[ohne Bilder]   [zurück]
 
Ausgabe 03.0 - 01.02.2000

Gerechtigkeit ohne Innovation

Mit Andreas Preschel und Thomas Hansch (Karlsruhe) auf der innerdeutschen Datenautobahn.


Meine zentral gelegene Fabriketagenwohngemeinschaft kommt wie so viele ihrer Art in den Genuß eines ganz besonderen Service der Deutsche Post AG. Er ist in keiner der zahlreichen Broschüren des Briefmonopolisten verzeichnet, die entsprechenden Dienstleistungen aber werden tagtäglich diskret verrichtet: Die gesamte Briefpost des Hinterhauses wird stets zuverlässig bei uns angeliefert. Wir können uns dann aussuchen, was davon für uns von Bedeutung sein könnte. Das meiste aber werfen wir aber weg, wir wollen unseren Nachbarn schließlich nicht schaden.

Am 12.01.2000 allerdings wähnten wir das Informationszeitalter endgültig angebrochen, denn obige Serviceleistung schien sich nun auch auf elektronischem Wege zu uns durchzuschlagen. Die Welt als globales Dorf! Doch nicht Ron Sommer und Bill Gates, nein, Andreas Preschel und Thomas Hansch (Karlsruhe) sind dafür zu lobpreisen! Dank ihrer Hilfe konnte die Existenz des Y2K in Deutschland endlich doch noch nachgewiesen werden.

Und das ging so: Andreas Preschel, Funktionär des Judo-Verbands Berlin, ging offenkundig davon aus, daß es jetzt, nach erfolgreich überstandenem Millenium-Wahn, auf einige Nullen mehr oder weniger auch nicht mehr ankomme und ließ bei der Anwahl der Jugendherberge Wiesbaden einfach mal eine weg. Folglich überschritt sein Reservierungsfax die Grenzen des Landes Berlin nicht, landete wegen annähernder Nummerngleichheit auf unserem Anschluß. Da der Umgang mit nicht an uns adressierten Telebriefen bis dato keinerlei Verregelung unterworfen gewesen war, gaben wir unserem Herzen auf Drängen einer Besuchsperson den entscheidenden Stoß und schickten das Fax zurück. Sicherlich freute sich Herr Preschel schon seit längerem auf ein gemeinsames Wochenende mit sechs weiblichen Begleiterinnen, da konnten und wollten wir ihm nicht im Weg stehen.

Um Andreas Preschel für den Moment nicht weiter zu überfordern, kamen wir seiner Bitte um eine Reservierungsbestätigung prompt nach, zudem ersparten wir den Wiesbadener Herbergseltern somit das Wühlen in den Belegungsbüchern des Jahres 1900. Für das Verschlampen der Vorwahl-0 und die hundertjährige Verspätung seiner Reservierungsanfrage erwarb sich der Judo-Weltmeister von 1983 zudem noch den Anspruch auf den IQ-50-Tarif des Deutschen Jugendherbergswerks. Das schien uns die beste Lösung für alle Beteiligten zu sein.

P.S.:

Es ist für Ostdeutsche wie Andreas Preschel, deren technische Sozialisation sich noch unter dem bösen Stern der COMECON-Liste vollzog, auch knapp zehn Jahre nach Vollendung der Einheit sicher nicht leicht, sich in der Bundesrepublik zurechtzufinden. So ist der Hohenschönhausener offenkundig Gefangener eines langfristigen Knebelvertrags, mit dem er sich in den Nachwendewirren nicht nur dazu verpflichtete, gegen den Erwerb einer Handbuch WIN-Lizenz lebenslänglich und ausschließlich dieses nicht mehr ganz taufrische Programm zur Textverarbeitung zu nutzen. Zudem muß er die Monopolstellung von Thomas Hansch (Karlsruhe), die der von Bill Gates in nichts nachzustehen scheint, in jedem seiner Briefe bewerben. Nun lacht die ganze Welt darüber, daß sich der Y2K ausgerechnet in der Ex-DDR zutrug, obgleich der Fehler doch in einer mangelhaften Westsoftware liegen dürfte. So haben sich die Ostdeutschen die Wiedervereinigung sicherlich nicht vorgestellt. Und gerade darin liegt die Gerechtigkeit! Fehlt nur noch die Innovation. Schröder, übernehmen Sie!