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Ausgabe 04.0 - 01.05.2000

Bully Blödmann schlägt zurück

Mit Olympiasocken zur WTO


Liebe Leser von Ornament & Verzechen,

wer die Ausgabe vom Februar gelesen hat, weiß, wie gern ich dort die Blödmann-Corner eröffnet hätte. Das hat der Redakteur aber grimmig verhindert, indem er mich auf einen gewissen Schröder verwiesen hat. Über den dürfte ich schreiben, hat er gesagt. Für mich brach eine Welt zusammen: nix Blödmann-Corner, dafür aber über jemanden schreiben, den ich nicht kannte, der, wie ich verzweifelt feststellen mußte, nichts mit dem Schröder meiner Kinderzeit zu tun hatte. Dann bereitete ich den nächsten Versuch vor: Ich wollte über die Schwierigkeiten bei der Reiseplanung des Osterurlaubs schreiben, über die Freude, die mir das Auffinden eines Paares gelber Socken im Altkleidercontainer zwei Straßen weiter verursacht hat - wunderbare gelbe Socken mit Bärengesicht und "Berlin 2000" unterhalb des Bündchens, eine verträumte Erinnerung an die Zeit, als Berlin noch im Olympia-Fieber schwelgte - schließlich und endlich ging mir ein großer Aufmacher über eine volksnahe Ausschankstätte durch den Kopf, wo das kleine Bier mit nulldrei immer noch einsneunzig kostet. Kurz bevor ich zu o&v ging, bekam ich noch meine katholische Fachhochschulzeitung in die Hand, wo ein Artikel über das Gesetz der Serie zu lesen war. Ich beachtete den Artikel über die Seriengesetzgebung zunächst nicht - ich hatte ihn ja auch nicht verstanden - sondern brachte meinen Artikel über Reiseplanung mit schönen Frauen, Olympiasocken und volksnahe Ausschankstätten dem O&V-Redakteur. Und der sagte mir, ich sollte mir Gedanken machen zum GAD, dem 'Global Action Day' zur Expo, zu Sätzen wie "Fest steht: der zur Chiffre avancierte Begriff der 'Globalisierung' wird dem Widerstand zur inhaltlichen Klammer des Protests.", zu Fragen, wie denn nun die Perspektive der Linken in einer Bewegung aussähe, die Reisbäuerinnen aus Vietnam mit US-amerikanischer Cyber-Guerilla und französischen Landwirten einte... und schließlich und endlich zu Möglichkeiten, den reibungslosen Durchmarsch des Kapitalismus zu stoppen, anstatt Schwachsinn über Beziehung, Socken und Mallorca zu verzapfen.

Da war ich dann wieder ziemlich deprimiert und betroffen, und das sind doch auch alles wichtige und interessante Fragen, da müssen doch Antworten drauf zu finden sein und auch gefunden werden!

Erstmal bin ich beschämt von dannen gezogen und hab eine Nacht schlecht geschlafen. Aber schon am nächsten Tag bin ich los und mit dem Zug bis nach Frankreich in die Pyrenäen, in ein Tal ziemlich weit oben, zum Schluß zu Fuß natürlich, wo sich mein alter Freund Schroffensteiner Ende der achtziger Jahre niedergelassen hat. Schroffensteiner hatte sich durch seine Phantasie beim Behindern staatlicher Pläne einen legendären Ruf erworben, bevor er desillusioniert beschloß, in die Einsamkeit der Berge zu flüchten. Und nachdem ich ihm alles erzählt hatte, machten wir einen Plan, die Funken sprühten, das alte Feuer flammte wieder auf und wurde zum Flächenbrand.

Schroffensteiners Hausbach war gerade so richtig voll und gewaltig vom Schmelzwasser der Berge, wir fischten entwurzelte Kiefern heraus, spitzten sie an und rammten sie an einer besonders engen Stelle in den Boden. Die Zwischenräume stopften wir mit Grasbatzen aus und stauten so den Bach höchst beachtlich an. Während ich den Damm überwachte und kleine Ritzen stopfte, baute Schroffensteiner im inzwischen trockenen Bachbett Häuser auf und Messehallen, ein Kongreßzentrum, ein paar kleine Kanäle und ein Wasserrad. Das Kongreßzentrum sperrte er weitläufig ab, weil hier IWF und WTO und NATO tagen, und über dem Messegelände läßt er eine kleine Expo-Fahne wehen und kleine Lautsprecher mit dem Exposong von Kraftwerk stellt er neben den Eingang.

Ich entkorke derweil den Wein, damit er atmen kann.

Jetzt ist Schroffensteiner fertig, wir steigen gemeinsam den Hang hinauf, während sich hinter unserem Staudamm immer mehr Wasser sammelt. Mit langen Stangen lösen wir einen Stein aus seiner ursprünglichen Lage und geben ihm einen kleinen Stoß talwärts. Holpernd gewinnt er an Fahrt, beginnt er zaghaft und später immer heftiger zu springen, walzt er in breiter Spur auf den Damm zu und setzt mit einem harten Treffer ins Herz des Bollwerks alle Energie der angestauten Wassermassen frei: ein kraftvolles Inferno. Meterhohe Flutwellen reißen IWF und WTO und NATO fort, zahllose unverkaufte Expotickets quirlen durch die Fluten und Kraftwerk vergurkelt einen letzten Ton in einem mitreißenden Strudel. Später beruhigt sich das Wasser etwas und erreicht schon gemäßigt die Kanäle, die Schroffensteiner für die Bewässerung des Feldes der vietnamesischen Reisbäuerin und den Antrieb des Wasserrades gegraben hat. Am Wasserrad ist ein Generator angeschlossen, der die Computer der Cyber-Guerilleros versorgt. Alles läuft wie geschmiert.

Schroffensteiner und ich sitzen am Hang und schauen zu, wir sind erschöpft und glücklich, trinken unseren Rotwein, den wir natürlich vom lokalen Produzenten geholt haben. Die Ruhe der Berge ist wieder eingekehrt und begleitet unsere Freude: so einfach müßte es immer sein!

Denkt Bully Blödmann, une biere von geringem Verstand