ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 01.0 - 15.07.1999
"Untermenschen" gehören gemeinhin nicht zur ersten Garde cineastischer Protagonisten. Die Nazis etwa drehten in der Zeit ihrer Herrschaft über 1000 Filme, doch davon waren nur eine Handvoll antisemitisch. Im größten Teil der Filme stand vielmehr das Bemühen im Vordergrund, die faschistische Ideologie positiv in Szene zu setzen. Nicht anders als die Figur des Indianers in den einschlägigen Western erhielt das "Böse" selten ein menschliches Antlitz und verblieb in unpersönlicher Konturlosigkeit. Diese Silhouetten erinnerten nur wenig an sprechende und handelnde Menschen, so daß es dem Publikum nahezu verunmöglicht wurde, sich mit diesen verschwommenen Repräsentationen des Bösen zu identifizieren. Die per se als "böse" kategorisierten Objekte dürfen keinesfalls mittels eines Identifikations- und Verständnisprozesses "humanisiert" werden, denn dies bedeutete nichts anderes als ihre Verharmlosung, wenn nicht gar ihre Affirmation. So die Grundregel filmischer Stigmatisierung.
Die ganze Ambivalenz des Films Un spécialiste. Portrait d`un criminel modern, einer dramatisierten Dokumentation des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem, entspringt letztlich dem Verstoß gegen diese Regel. Denn in den gut zwei Stunden, die Rony Brauman und Eyal Sivan aus den existierenden 350 Stunden Filmmaterial des Prozesses herausgefiltert haben, geben sie Adolf Eichmann viel Zeit und Raum, um sich zu erklären. Im Geiste Raul Hilbergs ziehen sie zum Verständnis der industriell betriebenen Massenvernichtung nicht nur die Akten der Nazis zu Rate, sondern geben zumindest einem der Täter selbst das Wort. Der Staatsanwalt Gideon Hausner, die Richter, die Zeugen, das Publikum und der Verteidiger treten nur in Nebenrollen auf. So entsteht ein auf seiner Selbstdarstellung beruhendes Portrait Eichmanns, daß ihn weniger als Inkarnation des "Bösen", sondern eher als dessen Werkzeug; weniger als Monster, sondern eher als Menschen zeigt.
Eichmann sitzt in seinem Glaskasten: ein Mann mittlerer Größe, in den Fünfzigern, kurzsichtig mit Brille und Halbglatze, Anzug und Krawatte. Vor ihm ein Haufen sauber gestapelter Akten, die er immer wieder zur Hand nimmt, durchblättert, liest, markiert. Es ist der Auftritt eines erschreckend normal wirkenden Mannes, der durch seine Arbeit Millionen von Menschen im Rahmen der "Endlösung" in den Tod schickte. Keineswegs schämt sich Eichmann seiner Taten, er leugnet sie nicht; im Gegenteil, er erzählt detailliert und präzise von seiner Arbeit. Auf deren perfekte Ausführung ist er stolz. Niemand könne ihm vorwerfen, er habe seine Arbeit nicht sehr gut gemacht - immer entsprechend seiner Expertenfähigkeiten und der ihm erteilten Befehle. Seine Pflicht habe er immer erfüllt und hätte er es nicht getan, dann andere.
Zwar habe er von der "Endlösung" gewußt, ebenso von seinem Beitrag zu ihrer Vollstreckung, doch habe ihm dies Gewissensprobleme bereitet. Nachdem er verschiedene Konzentrationslager gesehen hatte, habe er sogar um seine Versetzung gebeten. Doch diese sei ihm aufgrund seiner speziellen Fähigkeiten nicht bewilligt worden. Da er nicht im Angesicht des Grauens vor Ort arbeiten mußte, habe er sich entschieden, weiterhin seine Pflicht zu erfüllen. All dies erzählt er ruhig und überzeugt. Er erscheint dabei nicht als perverser Schlächter oder machtbessener Sadist, sondern als gewissenhafter Schreibtischtäter, der seine administrative Arbeitsroutine pflichtbewußt, gehorsam und präzise absolvierte. Dabei hat er sich weniger der passionierten Hetze schuldig gemacht als vielmehr der vollständigen Unterwerfung unter die Autoritäten und ihre eliminatorischen Pläne. Dementsprechend sieht Eichmann sich als "Rad", als "Transmissionsriemen", als "Tropfen im Ozean". Er ist einer von "Hitlers willigen Vollstreckern", einer von vielen, die bewußt ihre Positionen ausfüllen, ihre Arbeitsroutinen ausführen, deren wirklicher Inhalt sich hinter euphemistischen Bezeichnungen verbirgt, die die Vernichtung mental neutralisieren und in eine Folge banaler bürokratischer Handlungen transformieren.
Dies hat Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem, auf das sich Brauman und Sivan explizit beziehen, auf die Formel der "Banalität des Bösen" gebracht. In ihr kommt jene frappierende Diskrepanz zwischen der Monstrosität des Verbrechens und der Mediokrität des Verbrechers zum Ausdruck, die auch der Film in erschreckender Weise nachzeichnet. Kaum jemand wird sich den identifikatorischen Angeboten Eichmanns vollständig entziehen können. Dieser Effekt wurde von Brauman und Sivan ausdrücklich angestrebt, denn mit ihrer Dramatisierung des Stoffes haben sie sich zum Ziel gesetzt, den Eichmann-Prozeß als Parabel auf die Gegenwart zu inszenieren, als Paradebeispiel eines Funktionsmechanismus, der in allen modernen Staaten und Individuen mindestens angelegt ist, wenn nicht gar stetig wirkt.
Der Film verzichtet bewußt auf die im Eichmann-Prozeß gezeigten Horrorbilder aus den Konzentrationslagern. Da bereits tausendfach gesehen und kommentiert seien diese - so Brauman/Sivan- mittlerweile zu Klischees geworden. Für sie gelte, was Roland Barthes über Schock-Bilder geschrieben hat: "Ihnen gegenüber sind wir unseres Urteils enteignet. Man hatte für uns Angst, man hat für uns gedacht, man hat für uns geurteilt; der Photograph hat uns nichts übriggelassen - nur ein einfaches Recht auf intellektuelle Zustimmung."
Brauman/Sivan setzen für ihren Film somit ein aufgeklärtes Publikum voraus, basierend auf der Annahme eines umfassenden Vorwissens um den Nationalsozialismus. Durch den Verzicht auf die brutalen Bilder des technisch-industriellen Massenmords setzen sie auf die Imagination des Publikums gegen die Kraft von Effekten, auf die lakonische Unterbreitung gegen das anklagende Pathos. Dementsprechend postulieren sie: "Wenn das politische Ereignis auf pathetische Empörung reduziert wird paralysiert das Mitleid das Denken, das Verlangen nach Gerechtigkeit sinkt herab zu humanitärem Beileid. Dort residiert die Banalisierung des Bösen."
Einer der meistdiskutierten Punkte des Films betrifft seine technische Seite. Um den von ihnen beabsichtigten Gegenwartsbezug ihrer Dokumentation zu steigern und die historisch-mentale Distanz des Publikums zu mindern, haben Brauman und Sivan die Archivbilder und -töne einer umfassenden Bearbeitung unterzogen. Der Dramatisierung ihres Materials entsprechend haben sie die Technik in den Dienst der Textur cineastischer Jurisdiktion gestellt. Ausgehend von den an filmischen Prozeßdarstellungen geschulten Sehgewohnheiten der Zuschauer wurde das Material bild- und tontechnisch auf heutige TV-Standards gebracht, allerdings nicht koloriert. Des weiteren wurden aus verschiedenen Kameraeinstellungen Schwenks über den gesamten Gerichtssaal computergeneriert. Um räumliche Bezüge zwischen Gericht und Angeklagtem, Staatsanwalt und Publikum herzustellen wurden zudem Spiegelbilder in die Scheiben der Glasbox des Angeklagten kopiert. Dies alles ist für den Zuschauer nicht als Eingriff erkennbar.
Dabei ist den Machern sicherlich zuzustimmen, daß die Auswahl von zwei aus 350 Stunden Filmmaterial einen wesentlich massiveren Eingriff in die "Authentizität" des Gesamtmaterials darstellt als eine Tricktechnik à la Forrest Gump. Ob diese Methoden allerdings notwendig waren, um den Film zu einem "intelligiblen Objekt des Denkens" zu machen (Brauman/Sivan) oder ob es sich nur um die Suche nach einigen spektakulären Effekten handelt, die dem Thema unangemessen sind, liegt letztlich in den Augen der Betrachter. Dieser Schritt scheint vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren aufgekommenen Diskussionen um Bildmanipulationen durchaus problematisch, da - einmal in ihren Anfängen legitimiert - dieser Entwicklung kaum noch Grenzen gesetzt werden könnten.
Letztlich handelt es sich bei dem vom WDR co-produzierten Film Un spécialiste - der im Februar 1999 auch auf der Berlinale gezeigt wurde - um eine weitgehend gelungene Illustration der von Hannah Arendt konstatierten "Banalität des Bösen". Der Ankläger Gideon Hausner sah 1961 diese Möglichkeit nicht, sondern versuchte stetig, das Ungeheuer hinter der Fassade des Bürokraten zu demaskieren. Sah er sich doch als Vertreter sechs Millionen ermordeter Juden eingesetzt, die mit Eichmann stellvertretend alle Verbrechen Hitlerdeutschlands anklagten, und in deren Namen dem gesamten Nationalsozialismus und Antisemitismus den Prozeß gemacht werden sollte. Wie sollte er sich eingestehen, daß es wesentlich ganz normale Deutsche waren, die diese Bestialitäten begangen hatten?
Buch zum Film: Rony Brauman/Eyal Sivan: Éloge de la désobéissance. A propos d'un spécialiste Adolf Eichmann. Paris 1999. 178 Seiten. 99 FF.
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