ORNAMENT & VERBRECHEN Ausgabe 06.0 - 01.12.2000
An sich, wie die hier vor Ihnen flimmernde Publikation aufzeigt, ein nicht zwanghaft sinnfreies Medium, handelt es sich beim Internet doch letztlich um den größten Transformator von Geschwindigkeit in schwafeligen Unsinn. Vorhandene Kanäle werden möglichst schnell gefüllt. Keine Zeit für Synthese, oder wie es einmal ein Liebster seiner Liebsten in einem ellenlangen Elaborat schrieb: "Leider habe ich keine Zeit, Dir einen kurzen Brief zu schreiben."
Zu bestehen in den Neuen Medien fordert ihren Machern folglich kaum mehr ab als eine windschlüpfrige Gehirnrinde und den pathologischen Willen, am eigenen Leib zu erfahren, was es mit dem XY auf sich hat. Ausbeutung und Selbstausbeutung gerinnen in der Branche zu einer vollkommen neuen Qualität von rauschhaft verstandesfreiem Freiheitsempfinden. In die Verlängerung der eigenen Halbwertzeit einzuwilligen ist somit kaum noch jemand bereit. Genußvoller Selbstbetrug auf hohem Niveau.
Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ist dem bewussten Schritt in die eigene Hochgeschwindigkeitsunmündigkeit gewichen. Jeder drückt sich seine Scheuklappen fester an den Schädel um noch schneller zu werden. Zum Glück kann, wer keinen Verstand mehr hat, ihn nicht mehr verlieren. Und praktischerweise bedarf es in den Neuen Medien auch gar keines Verstandes. Im Gegenteil würde er gar eher noch stören, weil bremsen. Denn alles muß nicht nur schnell gehen, immer überall alles sofort, sondern vor allem einfach sein. Nicht nur so einfach wie möglich, sondern noch einfacher.
Aber selbst das ist ja eigentlich egal, denn bekanntlich wurde bereits ohnehin alles gesagt. Neu ist nur, dass darunter niemand mehr zu leiden scheint oder diesem Diktum mindestens noch ein Quentchen Mißtrauen entgegen bringt. Vielmehr scheinen nun alle sehr darum bemüht, sich irgendwie in die Position zu bringen, alles Gesagte noch mal persönlich wiederholen zu dürfen, notfalls auch in Form hingerotzten Unsinns. Denn das ist schließlich die Basis, um in den Neuen Medien reich zu werden: Aus unvereinbaren Quellen etwas scheinbar Neues zusammenquirlen.
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