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E-Journal für Haupt- und Nebenwidersprüche
Ausgabe 12.1 - 24.11.2005
   

Klassenkämpfe in Frankreich

Die brennenden Autos der französischen Vorstädte sind der Klassenkampf der "banlieuesards". Eine begriffspolitische Intervention von Kyo Gisors.


Der Zenit ist überschritten. Seit der vergangenen Woche brennen in den französischen Vororten täglich nur noch unerheblich mehr Autos als den Rest des Jahres. Allerdings ist es ohnehin weniger das Ausmaß der Revolte der letzten Wochen, als vielmehr ihr Normalzustand, der die Frage nach ihrem Verständnis aufwirft. Antworten verspricht ein etwas staubiger, oftmals fälschlicherweise im Verfallsdatum überschritten geglaubter Artikel aus dem linken Theoriearsenal: der Klassenbegriff. Genauer: die Betrachtung eines spezifischen Klassenkonstitutionsprozesses à la française. Dessen Analyse erlaubt sowohl postmoderne Holzwege von "kollektiver Intelligenz" (montagsPRAXIS) als auch unbegrifflichen Feuilletonismus vom "Prinzip der Bande" (Dietmar Dath) zu umgehen.

Bereits vor gut 150 Jahren analysierte Marx in Die Klassenkämpfe in Frankreich das Scheitern der Revolutionen von 1848/49 als "Resultate gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich noch nicht zu scharfen Klassengegensätzen zugespitzt hatten". Sieht man mal davon ab, dass sich hier eine geschichtsphilosophische Erwartung zum Ausdruck kommt, legt Marx' Analyse mehrere brauchbare klassentheoretische Schlussfolgerungen nahe. Zunächst einmal könne nicht von zwei homogenen antagonistischen Hauptklassen von Kapital und Arbeit ausgegangen werden. Vielmehr, so setzt Marx in Der 18. Brumaire nach, nähmen die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen mitunter eine "eigentümliche Physiognomie" an. Daher sei ein komplexer Prozess der politisch-sozialen Klassenformierung zu untersuchen.

Von Klassen kann dabei in zwei verschiedenen Bedeutungen gesprochen werden. Einerseits im strukturellen Sinn, d.h. durch ihre Stellung innerhalb des Produktionsprozesses, wobei hier formelle Eigenschaften, wie die Existenz des Lohnarbeitsverhältnisses, nicht allein determinierend wirken. Andererseits kann von Klassen in einem historischen Sinn gesprochen werden, d.h. von sozialen Gruppen, die sich in einer bestimmten historischen Situation selbst als Klassen im Unterschied zu anderen Klassen begreifen. Wer will, kann hier auch von "Klassenbewusstsein" sprechen, allerdings ist dieser Begriff bekanntlich durch die marxistische Tradition derart mit politischen Erwartungen überfrachtet, dass er die hier oftmals antiemanzipatorischen Denkformen zu kaschieren droht. Die aktuelle Klassenkonstitution à la française ist hierfür sicher ein Beispiel, auf das zurückzukommen ist.

Zunächst aber ist noch eine weitere Unterscheidung festzuhalten: Klassen können durch eine "positive" politische Arbeit oder aber ex negativo hergestellt werden. Frankreich ist seit der gescheiterten Februarrevolution von 1848 für beide Prozesse ein besonders illustratives Laboratorium.

Ein Beispiel: Angeleitet von dem Interesse, das Kleinbürgertum außerhalb der klassischen Arbeiterbewegung politisch zu artikulieren, setzt in den dreißiger Jahren ein vom französischen Katholizismus und von den Vorläufern des Vichy-Regimes gestützter Prozess ein, an dessen Ende die "historische" Klasse der so genannten cadres steht. Wie vor allem die Arbeiten des Soziologen Luc Boltanski gezeigt haben, entsteht so zwischen heterogenen Berufsgruppen ein Klassenbewusstsein, dass in der Passivität der cadres in den großen Streiks von 1936 seinen ersten Ausdruck findet und nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Einrichtung einer eigenen Rentenkasse, einer eigenen statistischen Kategorie etc. staatlich sanktioniert wird.

Der umgekehrte Prozess, d.h. eine politisch-soziale Form der Klassenkonstituierung ex negativo ist für die seit Jahren revoltierenden Bewohner der französischen Vorstädte zu beobachten. Vielfach, aber nicht ausschließlich, setzt sich deren Bevölkerung aus Immigranten oder ihren Nachkommen zweiter bzw. dritter Generation zusammen, die besonders von ökonomischen, politischen und kulturellen Ausschlussprozessen betroffen sind.

Ökonomisch sind diese Ausschlussprozesse bedingt durch die Krise des Fordismus und seiner Beschäftigungsverhältnisse, die ob des französischen Etatismus eine besondere Verlaufsform angenommen hat. So sind einerseits noch immer große Teile der erwerbstätigen französischen Bevölkerung bei staatlichen Unternehmen beschäftigt, wenngleich Restrukturierungen, wie sie derzeit am Beispiel der Privatisierung des Stromversorgers EDF zu studieren sind, auch hier zu zahlreichen Entlassungen führen. Andererseits ist ein vom öffentlichen Dienst (fonction publique) ausgeschlossenes und durch den Rückgang der gering qualifizierten Industriearbeit verstärkt von Verelendung betroffenes Proletariat entstanden. Auch wenn in Frankreich Kategorien wie "Migrationshintergrund" in der offiziellen Statistik verboten sind, zeigen aktuelle Untersuchungen, dass eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst für Träger des Vornamens Mohamed oder Djamila wesentlich unwahrscheinlicher ist, als für einen François oder eine Marie.

Insofern ist davon auszugehen, dass die Klasse der "Vorstädter" (banlieuesards) eine eigene Stellung im Produktionsprozess einnimmt, die sie strukturell vergleichbar mit dem Marxschen Lumpenproletariat macht. Während um 1848/49 "Träger, Tagelöhner, Trödler, Scherenschleifer und Kesselflicker" jedoch zur Unterstützung der Bourgeoisie oder Bonapartes in den Mobilen Garden organisiert wurden, ist von den Kurieren, Tagelöhnern, Kassierern, Mc-Donalds-Angestellten und Callcenter-Agenten der französischen Vororte kein Beitrag zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung zu erwarten.

Dies liegt allerdings weniger an einem emanzipatorischen Bewusstsein der betroffenen Klasse, sondern vielmehr an dem politischen Ausschlussprozess, der die zweite Komponente des negativen Klassenkonstitutionsprozesses seit den siebziger Jahren darstellt. So ist durch die verweigerte Anerkennung der spezifischen sozialen und kulturellen Situation eines großen Teils der französischen Bevölkerung durch den herrschenden Republikanismus die "historische" Klasse des – hier mehr als Chiffre, denn als geographische Fixierung begriffenen – Vorstädters entstanden. Die gesellschaftliche Debatte im Zusammenhang nicht nur mit den Ausschreitungen in den Vororten dreht sich ganz wesentlich um diese Form des politischen Ausschlusses, wobei zumeist eine Radikalisierung des vermeintlich neutralen Universalismus, ablesbar etwa an der Diskussion um das Projekt anonymisierter Lebensläufe, gefordert wird.

Schließlich ist ein kultureller Ausgrenzungsprozess als dritte Komponente negativer Klassenkonstitution zu nennen. Hier spielt das kollektive Imaginäre des französischen Kolonialismus eine große Rolle. Als die letzten Etappen dieses Prozesses kann zweifellos ein Gesetz aus dem Februar dieses Jahres über die angebliche, in schulischen und universitären Kontexten zu verbreiternde "positive Rolle" des französischen Kolonialismus gelten.

Die genannten ökonomischen, politischen und kulturellen Ausschlussprozesse haben also eine soziale, politische und kognitive Repräsentation zur Folge, die die "eigentümliche Physiognomie" (Marx) des Klassenkampfes der vor allem jugendlichen Vorstädter bestimmt. Ihre Beschimpfung als "Abschaum" durch den französischen Innenminister Sarkozy mag man diskriminierend finden. Sie gibt der Klasse der banlieuesards jedoch einen Namen, die dieser schon längst zur Selbstbezeichnung geworden ist. "Racaille" ist dabei weder ein Racket, noch die Artikulation einer "kollektiven Intelligenz", sondern ein Akteur der zeitgenössischen Klassenkämpfe in Frankreich.




 
   
   
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