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Der Einkaufspark vor den Toren der Stadt
Ausgabe 7.0 - 22.03.2001
   

Castor & Nation

Grenzfall grenznahe Politikpraxis


Anfang März enthüllte sie ihr wahres Gesicht: Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der niedersächsischen Grünen, erklärt gegenüber der taz, "dass sich ihr Protest nicht generell gegen Atomtransporte richte, sondern gegen Transporte in das Wendland, weil mit diesen eine Vorentscheidung für ein Endlager in Gorleben drohe". Und ein solches könne niemand wollen, denn "geologische Gründe" sprächen gegen eine Lagerung an diesem, dem eben "falschen Standort" (taz vom 2. März 2001). Nicht immer müssen sich Umweltbewegte die Harms`sche Mühe machen, die Angst um die eigene Scholle so umständlich zu begründen: "Umweltschutz gleich Heimatschutz" tönte schon eine Woche zuvor eine andere Fraktion. Doch das Spiel ist alt, und sogenannte Linksradikale in der Anti-Castor-Bewegung wurden von ihren KritikerInnen schon häufig gemahnt, die Verteidigung wendländischer Dorfidylle zu unterlassen.

Mittlerweile schon anderthalb Jahre ist er her, dass sich anlässlich solch` lästiger Positionierungsfragen im politischen Alltagsgeschäft "Die Mehrheit des Deutschen Volkes / Autonome Fraktion" bequemte, ein ganz perfides Aktionskonzept für den nächsten Atom-Transport von La Hague nach Gorleben zu entwickeln. Der Rhein, der zu Zeiten des Vormärz den jüdischen Dichter und noch in den dreißiger Jahren dessen Nachfahren vor dem politischen Winter in Deutschland zu retten vermochte, soll nun die Kulisse abgeben für eine Veranstaltung, die der deutschen Kälte nicht wird trotzen können. "Grenzkampagne" nennt sich das im Szenesprech, und gemeint ist die mal ganz praktische 'Dekonstruktion deutscher Identität'.

"Deutschen Atommüll" gibt es nämlich gar nicht, wird dort mit dem korrekten Verweis auf die privatwirtschaftliche Dimension der AKW konstatiert, um zu dekretieren, dass nach abgeschlossener Dekonstruktion nun auch mal Schluss sein müsse mit dem Nationalismus-Vorwurf. Außerdem könne ? trotz der Gefahr der "Spaltung", die eine solche 'teilbereichsübergreifende Praxis' mit sich bringe ? gerade an der Grenze ein antirassistisches Stelldichein zelebriert werden. Motto: "Castor Stopp ? Grenzen auf für alle!" ? auch wenn daran noch gearbeitet werden müsse: "Wir haben bis jetzt nur wage Vorstellungen, wie die Praxis einer Castor-Grenzkampagne aussehen könnte. Klar ist, dass die Anti-AKW-Bewegung ihre politische Wirkung in erster Linie über ihre Aktionen entfaltet. Was wir in unsere Papiere reinhauen, mag für uns selbst wichtig sein (und hat als solches auch seine Berechtigung) ? die Außenwirkung bleibt jedoch eher bescheiden."

Östlich des Rheins also nichts Neues: von den historischen Voraussetzungen der eigenen, vermeintlich linken Politik wird auch weiterhin abgesehen. In "Castor, Grenze, Nation", dem Diskussionspapier, das die Idee der Grenzkampagne entwickelt, liest sich das wie folgt: "Auschwitz hat [...] mit Atommülltransporten nichts zu tun", oder aber: "Die Bomben auf Belgrad haben herzlich wenig mit einem Castor-Transport zu tun."

Noch die eigene Erkenntnis, dass sich "politische Wirkung in erster Linie über ihre Aktionen entfaltet", scheint hier vergessen. Wer an Deutschlands Grenzen steht, befindet sich an historischem Ort, und genau deshalb hat die Grenzblockade von Atomzügen auch mehr mit Auschwitz und Belgrad zu tun, als sich die übergroße Mehrheit von Anti-Atom-AktivistInnen eingestehen will. Ein wenig Unbehagen bleibt dann auch bei den möglichen InitiatorInnen einer solchen Grenzkampagne zurück: "Erschreckend war dennoch, wie selbstverständlich in weiten Teilen der Bewegung eine Blockade der Grenze ohne weitere Inhalte als eben Castor geplant wird. Der nationalchauvinistische Gehalt einer Grenzblockade, die nichts nach außen trägt, außer dass der Castor nicht 'rein' kommt, liegt auf der Hand. Die Notwendigkeit einer intensiven Diskussion um Nation und Grenze wird allenthalben deutlich."

Die AutorInnen dieser Sätze müssen sich wohl auch die Kritik der Alibi-Praxis gefallen lassen. Warum sollen gerade an der deutsch-französischen Grenze die Teilbereiche Anti-Atom-Arbeit und Antirassismus zusammengebracht werden? Das Grenzregime wird doch eher an der Ostgrenze greifbar. Doch diese ist noch viel mehr historischer Ort, und die Probleme einer politischen Praxis an eben einem solchem Ort wurden schon im Zusammenhang mit den antirassistischen Grenzcamps an Oder und Neiße diskutiert.

Doch auch nach diesen Auseinandersetzungen stand vor allem eines fest: die politische Praxis an der Grenze harrt des großen Wurfes und solange verbietet sie sich.

Das Diskussionspapier "Castor, Grenze, Nation" herausgegeben von der "Mehrheit des Deutschen Volkes / Autonome Fraktion" gibt es - wie heißt das noch so schön - in jedem gut sortierten Infoladen.



 
   
   
O&V