ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 03.0 - 01.02.2000
Wer nun meint, dass für die Europäische Linke wichtigere Dinge anstehen würden als die Lektüre von Regierungsverlautbarungen, der irrt, entwerfen die jeweiligen Papiere doch Vorstellungen von Gesellschaft, die in ihrer Komplexität auch von der "Linken" erst einmal erfasst werden müssen. Denn bei dieser Terminologie fängt das Problem schon an: Was ist eigentlich "links"? Ein "Dogma", wie Schröder und Blair suggerieren? In jedem Fall darf sich "das Verständnis dessen, was 'links' ist [...] nicht ideologisch einengen". So zumindest lautet die Formel derer, die - frei von Differenzierungskriterien - zukünftig alles als linke Politik verkaufen wollen, was nicht mal mehr aus der Ferne an ihre Ursprünge, gar Traditionen erinnert.
Anders zunächst Jospin: "Wir sind der Meinung, dass wir ein kritisches Verhältnis zum Kapitalismus aufrechterhalten müssen." Der französische Regierungschef beruft sich gar auf "ein Erbe, auf das wir Stolz sind": "demokratische Regulierung der Wirtschaft", antizyklische Wirtschaftspolitik, und die Entwicklung von standhaften Sozialsystemen. Suggeriert Jospin damit zumindest noch einen positiven Bezug zur eigenen Vergangenheit, so präsentiert sich der "Dritte Weg" als diffuses Sammelsurium von "zeitlosen" Heilslehren wie der absoluten Notwendigkeit investitionsfreundlicher Angebotspolitik oder dem ewigen Sparsachzwang.
Anders gesagt: "Innerhalb des öffentlichen Sektors muss es darum gehen, Bürokratie auf allen Ebenen abzubauen, Leistungsziele zu formulieren, die Qualität öffentlicher Dienste rigoros zu Überwachen und schlechte Leistungen auszumerzen." Zudem soll in "Humankapital" investiert werden - Formulierungen, die der IG Metall-Chef Klaus Zwickel zurecht als "martialische Diktion des tausendjährigen Reiches" bezeichnet hat. "Der Staat soll nicht rudern, sondern steuern, weniger kontrollieren als herausfordern." Sie wollen den Staat nicht abschaffen, sie wollen, dass sich der Staat abschafft, oder besser abbaut - zunächst mal vor allem seine Verschuldung mittels der Kürzung der öffentlichen Ausgaben, der Leistungssteigerung und Verschlankung der öffentlichen Dienste, einer "Reform" der Sozialversicherungssysteme und einer wirtschaftsliberalen Aussrichtung der Politik.
Da hat der erprobte Sozialpädagoge Jospin natürlich noch, was diese Zunft immer hat, sprich so seine Bedenken: "Tun wir nicht so, als ob die Hinnahme erheblicher sozialer Ungerechtigkeit [die zwangsläufig aus den oben genannten Maßnahmen resultiert, K.L.] die Beschäftigung fördern könne." Der schröder-blairsche Auflösung des "Scheinwiderspruchs von Angebots- und Nachfragepolitik zugunsten eines fruchtbaren Miteinanders von mikroökonomischer Flexibilität und makroökonomischer Stabilität" mag sich Jospin dann aber nicht mehr verschließen, stellt das französische Gesetz zur 35-Stunden-Woche doch nichts anderes dar, als die Umsetzung dieser Formel in Form des Tausches von flexibleren Arbeitszeiten gegen Arbeitszeitreduzierung dar, die durch Effektivitätsgewinne mehr als wettgemacht wird. Und so schreibt Jospin ganz folgerichtig: "Stellen wir nicht mikroökonomische Politik gegen makroökonomische Politik."
Wo es Blair/Schröder nur noch um positives Denken geht, also darum, "eine Aufbruchsstimmung und einen neuen Unternehmensgeist auf allen Ebenen der Gesellschaft" zu fördern, da will Jospin noch, "um eine gerechte und menschliche Gesellschaft zu schaffen, [...] die Verbindung zwischen den Zielen und den Mitteln aufzeigen", und als Ziel weiterhin am Erhalt des Sozialstaates festhalten. Insgesamt hat Jospin für die meisten LeserInnen wohl noch den etwas keynsianistischeren, vielleicht sogar sozialeren Touch. Doch wenn es zu den Leitsätzen kommt, dann haben die Differenzen ein Ende und der Schwachsinn feiert Hochzeit: Schröder und Blair "unterstützen eine Marktwirtschaft, nicht aber eine Marktgesellschaft", und Jospin singt den Choral: "Ja zur Marktwirtschaft, nein zur Marktgesellschaft."
So stark die Europäische Linke gegen die Politik der "Neuen Mitte" mobil machen sollte, so sehr muß doch alle Konzepte von Staatlichkeit und keynesianistischer Regulation verwerfen. Denn wer wie Jospin verspricht, mit dem Staat gegen den Kapitalismus vorzugehen, der trennt in unzulässiger Weise die Politik von der Ökonomie. Eine kritische Theorie der Gesellschaft kann sich nicht positiv auf den Staat beziehen, auch nicht auf einen keynesianistischen, der nur schönere Tapeten im eisernen Gehäuse verspricht. Nachts sind alle Katzen grau.
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