Denn selten hat dies so gut geklappt wie dereinst im Fall eines Johnny-Ray-Konzerts im Jahr 1958. Die Bravo Nr. 16/1958 berichtete: "Nichts gegen jugendliche Begeisterung, aber auch ein noch so gut geschluchzter Song sollte die Leute nicht so meschugge machen, dass sie sich zu prügeln anfragen."
Riefen diese halbstarken Auswüchse des Rock'n'Roll einst noch Politiker, Kirchen und die Bravo auf die Barrikaden, so schlüpfen mittlerweile eher Radio- und Fernsehsender, Plattfirmen und Labels in die erste Zensorenrolle. Als Marktteilnehmer fürchten sie weit jenseits aller moralischen Bedenken schlicht um ihre Werbe- bzw. Einnahmen aus Plattenverkäufen, solange es sich jedoch nicht um eine wohltemperierte und Provokation handelt.

Die massivste Zensur allerdings bleibt wie immer unsichtbar. Sie findet – wie auch im Fall von z.B. Journalisten - im Kopf der Künstler, sprich Musiker, Texter, Designer, Fotographen, etc. selbst statt, indem sie ggf. zensurwürdige Cover, Texte oder auch Aktionen schlicht von vornherein verzichten – sei es aus einem Mangel an widerständigen Gedanken, fehlender Kreativität oder halt Zensurangst.
Dieses Problem, so ein richtiger Hinweis im hier verhandelten Buch, hängt möglicherweise sogar damit zusammen, dass im Gegensatz zu den Bereichen Film (FSK), Computerspiele (USK) oder Internet (FSM) im Musikbereich eine Selbstkontrollinstitution fehlt. Denn diese könnte verbindliche Festlegungen zu ggf. einzuhaltenden Gesetzen und Verordnungen geben, um so rechtliche Auseinandersetzungen und damit verbundene, im Fall kleinerer Labels gegebenenfalls sogar existenzbedrohende Kosten zu vermeiden.
Dies hätte möglicherweise auch den Angefahrenen Schulkindern aus Osnabrück helfen können. Bekannt geworden mit ihrem Song "Tötet Onkel Dittmeyer" legten sie später das Lied "I wanna make love to Steffi Graf" nach, in dem sie ihr eine sexuelle Beziehung zu ihrem Vater unterstellten. Das von Frau Graf erwirkte Schmerzensgeld von 60.000 DM plus Anwalts- und Prozesskosten waren trotz schriftlicher Entschuldigung bei der Tennisspielerin gleichbedeutend mit dem Ende der Band.

Das Katalogbuch "Nur für Erwachsene" zur gleichnamigen Ausstellung des Gronauer Rock- und Popmuseums bietet anhand von etwa 70 Plattencovern aus den letzten fünfzig Jahren (jeweils die zensierte und unzensierte Version) sowie einem lexikalischen Teil mit Kurzdarstellungen einzelner Zensurvorgänge (Cover, Texte, Konzerte, Auftritte, etc.) eine illustrierte Geschichte der Zensur in der Rock- und Popmusik.
Die gezeigten Cover sind in die fünf Zensur-Kategorien "Sex und verfängliche Situationen" (Roxy Music – siehe Bild; interessanterweise ist der ZDF-Sendung aspekte auf ihrer Internet-Seite das untere Viertel der im Buch komplett gezeigten Cover abhanden gekommen – Ein Fall von Zensur?), "Frauenfeindlichkeit" (z.B. Die Ärzte – Ab 18 / Gwendoline-Cover mit gefesselter Comic-Frau), "Verletzung von Moral, Sitte und Anstand" (z.B. The Beatles – Yesterday and today / Butch-Cover mit zerstückelten Babies), "Gewaltdarstellung und Gewaltverherrlichung" (Alice Cooper – School's out-Cover mit AC am Strang) sowie "Political Incorrectness" (Kiss – Alive-Cover mit SS-Runen) unterteilt.

Die meisten Beispiele stammen jedoch von weit weniger prominenten Künstlern. Zwar ist den Machern Fleiß bei der Zusammenstellung des Materials nicht abzusprechen, doch bleibt die Darstellung letztlich anekdotisch und weit entfernt von jedem Vollständigkeitsanspruch. Schmerzlicher als weitere Beispiele fehlt jedoch eine Analyse der einzelnen Zensurfälle, die in der Regel eben eher einem Katalog gemäß nur kurz mit einigen Informationen vorgestellt werden. Vermutlich sollen die Cover-Vergleiche für sich sprechen, doch lässt der angestrebte Aha-Effekt doch relativ schnell nach, der – dann nicht erfüllte -Wunsch nach Hintergrundinformationen nimmt überhand und die Neigung zum Durchblättern steigt stetig.

Ein wenig Abhilfe schaffen hier jene sieben Kurzaufsätze auf knapp 50 Seiten, die dem Katalog einführend vorangestellt sind:
+ Die Geburtsstunde des Rock 'n' Roll: ein halber Elvis
Staat und Tat. Welche Musik der deutschen Obrigkeit nicht passt
+ Unbedarftheit und Kalkül: Rockgruppen und ihr Umgang mit Symbolen und Gedanken des Faschismus
+ Heavy Metal. Zensurversuche, Vorurteile und Wahrheiten
+ Ideologisch motivierte Musikzensur in 'God's Own Country' – Mechanismen der Zensur im Kampf um die amerikanische 'Mainstreamkultur
+ Neue Tanzverbote in Amerika? – Der Rave Act und seine Konsequenzen für die amerikanische Technoszene
+ Musiker unter Druck: Zensorische Maßnahmen in Zeiten des Krieges (am Beispiel des Irak-Krieges)

Hier werden die entsprechenden Themen zwar jeweils kompetent, jedoch vergleichsweise kurz und oberflächlich abgehandelt. Die kurzen Themeneinführungen versammeln teilweise recht interessante Einzelinformationen und Hinweise. Demnach befinden in Deutschland (Stand August 2004) etwa 400 Tonträger auf dem Index der BPJM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien), von denen 63 verboten sind (54 wegen Rassenhass, 5 wegen Gewaltverherrlichung, 3 wegen Pornographie, 1 wegen Beleidigung). Eine differenzierte Analyse sozialer, kultureller, politischer, ökonomischer oder religiöser Gründe und Hintergründe von Zensur in der Pop- und Rockmusik als zentralem kulturellem Kampfplatz für Distinktion und Lebensstile erfolgt jedoch nicht.

Spannende Fragen werden also aufgeworfen. Leider können die Autoren diese nur bedingt beantworten. Wollen sie dies überhaupt? "Nur für Erwachsene" ist kein eigentliches Sachbuch zum Thema Zensur. Es fehlt ein roter Faden, der das Thema von A bis Z durchdekliniert. Stattdessen lesen wir einen Katalog, der jene, welche die gleichnamige Ausstellung nicht besuchen können, mit dem dort vorgestellten Material konfrontiert.

"Nur für Erwachsene" ist primär im Bild- und im Lexikonteil eine Faktensammlung, die höchstens einen nicht gerade tief schürfenden Einstieg in Geschichte der Zensur in der Rock- und Popmusik bietet. Unzählige Fallbeispiele versammeln die Autoren. Die sind - wie die Streitigkeiten um die "erlaubte" Verwendung von Nacktheit, Gewalt, satanischer oder Nazi-Symbolik - typisch für das Thema, oft jedoch - wie das eifrig-absurde Wegretuschieren von Zigaretten, Flaschen oder anderen verdächtigen Objekten in Musikerhänden - einfach nur skurril.

Das zahlreiche Material ist die Stärke dieses Buches, das Fehlen einer differenzierten Analyse dessen, was da zensiert wurde, seine große Schwäche. Einmal abgesehen davon, dass Sinn und Legitimität von Zensur an sich in Frage gestellt werden können, macht es einen großen Unterschied, ob eine Band zum Rassenhass aufruft oder ihr Plattencover bloß mit Splattermotiven schmückt. All das unter der Zensur-Klammer zwischen zwei Deckel zu pressen dient eher den Sammlern, weniger der kritischen Auseinandersetzung.
