Tatsächlich fand in Frankreich seit dem Sommerloch eine selten virulente "Diabolisierungskampagne" (Bensaid) gegen Bourdieu statt. Gerade in der Zeit, als er sich anschickte, als Kopf einer Liste der "linken Linken" zu den Europawahlen anzutreten und seine Popularität einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, titelten die Blätter mit seinem Gesicht und waren gespickt mit Dossiers, die versuchten das "System Bourdieu" zu zerpflücken. Die linkskatholische Zeitschrift Esprit maßregelte seinen "linksextremen Populismus" und fragte, was man von jemandem halten solle, der seine Bücher zu "einer Legitimationsinstanz der Klage macht, die aus dem Sozialkörper emporsteigt." Andere regierungsnahe sozial-liberale Nachrichtenmagazine wie der Nouvel Observateur oder L`Evenement du jeudi betrieben "Nachforschungen" über "den Guru der neuen Ultra-Linken" und fanden dabei heraus, daß Bourdieu ein an "Paranoia" leidender "Mandarin" und größenwahnsinniger "Komiker" sei. Ganz offensichtlich ein pathologischer Fall von Renitenz. Ihre größte Sorge war allerdings, daß Boudieu in "seinem Alter" wohl nimmermehr die Waffen strecken würde.
Es mag ein Zufall sein, daß sich die jüngste Ausgabe der von Bourdieu herausgegebenen Zeitschrift Actes de la recherche en sciences sociales nun ausgerechnet dem Thema "Verlage, Verleger - die konservative Revolution" widmet, vielleicht aber auch nicht. Denn genau für jenen Tag im letzten Herbst, an dem sein nicht sonderlich gelobtes Buch La domination masculine erschien, inszenierte der Großverlag Grasset den medialen Showdown des Jahres und veröffentlichte das als ultimative Bourdieu-Kritik angekündigte Buch "Le savant et la politique. Essai sur le terrorisme sociologique de Pierre Bourdieu" (dt.: Der Gelehrte und die Politik. Essay über den soziologischen Terrorismus von Pierre Bourdieu) von Jeannine Verdès-Leroux. Sie ist Wissenschaftlerin am staatlichen Forschungsinstitut CNRS, arbeitet nach eigenen Worten seit zwanzig Jahren "über den Platz der Intellektuellen an den Rändern des politischen Raumes" und hatte - wie sie in einer Fußnote (und dort in Klammern) zerknirscht zugibt - bevor sie zum Neoliberalismus konvertierte -, in den siebziger und achtziger Jahre selbst einige Beiträge für Actes de la recherche en sciences sociales geliefert. Schon im Vorfeld der Veröffentlichung erwartete sie "grauenhafte Dinge" von Seiten der "Kettenhunde" Bourdieus. Schließlich seien sie bekannt dafür, mit welcher Schärfe sie sich auf alle stürzten, die anders denken als sie. Doch daraus wurde nichts. Einer der Kettenhunde hielt das Buch schlicht für "derart betrüblich, daß man es besser ganz alleine untergehen" lasse. Und so geschah es. Indem sie Bourdieu wenig lehrreich als "Stalinist" bezeichnet und ihn mit systematischer Bösartigkeit und fast ohne Nuancen kritisiert, hatte sie sich selbst in den Augen derer disqualifiziert, die sich von ihr neue Munition gegen Bourdieu erhofft hatten.
Verdès-Leroux hat einen "aufgewühlten Essay" (sie ist es, die ihn so nennt, und man wird sich hüten ihr zu widersprechen) geschrieben, polemisch bis zur Boshaftigkeit und wenig wissenschaftlich. Zwar ist es nur zu offensichtlich, wieviel Bourdieus Konzeption vor allem Norbert Elias, aber auch anderen verdankt und wie wenig er darauf hinweist. Sich aber darüber so aufzuregen wie Verdès-Leroux oder es bleiben zu lassen ist eine Geschmacksfrage. Genauso wenig tut zur Sache, ob alle MitarbeiterInnen Bourdieu nett finden oder nicht. Doch genau auf solche Punkte konzentriert sich die Kritik von Verdès-Leroux. Kaum einmal kümmert sie sich um die theoretischen Schwächen von Bourdieus Arbeiten, sondern verharrt bei ihren persönlichen Abneigungen. So schimpft sie auf Bourdieus ihrer Meinung nach "extrem schwarzen und pessimistischen Blick", seine "komplett imaginäre Vorstellung der Realität", seine "einschüchternde und finstere Sprache", kurz, gegen sein Leben in einer "verbitterten Welt des Wahns", dem sein Werk entspringe. Im übrigen gelte: "Das Wort 'lächerlich' kommt mir häufig in den Sinn, wenn ich Bourdieu lese." Doch damit nicht genug. Ein Clanchef mit zuviel Macht sei er, der sich mit allem beschäftige, aber von nichts Ahnung habe und ansonsten einer verwerflich unwissenschaftlichen Militanz fröne. Alles in allem sei sein Werk "archaisch" und "vulgärmarxistisch".
Bourdieu als "Lenin" des ausgehenden Jahrhunderts? Gerade die letzten Bemerkungen würde man auf anderem Gebiet zwei Eigentore nennen. Denn Bourdieu war niemals Kommunist. Er wurde seinerzeit sogar von Raymond Aron, dem vor allem politisch einflußreichsten liberal-konservativen Sozialwissenschaftler und Intellektuellen Frankreichs nach dem 2. Weltkrieg, gefördert. Dementsprechend hat sich Bourdieu seit jeher über solche Schmähungen lustig gemacht. Um so mehr, wenn sie von ehemaligen Kommunisten und Linksradikalen kommen, die mittlerweile medial verstärkt die Vorzüge eines reinen Liberalismus preisen, wie er zuletzt im 19. Jahrhundert en vogue gewesen war. Wohl kaum ein Verleger hätte sich überhaupt getraut, einen derart gewaltsamen Angriff zu veröffentlichen, wenn Bourdieu sich nicht in den letzten Jahren politisch hervorgetan hätte, um frontal gegen die von ihm so genannte "neoliberale Invasion" vorzugehen. Diesen Punkt versucht sich Verdès-Leroux zunutze zu machen. Indem sie seine Äußerungen der letzten Jahre in Bourdieus gesamtes Werk zurückprojiziert, versucht sie es komplett zu diskreditieren. Tatsächlich gelingt es ihr, einige Beispiele methodischer Ungenauigkeiten und interpretativer Übertreibungen auszuweisen. Doch wenn sie ihm dank dieses Kniffs die prinzipielle Unwissenschaftlichkeit seiner Theorie unterstellt, geht sie genau in die Falle, in der sie Bourdieu so gerne sehen würde. Es ist kein besonders kluger Schachzug von ihr, mangelnde wissenschaftliche Seriösität durch als Wissen verkleidete Meinungen, Vorurteile und Geschmacklosigkeiten belegen zu wollen. Um Bourdieus Theorie anhand des von ihr vertretenen - mehr noch ökonomischen als politischen Liberalismus - den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu machen, bedürfte der (Neo-)Liberalismus einer unumstößlichen wissenschaftlichen Fundierung. Daß es die nur in den gläubigen Phantasmen ihrer Anhänger gibt, die bereit sind, alle neoliberalen Prämissen zu teilen und sich durch keine noch so großen Diskrepanzen zwischen Theorie und Realität irritieren lassen, ist kein besonders originelles Wissen. Und wenn sie Bourdieus Unversöhnlichkeit die notwendigen "Kompromisse" entgegenhält, zu der die unumkehrbare Realität nunmal zwinge, dann stellt sie sich in die Reihe genau der VerkünderInnen pseudo-wissenschaftlicher Beleumdungen des neoliberalen Status quo, die von Bourdieu & Co. immer wieder mit Akribie und Verve kritisiert wurden. So geht der Schuß von Verdès-Leroux letztlich nichtmal ins Leere, sondern nach hinten los.
Dabei hat sie den einen oder anderen Punkt in Bourdieus Werk erkannt, an dem sich durchaus ansetzen ließe, um ihn zu kritisieren. An erster Stelle ist hier sicherlich seine widersprüchliche Einschätzung des Staates zu nennen. Diese wandelt sich stetig, und zwar je nachdem, ob er als Soziologe oder als citoyen spricht. Als Professor beschreibt er den Staat - angelehnt an Weber - als Zwangsorganismus, selbst wenn er Weber vorwirft, die symbolische Macht des Staates vernachlässigt zu haben. Als citoyen hingegen ist ihm der Staat mittlerweile nicht mehr nur der allgemeine Vertreter der Herrschaft, sondern auch - angelehnt an Hegel - des gesellschaftlichen Allgemeininteresses. Der Staat als Zwitterwesen. Dessen strafende "rechte Hand" gilt es laut Bourdieu zu kritisieren, wohingegen seine wohltätige "linke Hand" gegen die Angriffe des Neoliberalismus zu verteidigen sei. Über die Inkonsequenz dieser Haltung, und die damit verbundenen Fragen zum Verhältnis von wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen und politik-strategischen Überlegungen ließe sich trefflich streiten. Nur: Verdès-Leroux fängt keinen Streit an, sie verdammt. Hätte sie sich mehr auf Inhalte konzentriert und weniger Zeit damit verbracht, immer neue Worte für die immer gleichen Beschimpfungen zu finden und gebetsmühlenartig zu wiederholen, daß Bourdieu sich immer wiederhole, dann wäre aus dem Buch vielleicht was geworden. Doch sie kritisiert nicht Konzepte und diskutiert nicht Positionen, sondern will den "totalen Intellektuellen" in Gänze zermalmen. So ist ein lesenswertes Zeugnis intellektueller Impertinenz entstanden, das allerdings sein Ziel nicht erreicht hat, denn Bourdieu hat die Lust am Streit nicht verloren.
