Coca-Blätter in Rotwein, und damit das Vorläufergetränk der heutigen Cola erfand. Als Beweis führt Hobhouse dreizehn Bände aus der British Library in London an, in denen sich die Äußerungen von einstigen Berühmtheiten über den "Coca-Wein" erhalten haben, den Doktor Mariani ab 1884 feilbot. Königin Victoria, die amerikanischen Präsidenten Grant und McKinley, der damalige Papst und eine Reihe von Künstlern - alle lobten das damals als medizinisches Heilgesöff vertriebene Tonikum in den höchsten Tönen.
Dennoch geriet es zunächst ein wenig in Vergessenheit. Nur besagter John Smith Pemberton aus Atlanta erinnerte sich und brachte in der zweiten Hälfte der 80er Jahre des letzten Jahrhundert die French Wine Cola auf den Markt. Sie basierte auf der schon von Mariani verwendeten afrikanischen Kola-Nuß, die zu dieser Zeit jedoch in Atlanta eigentlich nicht gehandelt wurde. Als damals in der Stadt alle Alkoholika, selbst in medizinischer Form verboten wurden, ersetzte Smith den Wein recht bald durch Zitronensaft und brachte das Getränk mit Kohlensäure zum perlen. Coca-Cola und die Gattung des Softdrinks waren geboren. 1891, der jährliche Ausstoß betrug sechshundert Liter, kaufte ihm der Apotheker Asa Griggs Chandler für schlappe 1750 Dollar alle Rechte an Coca-Cola ab. Heute tragen der Flughafen, das größte Hotel und eine der Hauptstraßen von Atlanta den Namen Chandlers. Er entwickelte auch die Flaschenform - die stilisierte Form der Koka-Nuß.
Die Prohibition von 1919 bis 1933 brachte dann den großen Durchbruch. Zum einen erfuhren nicht-alkoloholische Getränke in dieser Zeit einen enormen Aufschwung, und zum anderen enthielt das Getränk zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich doch noch eine geringe Dosis Kokain. In großen Mengen genossen waren so vermutlich weiterhin Wirkungen zu erzielen, die von Wasser oder Apfelsaft kaum zu erwarten waren. Mit Beginn der Prohibition 1919 ging Coca-Cola für mittlerweile 25 Millionen Dollar an den Südstaatenbankier Ernest Woodruff, der den Titel an die Börse brachte und der Marke ihr Image verpaßte.
Ein entscheidender Coup gelang ihm zu Beginn des II. Weltkriegs. Er ordnete an, daß jeder US-Soldat überall in der Welt für 5 Cents seine Coca-Cola kriegen solle. Auf diese Weise baute - mit der Unterstützung von Dwight Eisenhower - die US-Armee überall dort Cola-Fabriken, wo sie intervenierte und stationierte. Nach dem II.Weltkrieg war - mit Ausnahme der kommunistischen Länder - Coca-Cola damit weltweit bekannt und überall erhältlich. Der Rest ist bekannt. Der ehemalige kommunistische Widerstand - auch in westeuropäischen Ländern - gegen das "Symbol des US-Imperalismus" ist Geschichte. Bis heute verkauft die Firma ein geheim gebrautes Konzentrat in alle Ländern, wo dann Lizenzunternehmen Wasser drauf schütten und das Ergebnis in die Regale stellen.
Alles wegen eines korsischen Apothekers. Ob dessen Nachfahren in den USA jetzt bereits Urheberrechtsklagen gegen Coca-Cola laufen haben war bis Redaktionsschluß nicht bekannt.
