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Ausgabe 00.0 - 20.04.1999

"Globalisierung! Wir wissen genau, wo Du wohnst!"

Altvater und Mahnkopf modernisieren das Böse


Irgendwann in den 90er Jahren machte der Begriff "Globalisierung" Karriere und jeder der des Schreibens mächtig war und seine Veröffentlichungsliste erweitern mußte, lieferte prompt einen Beitrag zu diesem Thema. Ein Schlagwort machte Karierre. Der Verdienst von Elmar Altvater, Professor für Politische Ökonomie an der FU Berlin, und Birgit Mahnkopf, Professorin an der TFH Berlin, liegt darin, daß sie versuchen Zusammenhänge herzustellen und insbesondere die Grenzen der Globalisierung zu bestimmen, denn Globalisierung ist kein Prozeß, der ad infinitum fortgesetzt werden kann. Die damit zusammhängenden Probleme werden von Standortideologen kaum behandelt oder aber die Globalisierung zum Sachzwang erklärt, dem sich alle zu unterwerfen hätten. Was verstehen nun Altvater/Mahnkopf unter Globalisierung?

Als Kernpunkte der Globalisierung betrachten sie die Beschleunigung in der Zeit und in der Erorberung neuer Räume. Beschleunigt werden u.a. die Warenproduktion, der Transport und der Konsum von Waren. Die Globalisierung hat die zunehmende Integration von Regionen und Nationen in den Weltmarkt zur Folge. Die Warenproduktion wird transnational oder global in Netzwerken organisiert. Die räumlich Expansion bewegt sich beispielsweise auch in die Körper - die in den Genen liegenden "Informationen" werden der Manipulation zugänglich gemacht. So wird der Weg freigemacht, um sie effizient in Wert zu setzen. Das spezifisch Neue an der Globalisierung sehen Altvater und Mahnkopf darin, daß die Transport-, Kommunikations- und Transaktionskosten gesunken sind und damit auch Konkurrenzgrenzen fallen. So wird es möglich, weltweit die Produktionskosten zu vergleichen. Ebenfalls neu ist die Identität von Globalisierung und Deregulierung. Die Gestaltungsmacht der Nationalstaaten wird gegenüber den Marktkräften geschwächt.

Eine konstrastreiche Unterscheidung ist die zwischen Globalisierung als Prozeß und Globalität als Zustand. Globalisierung ist ein Prozeß, der weiter vorangetrieben wird. Er kann unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht in einen Zustand der Globalität einmünden. Der Prozeß der Globalisierung ist ein Prozeß der Spaltung in eine Geld- und eine Arbeitsgesellschaft. Die einen können ihr Geld für sich "arbeiten" lassen, die anderen sind auf Erwerbsarbeit angewiesen. Die Geldvermögensbesitzer haben ein Interesse an Geldwertstabilität sowie hohen Zinsen, sie müssen staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Die Arbeitsgesellschaft bleibt territorial gebunden. Die Arbeit muß vor Ort gefunden werden. Die Geldgesellschaft findet ihre Einkommensquelle auf globalen Finanzmärkten und es ist beliebig, von welchem geographischen Punkt aus sich ihre Mitglieder in sie einloggen. Die Ungleichheiten nehmen zu, eine Weltgesellschaft kommt auf dieser Grundlage nicht zustande.

Aufschlußreich sind insbesondere die Ausführungen zum "entfesselten Weltmarkt". Hierbei beziehen sich Altvater/Mahnkopf auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, der in The Great Transformation beschrieben hat, wie sich der Markt während der industriellen Revolution aus seinen sozialen und ökologischen Bindungen löst. Er bezeichnetet diesen Prozeß als Entbettung. Seiner Ansicht nach ist der selbstregulierende Markt eine krasse Utopie. Dieser werde die menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft vernichten. Daher ergreife die Gesellschaft Maßnahmen zu ihrem eigenen Schutz, die die selbstregulierende Funktion des Marktes beeinträchtigten. Altvater/Mahnkopf übernehmen den Gedanken, daß die Ökonomie in die Gesellschaft eingebettet war, sich zunehmend entbettet und als Sachzwang auf die Gesellschaft zurückwirkt. Sie erweitern Polanys Begrifflichkeit um bestimmte Stufen der Entbettung. Die erste Stufe ist die Verdopplung der Gesellschaft in Gesellschaft und Staat. Die zweite Stufe ist die Entbettung des Geldes. Die monetäre Sphäre des globalen Finanzsystems entkoppelt sich von den realökonomischen Prozessen. Schließlich wirkt der Weltmarkt als "Sachzwang" auf die Gesellschaft zurück. Der Weltmarkt wird zum Bezugssystem und gibt die Standards der Modernisierung vor. Die AutorenInnen betonen aber auch die zentrale Rolle der energetischen Basis bei der Entbettung. Denn die industrielle war auch eine fossilistische Revolution. Durch den zunehmenden Einsatz fossiler Energie wurde die Beschleunigung verschiedener Prozesse erst möglich, moderne Verkehrs- und Kommunikationsmitel konnten erst auf dieser Basis entwickelt werden. Die negative Rückwirkung des zunehmenden Einsatzes fossiler Energie aber zeigt sich beispielsweise im "Treibhauseffekt".

Die Grenzen der Globalisierung sehen Altvater/Mahnkopf in der Zerstörung der ökologischen, sozialen und kulturellen Grundlagen kapitalistischer Gesellschaften. Bemerkenswerterweise ist den ökologischen Grenzen nicht nur ein separater Teil gewidmet. Die Autoren haben versucht, die Fragen des gesellschaftlichen Naturverhältnisses und dessen Veränderungen in alle Teile des Buches zu integrieren. Was sie vom ökologischen Mainstream ebenso unterscheidet ist, daß sie die kapitalistische Produktionsweise für die Analyse der Mensch-Natur-Beziehungen für entscheident halten. Durch die ökonomische Globalisierung werden stetige Produktivitätssteigerungen erzwungen, um in der Weltmarktkonkurrenz mithalten zu können. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität aber ist nicht ohne erhöhten Input von natürlichen Ressourcen und dem damit verbundenen erhöhten Ausstoß von Schadstoffemissionen zu haben.Tendenziell wird der Planet Erde also zunehmend ausgebeutet und vermüllt. Zudem stellen Altvater/Mahnkopf die wichtige Frage, ob Märkte, die bisher nur Waschstum reguliert haben, dazu geeignet sind, um Stagnation oder Schrumpfung des ökonomischen Systems zu regulieren. Die den ökologischen Diskurs beherrschende Standardliteratur wie Zukunftsfähiges Deutschland oder Faktor Vier werden in diesem Zusammenhang erhellend kritisiert. So verdeutlichen die Autoren beispielsweise, daß die vom Präsidenten (sic) des Wuppertal-Instituts, Ernst Ulrich von Weizsäcker, angemahnte Effizienzrevolution systemimmanent bleibt. Unternehmen sind aus Kostengründen seit jeher daran interessiert, den Einsatz von Produktionsmitteln, Rohstoffen, Hilfs- und Betriebstoffen zu minimieren. Ein Umstand übrigens, auf den Karl Marx unter der Überschrift Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals bereits im 2. Band des Kapital hingewiesen hat. Die ökologische Krise aber ist trotz dieser permaneten Erhöhungen der Ressourceneffizienz entstanden.

Altvater/Mahnkopf beschließen ihr Buch mit einem politischen Programm, dem Versuch, Wege in eine alternative Entwicklungsbahn aufzuzeigen. Für zentral halten sie hierbei die Regulation von Geld, Arbeit und Energie. Die Geld- und Kapitalmärkte sollen mittels einer Kapitaltransaktionssteuer (Tobin-Tax) entschleunigt werden. Dabei drängt sich allerdings die Frage auf, wie eine solche, nur multinational umsetzbare, Steuer politisch durchgesetzt werden könnte und wie das entsprechende Steueraufkommen verwendet werden soll. Mittels einer Energiesteuer und entsprechender politischer Maßnahmen soll der Energieverbrauch vemindert und der Ausstieg aus der Atomenergie organisiert werden. Durch eine Energiesteuer werden, bei entsprechender Ausgestaltung, auch Transporte verteuert und somit die Konkurrenzgrenzen sowie die Chancen auf eine Re-Regionalisierung erhöht. Für den Bereich der gesellschaftlichen Arbeit schlagen die Autoren eine steuerfinanzierte Grundsicherung und eine Politik der Arbeitszeitverkürzung vor. Sie selbst hegen Zweifel, ob diese Ziele überhaupt mit marktkonformen Instrumenten realisiert werden können, hoffen aber, daß genug Zeit für "trial and error" bleibt. Hier sind große Zweifel angebracht, denn die vorgeschlagenen Mittel werden den Kapitalismus sicherlich sozial und ökologisch modernisieren. Die von Altvater/Mahnkopf zuvor ausführlich dargestellten Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung werden mit diesem Programm allerdings keineswegs aufgehoben, der Kapitalismus lediglich entschleunigt. Und das kann doch nicht alles sein, oder?

Elmar Altvater/Birgit Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Westfälisches Dampfboot. 4. Auflage. Münster 1999. 637 Seiten. 58,00 DM.