ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 06.0 - 01.12.2000
Natürlich sind alle immer überall zu spät. Pünktlichkeit wirkt peinlich. "Der hat wohl nichts besseres zu tun!" Cool ist nur gehetzte Verspätung, Stress ist mehr als schick und statusfördernd, länger "als ein Stündchen" Zeit zu haben, oder mindestens nicht auch "weg zu müssen", wenn der Mensch gegenüber zur Jacke greift, löst erstauntes Befremden aus. Es ist üblich, sich über Zeitmangel zu beklagen, aber kaum noch hält es jemand aus, wirklich einmal Zeit zu haben. Nur wer hastet, scheint benötigt und begehrt, wer rastet rostet nicht nur, sondern schiebt sich selbst auf`s Abstellgleis. Zu schnell entsteht das Selbstbild der Nutzlosigkeit.
Arbeit, zu Not auch das Studium, übernehmen hier wahre Heldendienste. Damit lassen sich bereits viele weiße Stellen füllen. Bleiben Abende, Wochenenden und Feiertage als fiese Lücken. Hier bieten sich zunächst regelmäßige Veranstaltungen an. Darunter fallen auch die drei für Telefonate am späten Sonntagnachmittag reservierten Stunden. Sie dienen gleichzeitig dazu, sich für die Abende der kommenden Woche zu verplanen. Und meistens auch schon für die Woche drauf, da es "diese Woche kaum noch klappen wird". Innnerhalb der Woche gilt es dann, sich ums kommende Wochenende zu kümmern. Party, Kino, frühstücken gehen, halber Tag Ikea, Papierkram erledigen, noch kurz hier und da vorbei.
Epilog: Man setze fünf junge Großstädter in die Runde und lasse sie den Versuch unternehmen, für die kommenden zwei Monate drei Termine zu finden, an denen sie sich treffen können. Wenn es klappt, werden sie drei Stunden gebraucht haben, und selbst dies nur unter hart errungenen Zugeständnissen von dieser oder jener Seite. Alles Akademiker, versteht sich, die mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln der Logik und Rhetorik um ihre Zeithoheit gekämpft haben. Denn die Illusion, diese zu haben, beläßt ihnen - positiv formuliert - das Gefühl der Freiheit und Eigenständigkeit. Hoheit über die Zeit anderer ausüben zu können ist heute Ausdruck gesteigerter Herrschaft. In einer Großstadt treffen heutzutage Millionen radikaler Zeitegoisten aufeinander. Ein Wunder, dass noch kein Bürgerkrieg um Zeit ausgebrochen ist.
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