ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 10.0 - 15.04.2001
Novizen für die von ihm geforderten "Generalstände zur Verteidigung des europäischen Sozialstaates", dessen Errungenschaften er an anderer Stelle als "so unwahrscheinlich und so kostbar wie Kant, Beethoven, Pascal und Mozart" bezeichnete? So ganz traute er ihnen dann doch nicht über den Weg: "Die Manager und die Höheren sind zwiegespalten. Einerseits beuten sie aus, andererseits werden sie selbst hyperausgebeutet. Sie machen leiden und leiden dabei selbst." Im übrigen ahnten aber selbst die mit der "besten aller Welten" Zufriedensten, dass es so dann doch nicht weitergehen könne. Als schlimmer empfinde er jene "intellektuellen Hofschranzen", die sich ganz der "Kollaboration" verschrieben hätten. Ein tief empfundener, empörter Gestus, wie ihn sich die üblichen modernen Öffentlichkeitsarbeiter aus Politik, Medien und Wissenschaft schon lange amputiert haben.
Später hielten dann Hobbysoziologen seinen Adrenalinspiegel auf Trab, die feuilletonistische Banalitäten mit Labeln wie "Moderne", "Zivilgesellschaft" oder dem "dritten Weg" versahen. Eben die "Hofschranzen", gegen deren "neo-intellektuellen Obskurantismus" er wiederholt mit Verve wetterte, um dann fast entschuldigend etwas über das "unfrohe Weltbild der Soziologie" der Soziologie beizufügen. Doch genau dieses war eine seine Hauptinspirationen: "All das erschreckt mich so, dass ich etwas tun muss, selbst wenn ich keine Illusionen habe." In aller Bescheidenheit entwickelte er daher auf dem ihm gegebenen Gebiet einen kaum zu bändigenden Ehrgeiz. Doch qua Biographie und ausgeprägtester Selbstreflexivität wurde ihm sein Dasein im elitären Pariser Universitätsmilieu nie zum Heimspiel. Seine fortdauernde geistige und soziale Unruhe zwangen ihm so das Gefühl auf, seine Stellung zu verteidigen und seinen Einfluss - wo möglich - noch weiter auszuweiten zu müssen. Unter diesen Umständen repräsentierte er nicht gerade das, was man einen glücklichen Intellektuellen nennen könnte.
So erwarb sich Bourdieu im Wissenschaftsbetrieb einen gewissen Ruf als erbarmungsloser Wahrheitskämpfer, der in ihrem Namen hart gegen sich selbst war und davon ausging, diese Härte auch von anderen verlangen zu können. Vielen in seinem Forschungsumfeld, die sich von diesem Freiheitskämpfer mehr individuelle Freiheit für sich selbst erwartet hatten als er zugestand, kritisierten später diese Rigidität. Die Gewalt seiner häufig mutwillig polemischen Ausführungen, seine kritische Offenheit in Kombination mit dem Verzicht auf unnötige Vertraulichkeiten nahmen sie als Arroganz wahr. Doch allem Anschein nach richtete er seine Waffen vor allem gegen jene, in denen er die nächste Generation der "intellektuellen Hofschranzen" erblickte. An ihnen rächte er sich vielleicht schon präventiv für die Erniedrigungen, die man ihm im universitären Milieu zugefügt hatte.
So wurden regelmäßig seine Kandidatenvorschläge für Universitätsposten abgelehnt, und auch von ihm unterstützte Studenten erfuhren in Prüfungen häufig genug nicht den Erfolg, den er erwartet hatte. Diese Niederlagen verletzten ihn offensichtlich um so mehr, als er von der Wichtigkeit der mit diesen Personen verbunden Themen genauso überzeugt war wie von der Qualität ihrer Arbeit, aber andere nicht davon überzeugen konnte. Der Widerstand der realen Welt gegen für ihn als unumstößlich richtig empfundene Dinge blieb ihm wohl immer unverständlich. Doch schon früh hatte er so gelernt, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, und ließ ihnen anschließend nicht mehr die gleiche Behandlung zukommen. Ausführungen von Feinden versah er dann gerne mit einem seiner vernichtendsten Urteile im Sinne von: Das ist keinesfalls richtig, aber auch nicht mal konsequent falsch zuende gedacht.
Doch während Bourdieu als Intellektueller qua Thema nicht wirklich zur humoristischen Posse neigte, berichten die, welche ihn kannten, von seinem privat sehr ausgeprägten Humor. Insbesondere diejenigen, die ihn in den letzten Jahren auf den Versammlungen der sozialen Bewegungen erlebten, berichten davon. Auch für ihn gehörte so das Lachen wohl zu den Instrumenten seiner psychischen Hygiene. Dies gilt vielleicht nicht für die Wissenschaft, aber für das Leben. Als es ihn in den neunziger Jahren aus den Fluren des Collège de France auf die Straßen zog, erlebten ihn die Menschen nicht mehr als strengen Gelehrten. Vielmehr erinnern sie sich an einen völlig verschüchterten, aber gleichzeitig offenen, freundlichen und extrem interessierten Professor, mit zwei im Pariser Politmilieu nicht unbedingt weit verbreiten Qualitäten: der Fähigkeit zuzuhören und einem großen Respekt vor Frauen. Er tat nicht so, als sei aus ihm nun plötzlich ein Arbeitsloser oder Arbeiter geworden. Als er im Juli 2000, im Alter von 69 Jahren, weit weg von Paris das erste Mal per Anhalter fuhr, handelte es sich für ihn um ein großes Abenteuer. Einige Tage später erhielt der freundliche Autofahrer, begleitet von einem Dankesschreiben, ein Paket mit einer ausgewachsenen Auswahl von Bourdieus Werken.
Bourdieu jedoch war keineswegs in einem hermetischen System von Sicherheiten und Überzeugungen gefangen. Als Mensch, der sich auf vielen Feldern zum Kampf gezwungen und verpflichtet sah, beugte er sich zwar häufig genug der Regel, im Kampf nicht seine Zweifel herauszuposaunen. Doch war er nicht nur Feuer und Flamme für seine Ideen, sondern genauso energiegeladen, wenn es um ihre Weiterentwicklung ging. Sein Geist war immer in Bewegung. Häufig genug stockte er in seinen Vorlesungen, weil ihm ein neuer Gedanke in die Parade fuhr, und zaghaft zögernd versuchte er ihn in seine Argumentation und Darstellung zu integrieren. Ähnlich seine Schriften, die er teilweise mehr als zwanzig Male überarbeitete, bevor er sie freigab. Wie gesagt: Genauso unbarmherzig, wie er jene niedermachte, die seiner Sache entgegen standen, war er auch gegen sich selbst.
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