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Ausgabe 12.0 - 01.03.2004

Fraglos gegebene Männlichkeit

Männlichkeitsideale im Rechtsextremismus sind in ihrem Kern keine genuin rechtsextremen Männlichkeitsideale - sondern Normalität


Oliver Geden ist den meisten als Autor von "Rechte Ökologie" (Berlin 1996) bekannt. Dieses verdienstvolle Buch ist eines der ganz wenigen, das sich mit Umweltschutz von rechts auseinandersetzt. Bei Gedens neuem Forschungsfeld, der Geschlechtlichkeit des Rechtsextremismus, sind die Aus-gangsbedingungen ähnlich: die Thematisierung von Geschlechterverhältnissen ist ein blinder Fleck antifaschistischer Theorie und Praxis.

Auch in der wissenschaftlichen Debatte ist dieser Zusammenhang bisher kaum thematisiert worden. Dagegen setzt der Verfasser der jüngst erschienen Studie "Männlichkeitskonstruktionen in der Freiheitlichen Partei Österreichs", dass "schon ein kurzer Überblick über die qualitativen Verteilungen zwischen den Geschlechtern […] zu zeigen [vermag], dass die Erforschung von Männern und Männ-lichkeiten einen relevanten Beitrag zur Erklärung des Rechtsextremismus leisten könnte, denn der Anteil von Männern liegt bei fast allen Erscheinungsformen zumeist deutlich höher als der von Frauen, rechtsextreme Einstellungsmuster und Handlungsformen unterliegen also offenkundig einer ver-geschlechtlichten kulturellen Kodierung."

Geden skizziert zunächst den Forschungsstand. Rechtsextremismus versteht er dabei als "Ideologie der Ungleichheit", die Antiindividualismus, Antiliberalismus, Antipluralismus, Ausgrenzung von Minder-heiten, Primat von 'Volk' und 'Volksgemeinschaft', ein autoritäres Staatsverständnis, Ethnozentrismus, Rassismus sowie ein völkisch-nationales Geschichtsbild miteinander kombiniert. Geschlechterverhält-nisse bzw. Männlichkeit fasst er in Anlehnung an den australischen Soziologen Robert Connell als Handlungspraxis, die in sozialer Interaktion (re-)produziert und in Institutionen verfestigt wird.

Davon ausgehend, dass die Geschlechterordnung grundsätzlich relational ist, entwickelt Connell das Modell hegemonialer Männlichkeit. Nach dieser Vorstellung stehen verschiedene Männlichkeiten in einem hierarchischen, jedoch historischen Wandlungsprozessen unterworfenem Verhältnis zu einan-der. Das jeweils hegemoniale Männlichkeitsmodell wird gesamtgesellschaftlich gesehen nur von we-nigen erreicht, stellt jedoch eine Art kulturelles Ideal dar, das auch Männern, die außerhalb seiner Norm stehen, akzeptiert wird und ihnen so eine komplizenhafte Partizipation, z.B. durch anteilige Symbolik, Ressourcen etc., ermöglicht.

Nach diesen nicht-normativen Vorüberlegungen zeigt der Autor am Beispiel der FPÖ die Ver-geschlechtlichung einer rechtsextremen Partei auf. Dabei gilt es "empirische Ansatzpunkte zu finden, um Rechtsextremismus unter männlichkeitstheoretischen Gesichtspunkten untersuchen zu können" und "zu rekonstruieren, wie männliches Geschlechtshandeln von den Akteuren selbst thematisiert und kontextualisiert wird". Zunächst lässt sich festhalten, dass die FPÖ in Wählerschaft, Mitgliedern und Mandatsträgern deutlich männlich dominiert ist. Dem entspricht der – auch von FPÖ-Politikerinnen reproduzierte – Parteidiskurs: Frauen werden v.a. im Kontext von Familie thematisiert und in der Fami-lienpolitik stehen Fragen der Kinderbetreuung sowie Hebung der Geburtenrate im Mittelpunkt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich Geden die Frage, ob in der FPÖ auch ein Männlichkeitsdiskurs existiert und wie männliche Politiker mit einem solchem umgehen, ihn "leben". Im Folgenden werden daher zwei empirische Herangehensweisen kombiniert: "Auf der einen Seite steht die Rekonstruktion von textuell vermittelten Männlichkeitsdiskursen in freiheitlichen Schriften, auf der anderen die Analyse kollektiv geteilter Orientierungsrahmen von Männlichkeit in Gruppendiskussionen mit Parteifunktionä-ren."

Die der empirischen Untersuchung vorgelagerte, sehr ausführliche Methodenreflexion dient dabei nicht zuletzt der Anschlussfähigkeit der Untersuchung an den wissenschaftlichen Diskurs. In diesen Zusammenhang gehört sicherlich auch die mittlerweile Common Sense gewordene Klage über die Inflationierung von Diskursanalyse, zumal dieser nicht die beanspruchte Konkretisierung als "For-schungsprogramm" entgegengesetzt wird.

Spannender ist demgegenüber die Untersuchung und Verkoppelung von Diskursen FPÖ-naher Zeit-schriften und Parteifunktionären. Zunächst wird die auf das politische Tagesgeschäft konzentrierte Neue Freie Zeitung analysiert. Da sich hier keine explizite und eigenständige Thematisierung der Le-benslagen von Männern findet, versucht Geden die Vorstellungen von Männlichkeit in "der relationa-len Verschränkung mit anderen Teildiskursen", der Thematisierung von Familien- und Frauenpolitik, herauszuarbeiten. Der frauenpolitische Diskurs ist stark antifeministisch, bzw. "pragmatisch, nicht ideologisch", wie es der FPÖ-Frauenminister Herbert Haupt ausdrückt.

Die konstatierte Ungleichverteilung von Arbeit und Reichtum zwischen den Geschlechtern wird nicht auf soziale Differenzen zurückgeführt: "Sowohl in der Beschreibung der Misere als auch in den Vor-schlägen zu ihrer Überwindung erscheinen Männer lediglich als zahlungsförmiger Vergleichsmaßstab, nicht aber als privilegierte Akteure." Insgesamt dominiert die De-Thematisierung männlicher Herr-schaft und daher bleiben die geschlechterpolitischen Vorschläge relativ unkonkret, bzw. sind auf Be-wahrung bestehender Verhältnisse aus. So enthält etwa der familienpolitische Diskurs die zentrale Botschaft, dass sich im Leben von Männern resp. Familienvätern nichts ändern muss.

Anders strukturiert ist der Männlichkeitsdiskurs in der rechtsintellektuellen Wochenzeitung Zur Zeit. Männlichkeiten werden hier explizit und eigenständig thematisiert. Zur Rettung der durch angeblich weit verbreitete Negation biologischer Dispositionen und zunehmende gesellschaftlichen Benachteili-gung von Männern von einer Krise betroffenen Männlichkeit, soll die Familie als "Keimzelle von Volk und Staat" rehabilitiert werden. Das dabei transportierte Bild hegemonialer Männlichkeit identifiziert diese entsprechend mit Öffentlichkeit, Wissen und kämpferischer Einsatzbereitschaft. Homosexualität wird zurückgewiesen und Geburtenrückgang beklagt. Männer, die ihre Rolle als Familienväter nicht verteidigen und ohne Familien bzw. homosexuell leben, werden als "untergeordnete Ausdrucksformen von Männlichkeit" wahrgenommen.

Die den empirischen Teil beschließenden Interviews mit den Funktionären der FPÖ-Vorfeldorganisation Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ) beginnen mit der Frage: "Was heißt es für Euch, ein Mann zu sein?". Die Reaktionen zeigen, dass die Interviewten bisher keine Veranlassung gesehen haben, ihre Geschlechtsidentität als fragwürdig zu empfinden: Mann-Sein ist ein "fraglos Gegebenes" ohne eigenes Zutun und individuelle Verantwortung. Zwar existiert ein "Wissen um die historische und kulturelle Variabilität von Männlichkeit", dies führt jedoch keineswegs dazu, eine Veränderung in deren Ausgestaltung erreichen zu wollen. Der ständige Rekurs auf vermeintliche 'Eigentlichkeit' und deren angebliche Zweckmäßigkeit zeigt im Verlauf allerdings, dass Männlichkeit durchaus begründungs-pflichtig geworden ist.

Dementsprechend fühlen sich die RFJ-Funktionäre durch gleichstellungspolitische Maßnahmen be-nachteiligt – ein Motiv, das bereits aus der Zeitschriftenanalyse bekannt ist. Auch der Antifeminismus wird in den Gruppendiskussionen reproduziert. Dabei gehen die Hoffnungen darauf, dass die FPÖ "das gesellschaftliche Klima in einer Weise zu beeinflussen vermag, dass traditionellere Geschlechte-rarragements auch für Frauen wieder attraktiver werden". Die sowohl in den Zeitschriften als auch in den Funktionärsdiskursen vorherrschende "Vorstellung eines grundlegenden Geschlechterdualismus", die Abwertung von Frauenpolitik als überflüssig und der Kampf gegen Emanzipation lassen Geden auf die Existenz von "Diskursgemeinschaften" schließen.

Die in politischen Kontexten gängige Praxis, sich im Kontakt mit Rechtsextremisten, etwa durch die Wahl eines Pseudonyms o.ä., bestmöglich zu schützen, reflektiert Geden in einem Exkurs zur For-schungsethik. Er plädiert dabei für "einen realistischen Blick auf qualitativ orientierte Forschungsprak-tiken" sowie eine "De-Moralisierung qualitativer Forschung". So sollten Forschende mehr über die Praktikabilität von forschungsethischen Normen reflektieren und sich verstärkt über die von ihnen eingesetzten Mittel und die ihnen zugrunde liegenden Strategien Rechnung ablegen. Die von Geden gewählte Strategie gegenüber den RFJ-Funktionären "Unvoreingenommenheit zu signalisieren und die Forschungskonstellation so weit wie möglich zu 'depolitisieren'" ist leider auch die seiner Veröffent-lichungspraxis.

So wird Wissenschaftlichkeit gegen einen politischen Zugriff ausgespielt: War Geden in "Rechte Öko-logie" noch explizit von dem Ziel geleitet, "Emanzipation und Selbstbestimmung des Menschen zu fördern", gibt nun v.a. das Schließen von Forschungslücken ein Erkenntnisinteresse ab. Daher wird auch die abschließende Einsicht, dass Männlichkeitsideale im Rechtsextremismus "in ihrem Kern keine genuin rechtsextremen Männlichkeitsideale" sind, nicht politisch gewendet, sondern lediglich als Aufforderung zu weiterer Forschung, beispielsweise in Parteien des politische Mainstreams, verstan-den. Hier hätte jedoch politische Praxis einzusetzen: ein Antifaschismus, der den Angriff sowohl auf die herrschenden Geschlechterverhältnisse als auch auf die Kategorie Geschlecht als solche beinhaltet.

Oliver Geden: "Männlichkeitskonstruktionen in der Freiheitlichen Partei Österreichs. Eine qualitativ-empirische Untersuchung", Leske+Budrich, Opladen 2004, 136 S., 14,90 €