ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 02.0 - 15.10.1999
How to be saved and know it war der Titel des erbaulichen Traktats, das mir an meinem ersten Tag in Jerusalem von mitfühlenden Christen in die Hand gedrückt wurde. "If you should die today, where would you spend eternity?" war definitiv nicht die Frage, die ich mir an diesem Tag stellen wollte, aber ich muss wohl etwas verwirrt ausgesehen haben und wurde unversehens zum Essen eingeladen, "as the Lord provides". Diese gute Tat einer evangelikalen Christin rettete mich immerhin vor einem nächtlichen Spiessrutenlauf - auf der Suche nach Eßbarem in der Männerwelt der Jerusalemer Altstadt.
Die Stadt hat bei mir in kürzester Zeit jegliche Ambitionen zerstört, hier - wie alle anderen Ausländer - ein wenig Kirchentourismus zu betreiben. Denn der christliche Glaube fabriziert in Jerusalem wirklich einige seltsame Blüten: Besonders beeindruckt hat mich die Kreuzausleihstelle in der Via Dolorosa, wo sich Fundamentalistenchristen lebensgrosse Kreuze ausleihen, um sie auf ihrem Pilgerweg entlang der Stationen des Kreuzganges Jesu singend auf ihrem Rücken zu tragen. Mein eigener Fehler, zwecks Wohnungsuche nicht nur in die Altstadt, sondern dazu noch in ein christliches Hospiz zu ziehen, wo es vor "Born Again Christians" nur so wimmelt.
Wie konnte es so weit kommen? Schließlich war ich mit einem historisch bedingten pro-israelischen Hintergrund nach Jerusalem gekommen, um mir hier die andere, die palästinensische Seite des Konflikts anzuschauen. Zwei Monate lang arbeite ich für eine deutsche Stiftung im arabischen Teil Jerusalems, die durch ihre Arbeit den palästinensischen Demokratisierungsprozess unterstützen will. Doch schon bei der Wohnungssuche durfte ich meine hehren Ansprüche an Parteilosigkeit und Konfliktbeobachtung schnell über den Haufen werfen: "Du sagst mir, wo du wohnst und ich sage dir, wer du bist" zählt in Jerusalem leider zu den sozialen Grundregeln. Zwar ist die Stadt inzwischen nicht mehr durch eine Grenze geteilt und auch das klassizistische Tourjeman-Haus, mit den zu Schiessscharten zugemauerten, hohen Fenstern an der Grenze zwischen West und Ost, ist inzwischen nur noch eine Touristenattraktion. Doch die Segregation der Stadt in einen "Yerushalaim" genannten westlichen und einen mit "Al-Quds" bezeichneten östlichen Teil ist annähernd total.
Wohnen stellt in Israel nach wie vor ein Politikum dar. Schliesslich will niemand, der in Ost-Jerusalem arbeitet, plötzlich und nichtsahnend vor einem Appartement in einer der festungsähnlichen jüdischen Siedlungen in den palästinensischen Aussenbezirken stehen. So versuchte ich es mit der Wohnungssuche zunächst über die englischen Zeitungen. Nichts. Keine Chance. Jedenfalls nicht im Osten, aber das hätte ich vorher wissen können. In der Altstadt überbrachte Angebote à la "You wanna see my flat, nice flat, just around the corner..." hatte ich schon am zweiten Tag routiniert abzulehnen gelernt.
Nachdem es meine Nachbarn wiederholt für nötig befunden hatten, ihre Festivitäten direkt vor meinem Fenster zu veranstalten, war es dann soweit. Mit einem unbestimmten Gefühl des Verrats an meinen palästinensischen Kollegen und Freunden suchte ich die israelische Wohnungsvermittlungsstelle She'al in Westjerusalem auf. Aber auch hier war nichts zu finden. Insgeheim war ich allerdings froh, mir die Auseinandersetzungen sparen zu können, die ich ob einer politisch höchst "inakzeptablen" Adresse schon vor mir sah. Inzwischen wohne ich in Ramallah, der inoffiziellen Hauptstadt der selbstverwalteten palästinensischen Gebiete, Yerushalaim/Al-Quds liegt abends weit hinter mir. Nach Ramallah verirren sich keine Touristen, die internationale Gemeinschaft der Expatriates und Entwicklungshelfer ist klein und vernetzt, man kennt sich und beäugt interessiert-abwartend die Neuankömmlinge, während über einer Tasse Tee im Kanbata Zaman das Unterhaltunsprogramm im englischen This week in Palestine diskutiert wird. Abends trifft man sich im englischsprachigen Kino des lokalen Kulturzentrums oder betrinkt sich in einer der ausländischen Wohngemeinschaften. Hier in Ramallah ist klar, wo der Feind steht und die Sätze beginnen schon mal mit "I'm certainly not an antisemite, but ..." oder auch "You know, that's just the way THEY are...". Wenigstens das gemeinsame Feindbild integriert in Ramallah, dort, wo so vieles im Chaos versinkt und das Leben doch recht unkoordiniert zu verlaufen scheint - jedenfalls für Newcomer wie mich. "Welcome to Palestine" sagt meine Mitbewohnerin immer nur und lacht, wenn ich mit neuen seltsamen Geschichten aus dem palästinensisch-israelischen Alltag nach Hause komme.
Es ist hier sehr einfach, der israelischen Kultur vollständig aus dem Weg zu gehen. An manchen Tagen ist die allmorgendliche Grenzkontrolle auf dem Weg zur Arbeit mein einziger und nicht immer freundlicher Kontakt zu Israelis. "Klar, wir haben peacecamps gemacht, zusammen mit Israelis im Sommer, haben uns auch gut verstanden, aber danach haben wir vielleicht noch zweimal telefoniert und das wars" berichtet eine palästinensische Bekannte über ihre Erfahrungen. Selbst für mich ist es schwierig, Israelis kennenzulernen. In Ramallah oder bei meinem Job in Ost-Jerusalem begegnen sie mir nicht. Und sollte ich in Westjerusalem doch einmal mit Israelis sprechen, so vermeide ich es tunlichst, meinen Wohnort zu erwähnen.
Auch am öffentlichen Transportsystem kann man einiges über den Stand des israelisch-palästinensischen Konflikts ablesen. Nicht nur Jerusalem, die gesamte Westbank ist zweigeteilt: Während Egged, die nationale israelische Busgesellschaft, die zahlreichen israelischen Siedlungen in der Westbank auf den neuen israelischen "Bypassroads" bedient, bewegen sich die serfis-Sammeltaxen auf den palästinensischen Huckelpisten mühsam zu ihren Zielorten. Kraftfahrzeuge mit den grünen - also palästinensichen - Nummernschildern haben auf den "gelben" Strassen der Israelis nichts verloren.
Der Egged-Bus No. 23 transportiert junge Israelis aus der Weststadt direkt zum östlich gelegenen, erdbeben- und atombombensicheren Campus der Hebrew University - eine der wenigen Gelegenheiten, auch im palästinensischen Teil der Stadt einmal Miniröcke und Trägertops zu sehen. In den serfis dominiert der Schleier und nach Einbruch der Dunkelheit würde es kaum einer palästinensischen Frau einfallen, allein auf der Strasse gesehen zu werden. Was mich dann abends mitunter in die Situation bringt, in einem Ford Transit voller singender und rauchender Palästinenser mit lauter arabischer Musik in halsbrecherischem Tempo über die Landstraße nach Ramallah zu kacheln. Unter den Fahren gilt es im übrigen als Ehrensache, sofort hinter dem Checkpoint den Gurt abzuschnallen - was bei den Verkehrsverhältnissen in Ramallah und Umgebung keine allzu gute Idee ist. Als städtische Devise für Fussgänger wurde mir "just walk, they'll stop ... eventually" übermittelt.
Je länger ich mich aber zwischen Westbank und Jerusalem bewege, desto mehr verschwimmt das schwarz-weisse Bild dieser geteilten Gesellschaft: Ohne den IDF-Soldaten am Checkpoint, der kürzlich arabisch mit meinen Mitfahrenden sprach und mich freundlich im Land begrüsste, ohne den griechisch-palästinensischen Freund, der mitten in der Westbank hebräische Volkstänze lauthals und bei offenem Fenster mitsingt, ohne den Bekannten, dessen Familie ein Haus in einer jüdischen Siedlung besitzt, wo er mit Freunden bisweilen auf dem Rasen der jüdischen Siedler grillt, ohne diese Ausnahmen vom allgegenwärtigen Muster des gegenseitigen Mißtrauens wäre ich an diesem hoffnungslos verfahrenen Konflikt schon längst verzweifelt.
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