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Ausgabe 06.0 - 01.12.2000

Zankapfel Zeit

Freiheit als Zeitautonomie


Das Geheimnis des Unglücklichseins beruht darin, daß man viel zu viel Zeit hat, sich Gedanken darüber zu machen, ob man glücklich ist oder nicht. George Bernard Shaw

Vorbei die Zeiten, als sich die Menschen den Schlafgewohnheiten der Hühnern anpassten. Mag das eierlegende Federvieh auch heute noch den Tagestakt manch verwunschenen Dorfes im Westfälischen diktieren und damit manchem Einwohner den Tod durch Langeweile ersparen, den modernen Großstädter plagen andere Zwänge. Weder Tageslicht noch Kalender, nicht mal mehr die Uhr bestimmen seinen Tagesrhythmus, sondern schlicht Events und Termine, Veranstaltungen und Meetings, Verabredungen und Treffen, kurz die ganze Litanei beruflicher und selbst auferlegter sozialer Verpflichtungen. Arbeit, Kultur, Sport und Sozialleben sind rund um die Uhr möglich. Keine Sekunde darf ungenutzt verstreichen. Und wenn doch, dann soll sie möglichst intensiv ungenutzt verstreichen, ganz tief und erholsam verschlafen werden, bewußtseinserweiternd gedehnt verglühen.

Natürlich sind alle immer überall zu spät. Pünktlichkeit wirkt peinlich. "Der hat wohl nichts besseres zu tun!" Cool ist nur gehetzte Verspätung, Stress ist mehr als schick und statusfördernd, länger "als ein Stündchen" Zeit zu haben, oder mindestens nicht auch "weg zu müssen", wenn der Mensch gegenüber zur Jacke greift, löst erstauntes Befremden aus. Es ist üblich, sich über Zeitmangel zu beklagen, aber kaum noch hält es jemand aus, wirklich einmal Zeit zu haben. Nur wer hastet, scheint benötigt und begehrt, wer rastet rostet nicht nur, sondern schiebt sich selbst auf`s Abstellgleis. Zu schnell entsteht das Selbstbild der Nutzlosigkeit.

Der Erfolg von Handys erklärt sich vermutlich nicht unwesentlich durch die von ihm geschaffene Möglichkeit, in wirklich jeder freien Sekunde überall noch irgendwas regeln oder erledigen zu können. Eine Verpflichtung platzt, zwei Stunden freie Zeit drohen - ein kurzer Anruf, und schon sind sie mehr als gefüllt, gesichert der Tagesablauf mit den notwendigen Verspätungen und dem gewünschten Stress. Doch das Handy ist nur ein Werkzeug für den Fall, dass das noch viel wichtigere Selbstbestätigungsinstrument einmal versagt - der Timeplaner.

Arbeit, zu Not auch das Studium, übernehmen hier wahre Heldendienste. Damit lassen sich bereits viele weiße Stellen füllen. Bleiben Abende, Wochenenden und Feiertage als fiese Lücken. Hier bieten sich zunächst regelmäßige Veranstaltungen an. Darunter fallen auch die drei für Telefonate am späten Sonntagnachmittag reservierten Stunden. Sie dienen gleichzeitig dazu, sich für die Abende der kommenden Woche zu verplanen. Und meistens auch schon für die Woche drauf, da es "diese Woche kaum noch klappen wird". Innnerhalb der Woche gilt es dann, sich ums kommende Wochenende zu kümmern. Party, Kino, frühstücken gehen, halber Tag Ikea, Papierkram erledigen, noch kurz hier und da vorbei.

Wenn noch ein paar Termine für die fernere Zukunft feststehen, jenes Wochenende dies, dieses dort, und am dritten Januarwochenende dorthin, hat nicht nur das Leben, dann hat schon die Zukunft eine Struktur. Denn: "Dort, an diesem Tag in einigen Monate bin ich verabredet. Solange werde ich von dieser Welt gebraucht."

Epilog: Man setze fünf junge Großstädter in die Runde und lasse sie den Versuch unternehmen, für die kommenden zwei Monate drei Termine zu finden, an denen sie sich treffen können. Wenn es klappt, werden sie drei Stunden gebraucht haben, und selbst dies nur unter hart errungenen Zugeständnissen von dieser oder jener Seite. Alles Akademiker, versteht sich, die mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln der Logik und Rhetorik um ihre Zeithoheit gekämpft haben. Denn die Illusion, diese zu haben, beläßt ihnen - positiv formuliert - das Gefühl der Freiheit und Eigenständigkeit. Hoheit über die Zeit anderer ausüben zu können ist heute Ausdruck gesteigerter Herrschaft. In einer Großstadt treffen heutzutage Millionen radikaler Zeitegoisten aufeinander. Ein Wunder, dass noch kein Bürgerkrieg um Zeit ausgebrochen ist.