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Ausgabe 3.0 - 01.02.2000
   

Wer ist Schröder?

Bully Blödmann auf Recherche


Liebe Leser von Ornament & Versprechen,

ich schreibe heuer erstmals auf dieser Seite, bin somit ganz neu und kenne die geneigte Leserschaft überhaupt noch nicht. Früher schrieb ich Leserbriefe an die Hochschulzeitung einer katholischen Fachhochschule für Sozialarbeit, aber wer möchte das schon das ganze Leben machen? Ich wagte mich dann eines Tages mit einem karierten Hemd angetan zu einem der führenden O&V-Redakteure, weil ich vom anstehenden Redaktionsschluß gehört hatte, und drückte ihm schüchtern einen selbstverfaßten Artikel in die Hand. Niederschmetternde Reaktion: abgelehnt. Ich fragte, ob ich nicht vielleicht ein Gedicht, ein Lied aus meiner Stammkneipe, ein Reisebericht vom letzten Besuch bei Großmutti ... Wieder negativ. Nichts aber auch gar nichts nähme er an, wenn es nichts mit Schröder zu tun hätte. Schröder, Schröder, Schröder - wer ist dieser Mann? Wie soll ich schreiben, wenn ich keine Ahnung habe, was es mit diesem Mann auf sich hat? In meiner katholischen Fachhochschulzeitung stand nie etwas über Schröder. Und was anderes lese ich nicht.

Dabei hatte ich den Erfolg der Blödmann-Corner schon so ganz nah vor Augen. Ich begann Freunde auszufragen. Wer kennt diesen Schröder? Ich erfuhr von einem Mann, der seine Frau verließ, weil sie seine Herkunft nicht achtete und Currywurst aus dem Speiseplan verbannte, bekam Bilder von einem Juso-Kreisvorsitzenden mit schulterlangem Haar, Kotletten und Schlaghosen gezeigt, fand in der Küche des Landhauses eines Freundes in der Toskana eine Flasche "Schroeders Stacheldraht, Ratafia" (40%, Etikett unverändert seit 1905) und entdeckte schließlich auf einem mecklenburgischen Dorf ein altes Wahlplakat: Direkt neben dem Bahnhof schaute mich von drei mal vier Metern Querformat ein Mann mittleren Alters ernsthaft und entschlossen an. Einfach ein Gesicht, vergessen, übriggeblieben von letzten Bundestagswahl ... Das sollte ER sein? Ich frage nach, einen Bauern mit Gummistiefeln und Schiebermütze, der Bundeskanzler wäre das, ja, ja, aber er hätte ihn nicht gewählt ...

Verzweiflung treibt mich in die Bahnhofskneipe. Dieser Mann, den ich draußen auf dem Plakat gesehen hatte, war nicht der Schröder meiner Kindheit, auf den zu treffen ich immer noch gehofft hatte. Man stelle sich das vor: Schröder am Klavier, Lucy, verliebt, lauscht hingebungsvoll seinem Spiel, während Snoopy die Lippen spitzt, sie zu küssen. Diesmal aber schaut Schröder im gleichen Augenblick auf, wie Snoopy zur Tat schreitet. Schröder schaut mit dem Plakatblick und Snoopy legt alle Liebe, deren ein Hund fähig ist, in den Kuß. Lucy weiß plötzlich nicht mehr, ob sie wegen ihrer Liebe zum Bundeskanzler oder dem Hundekuß schreien soll, sie erleidet einen Nervenzusammenbruch, entscheidet sich, vor die Wahl gestellt, nicht für Schröders Blick sondern für seinen Stacheldraht, endet schließlich in einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Das wäre das Ende. Auch für mich, nix da mit Blödmann-Corner.

Wortkarge aber freundliche Mecklenburger trugen mich am nächsten Morgen in den Zug, der einmal täglich abfuhr, bis Berlin konnte ich sogar wieder stehen, dem O&V-Redakteur blickte ich ernsthaft und traurig in die Augen und verschob die Blödmann-Corner auf die nächste Ausgabe.

Bis dahin verabschiedet sich

Bully Blödmann, une bière von geringem Verstand




 
   
   
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