ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 10.0 - 15.03.2002
Also gut, Bourdieu hasste die bürgerlichen Medien. Sie waren ihm Paradebeispiel symbolischer Gewalt und Herrschaft. Wohl deshalb findet sich in den Dutzenden deutscher Nachbetrachtungen zu Leben und Werk des französischen Medienfeindes Nr. 1 – selbst Arte verweigerte die Ausstrahlung des Bourdieu-Portraits "Die Soziologie ein Kampfsport" (2001) von Pierre Charles – kein Sterbenswörtchen seiner wenig schmeichelhaften Journalistenschelte.
Doch die Kritik Bourdieus zielte nicht auf den Inhalt des Sacks, sondern eben auf den restriktiven und allgegenwärtigen "Rahmen der Möglichkeiten", auf die ihn durchziehenden "Berufsregeln". Le Monde reizt die Grenzen dieses Rahmens aus, Bourdieu will ihm an die Gurgel. Hier liegt der Unterschied, hier bereits zeigen sich die verschiedenen Perspektiven. Andererseits will die Ferenczi die Unterscheidung zwischen Le Monde und dem Rest. Dem Rest also gebührt auch für ihn die Kritik Bourdieus.
Eine gute, gemeinsame Grundlage. Denn Bourdieu, wie er selbst schrieb, wollte nie "die Schuldigen auf den Index setzen", auch wenn er es im Fall von "Über das Fernsehen" anhand besonders abschreckender Beispiele dennoch tat, sondern er wollte den Journalisten helfen, sich der "versteckten Zwänge" bewusst zu werden, die auf ihnen lasten: Tyrannei der Quoten und Diktatur 1989 gründete er seine eigene, europäische Zeitschrift, Liber, die als Beilage zur FAZ, der Times, von El Pais, Indice und Le Monde erschien. Anschließend setzte er diesen Weg mit den Actes de la recherche en sciences sociales, einer eher wissenschaftlich orientierten Publikation, fort. All das entsprach ganz und gar seiner Überzeugung, wahre Demokratie sei ohne kritische – und nicht zuletzt intellektuell inspirierte - Gegenöffentlichkeit nicht zu haben. Oder wie es Ferenczi fasst: spätestens seit dem Erscheinen von La Misere du Monde im Jahr 1993 waren Informationen für ihn "eine zu wichtige Sache geworden, um sie alleine Journalisten zu überlassen".
Im übrigen eine nahezu philosophische Methode als möglicher, alltäglicher Zugang zur Welt: Zwischen den Zeilen lesen. Was wird ausgespart? Was wird stillschweigend vorausgesetzt? Worüber wird nicht gesprochen? Was gibt es deswegen angeblich gar nicht, oder ist scheinbar irgendwie nicht so wichtig? Beispielsweise "der Rahmen der Möglichkeiten", in dem sich alle so gerne bewegen und gemütlich einrichten. Mehr noch als die bürgerlichen Medien hasste Bourdieu wohl jedweden "Rahmen der Möglichkeiten". Dieser Hass sei mit uns.
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