ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 05.0 - 01.08.2000
Links zum Krieg 1
Zuweilen nehmen die Ordnungshüter das Schrotschussprinzip auch wörtlich. So etwa die vier jetzt freigesprochenen weißen Polizisten einer "Street Crime Unit", die vor einem Jahr den unbewaffneten Schwarzen Amadou Diallo mit 41 Schüssen durchsiebten. Dieser Fall symbolisiert recht gut die in den USA übliche Praxis, mittels eines repressiven Strafapparates für die Aufrechterhaltung nicht nur der sozialen, sondern auch "rassischen Ordnung" zu sorgen. So hat ein Afro-Amerikaner eine statistisch acht Mal größere Chance in den Knast zu wandern als ein Weißer. Für einen Lateinamerikaner ist die Wahrscheinlichkeit immerhin noch sechs Mal größer.
In ihr beschreibt und analysiert Wacquant die Geschichte und Auswirkungen dessen, was er recht allgemein den "neuen punitiven Gemeinsinn" nennt. Ihm zufolge handelt es sich dabei ganz schlicht um die logische und notwendige Fortsetzung des ökonomischen Neoliberalismus mit autoritär-repressiven Mitteln. Indem dieser dazu beitrage, die Armut seiner Opfer zu kriminalisieren, könne er sie unter dem Applaus der Öffentlichkeit einkerkern, ohne sich selbst in Frage stellen zu müssen. So entstehe ein "liberal-paternalistischer Staat", wie er in USA bereits existiere, und wie er sich nun anschicke, mit einem von Politikern, Medien und Pseudo-Experten propagierten Ideologiemix aus moralischer Aufrüstung, individualisierter Verantwortung und einer systematisch strafenden Sozialkontrolle den Rest der kapitalistischen Welt zu erobern. Auf die ökonomische Deregulierung folge eine repressive Überregulierung, auf den Abbau des Sozialstaates der Aufbau eines omnipotenten und omnipräsenten Strafapparates. Willkommen im real-existierenden Monopoly-Kapitalismus: Gehen Sie ins Gefängnis und ziehen Sie keine 4000 Mark ein.
Der 3. Weltkrieg - Passage 7
Habt Ihr, die Ihr dies lesen könnt, auch daran gedacht? So manch ein Russe könnte humaner sein, als ein Plünderer, Fanatiker und geistesgestörter Irrer. Gefängnisse, Irrenhäuser usw. werden ihre Pforten öffnen. Es wird, wie prophezeit, zu einer wilden Jagd auf Erden kommen. Was für ein Schreck, liebe Leser. Wohl denen die diese Seiten lesen können und sich Gedanken machen werden.
Mit 350.000 staatlich und 250.000 privat Beschäftigten ist der Strafapparat einer der fünf größten Arbeitgeber der USA. Gleichzeitig arbeiten die Häftlinge für Unternehmen wie Microsoft, TWA, Boeing oder Konika, und zwar zu Löhnen, die selbst das McDonalds-Management vor Neid erblassen lassen. Zudem werden immer mehr Gefängnisse privatisiert, und so wurde eine krisensichersten Branchen überhaupt geschaffen. Für den "Rohstoff Gefangene" ist immer gesorgt, und wenn es doch mal Probleme gibt die Zellen zu füllen, so beinhaltet das Servicepaket der Sicherheitsfirmen nicht nur den Bau und die Unterhaltung von Gefängnissen, sondern auch die Beschaffung von Häftlingen aus Bundesstaaten, deren Kontingente erschöpft sind. Kein Wunder, wenn die Branche boomt und zu den Lieblingen der Börse gehört.
Doch ist es, wie Wacquant verdeutlicht, ein anderer Punkt, der den Ausbau des Strafapparates volkswirtschaftlich erst wirklich interessant macht. Denn gepaart mit immer geringeren Sozialleistungen und einer zunehmend repressiven Strafpolitik, zwinge er die Menschen auf den vollkommen deregulierten Arbeitsmarkt. Da es immer schwieriger gemacht werde, außerhalb dieses Marktes zu überleben, bleiben tatsächlich nur noch wenige Alternativen: Entweder zu niedrigsten Löhnen und unmenschlichsten Bedingungen die letzten McJobs anzunehmen, zu verhungern, oder in den Knast zu wandern. Die Ergebnisse dieser Politik in den USA können sich sehen lassen: 35 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, 50 Millionen haben keine Krankenversicherung, 7 Millionen keine Wohnung, 2 Millionen sitzen im Knast, weitere 4 Millionen stehen unter staatlicher Aufsicht, der Mindestlohn lag 1997 real um 20% unter dem von 1967 - und die US-Wirtschaft steht besser da denn je. Sinnbild dieser Entwicklung ist Kalifornien. Der Bundesstaat verfügt über die niedrigste Arbeitslosenquote der USA, und nennt gleichzeitig eine Gefängnispopulation, die genauso groß ist, wie die von Kontinental-Europa.
Forum 3. Weltkrieg - Teil 2: leben is ne sucht
wir müssen uns in 8 nehmen vor der versuchung, kein sinn im leben zu haben.
wir werden uns bald alle von innen sehen, trotzdem wird keiner verstehen, wer wir sind, wo wir sind und was wir sind. das allgemeine leben hat den sinn und zweck den es ursprünglich gehabt hat nicht erfüllt. ausschlaggebend dafür ist die allgemeine gesellschaft, die uns unser leben vorschreibt. ich möchte alle, die diese nachricht lesen, dazu auffordern, zu leben, wie sie selber wollen.
XY
Nahezu "metastasenartig" droht sich laut Wacquant nun auch diese repressive Kehrseite des Neoliberalismus über den Globus zu verbreiten, die sich auf Polizei und Strafapparat stützt, um der aus Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau resultierenden "Unordnung" Herr zu werden. Seien es Südafrika, Neuseeland, Australien oder Kanada, Argentinien, Brasilien oder Mexiko, Österreich, Schweden, Holland oder Spanien, Italien, Deutschland oder Frankreich - in allen Strafsystemen weißt Wacquant nach, was er "Amerikanisierungstendenzen" nennt. Insbesondere hat er es auf Tony Blair abgesehen, dem er als Vorreiter der europäischen Sozialdemokratie attestiert, in völliger Einigkeit mit der reaktionärsten amerikanischen Rechten stets seinen festen Glauben an die puritanische Selbstverantwortung des Individuums zu bezeugen, und damit an jene anthropologische Prämisse des Neoliberalismus, aus der dieser all seine wirtschaftlichen, sozialen und nun auch repressiven Schlußfolgerungen ableite. Denn wenn, wie es diese Ideologie nahelege, nicht demographische, ökonomische, soziale oder kulturelle Gründe die Quelle von Kriminalität seien, sondern vielmehr die individuelle Verruchtheit der Kriminiellen selbst, dann müsse sich keineswegs die Gesellschaft ändern, sondern es gehe nur noch darum, ihre mißratenen Mitglieder zu disziplinieren.
Diese zu legitimieren braucht es laut Wacquant dann noch ein letztes wichtiges Versatzstück - die Produktion von Angst vor Chaos und Kriminalität. Insbesondere die seit der neoliberalen Wende der 80er Jahre bei Politikern ungeheuer beliebt gewordene Strategie, soziale Probleme in einer Terminologie zu reformulieren, die eine diskursive Verbindung zwischen Armut und Ausländern, Unsicherheit und Kriminalität, Illegalität und Immigration herstellt, hat dabei bekanntlich schon jetzt hervorragende Dienste geleistet. Den zweite Pfeiler der Angstproduktion sieht Wacquant im Katastrophenszenario "explosionsartig anwachsender urbaner Gewalt frustrierter Jugendlicher". Objektiv betrachtet ist das zwar Unsinn, wie Wacquant richtig bemerkt, da höchstens die mediale Präsenz dieser Phänomene explosionsartig angewachsen ist, aber gerade dank dieser öffentlichen Omnipräsenz leistet auch dieses Klischee einen großen Beitrag, um polizeiliche Härte und letztlich einen repressiveren Staat "unvermeidbar, dringend und vorteilhaft" erscheinen zu lassen.
Der 3. Weltkrieg - Passage 4
"Wir werden ums nackte Überleben kämpfen müssen. Nicht nur gegen Soldaten, sondern auch auf einer verödeten Landschaft, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Hygiene. Darum sollte sich jeder jetzt Gedanken machen und nicht erst dann, wenn es anfängt. Was sagte Gorbatschow? "Wer zu spät kommt, dem straft das Leben?" Hier hat er vollkommen recht.
Wacquants Fazit ist eindeutig. Immer mehr setze sich gerade auch in Europa die Idee durch, die "schlechten Armen" müßten vom starken Staat an die Hand genommen werden, um ihnen mittels steigender öffentlicher sowie härteren administrativen und juristischen Sanktionen die wirtschaftlich notwendige Disziplin einzubleuen. Seien die Strafen zwischen den USA und Europa heute auch noch unterschiedlich dosiert, so herrsche doch bereits grundsätzliche Einigkeit. Zwar gebe es in Europa aus folkloristischen Gründen noch einen gewissen staatlichen Schutz gegen die allergröbsten Marktmechanismen, doch seien die verarmten Fraktionen der postfordistischen Verlierer schon heute Opfer eines auf systematischer Informationserfassung basierenden "Sozial-Panoptismus", der auf die europäische Wirtschafts- unweigerlich eine Strafunion folgen lasse werde. Nicht nur Schengen und Europol, sondern alle Äußerungen und Maßnahmen europäischer Regierungen in den letzten Jahren ließen keinen anderen Schluß zu, als das ein neues, repressives, und extrem realitätsmächtiges Einheitsdenken nach US-amerikanischem Vorbild heraufziehe.
Die Lektüre des Buches läßt keinen Platz für Zweifel: Die "unsichtbaren Hände" (Adam Smith) kleiden sich in Stahl.
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