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Ausgabe 11.0 - 01.03.2003
   

Geschichten des Zionismus

Warum Linke keine Antizionisten sein sollten


Wer vom Antisemitismus nicht reden will, sollte auch vom Zionismus schweigen. Dies ist eine der zweifellos auch noch heute geltenden Formeln, auf die sich die Geschichte einer der historisch bedeutendsten nationalen Bewegungen bringen lässt. Niemals zuvor wurde das Schicksal eines Volkes so radikal verändert wie das der Juden durch den Zionismus.

Dessen Entstehung und Entwicklung illustrieren zwei neu erschienene Bücher mit dem Titel "Geschichte des Zionismus". Das eine von Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur in München, zeigt den Zionismus als vom Antisemitismus induzierten jüdischen Aufbruch in einer übergreifenden Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts: "Gestalt annehmen konnte der Zionismus als eine Nationalbewegung erst im Zeitalter des europäischen Nationalismus." Als solcher ist er "Teil einer allgemeinen Politisierung des europäischen Judentums am Ausgang des 19. Jahrhunderts".

Einen etwas anderen Schwerpunkt und eine deutlich zionistische Perspektive wählt das zweite Buch von Amnon Rubinstein, einem in Israel v.a. als Jurist und Politiker bekannten Publizisten. Es zeigt die Anfänge des Zionismus im Kontext der jüdischen Aufklärung, wobei für ihn hierbei die Übersetzung jüdischer Tradition in säkulare und nationale Begriffe den fortschrittlichen Charakter ausmacht. Gleichzeitig sichert gerade diese Vereinigung religiöser und säkularer Elemente das Überleben und die Massenbasis des Zionismus: auch wenn ursprünglich ein säkulares Projekt, übt er ideologischen Einfluss auch auf religiöse Juden aus.

Aufklärerisch ist der jüdische Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts u.a. auch deshalb, weil er zumindest für Westeuropa als unmittelbare Antwort auf die gescheiterte Emanzipation der Juden betrachtet werden kann. In Osteuropa ist der Zionismus – unter dem Eindruck schwerer antisemitischer Pogrome – zwar auch mit dem Gedanken einer Selbstemanzipation der Juden als Nation verbunden, erhält seine Massenbasis aber v.a. durch die Möglichkeit, die er jungen nicht-religiösen Juden angesichts einer fehlenden säkularen Kultur bietet: an der jüdischen Identität festzuhalten und gleichzeitig gegen die religiöse Tradition zu protestieren.

Diese unterschiedlichen sozialen Hintergründe führen zu unterschiedlichen Artikulationen des Zionismus: ist für die Mehrheit seiner osteuropäischen Anhänger ein einfaches Nebeneinander mit den – von mythischer Zionssehnsucht angeleiteten und zahlenmäßig marginalen – religiösen Zionisten nicht möglich, treten die liberalen Juden des Westens für religiöse Toleranz ein. Während in Osteuropa der sozialistische Zionismus, dessen Ziel neben dem Erhalt des jüdischen Erbes die Schaffung einer Modellgesellschaft ist, über großen Einfluss verfügt, kann für den Westen von einer mehrheitlich bürgerlichen Bewegung gesprochen werden.

So erstaunt es auch nicht, wenn Theodor Herzl, der mit seinem Buch Der Judenstaat, die Geschichte der zionistischen Bewegung maßgeblich geprägt hat, im Grunde von dem Gedanken an Emanzipation und Assimilation geleitet ist. Er klagt ein, dass beide Ideen unerreicht geblieben sind und will ihre Vervollständigung erlangen. "Die Emanzipation", schreibt Brenner über Herzls Denken, "sei deswegen gescheitert, weil die Juden zwar individuelle Rechte erhielten, aber keine kollektiven Rechte. Diese seien nur durch das gleiche Mittel zu erreichen, das jeder anderen Nation zustehe: einen eigenen Staat."

Dieser Staat der Juden bekommt mit den verschiedenen jüdischen Einwanderungswellen nach Palästina seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Grundlage. Dabei war Herzls Vorstellung eines "Landes ohne Volk für ein Volk ohne Land" gelinde gesagt naiv. Sicherlich protokolliert diese Ansicht den Einfluss des europäischen Kolonialismus auf Herzls Denken, wonach die Ansprüche der eingesessenen Bevölkerung als unwichtig erscheinen. Keinesfalls aber kann davon gesprochen werden, dass der Zionismus selbst ein Kolonialismus ist. So hebt Brenner hervor, dass die Juden nicht in einem klar umrissenen Territorium gelebt haben und auch keine Kolonialmacht, in deren Namen und zu deren Nutzen ein fremdes Land ausgebeutet werden sollte, existiert habe.

Daran anschließend zeigt auch Rubinstein, dass die Analogie des Kolonialismus für die Entstehung des Staates Israel nicht tragfähig ist: Keine anderen Mitglieder einer ethnischen Gruppe sind einen Land so lange so treu geblieben wie die Juden Eretz Israel, nirgendwo gibt es einen vergleichbaren kulturell-religiösen Bezug, nirgendwo eine vergleichbare Rückkehr-Sehnsucht. Zudem gibt es kein anderes Beispiel von Emigranten, die sich während der Wanderung als Volk betrachten, das sein Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht. Die ideologische und moralische Botschaft des Zionismus, die sich in einer Modellgesellschaft manifestieren sollte, ist ebenso einzigartig.

Und schließlich lässt sich das Verhältnis der jüdischen Einwanderer gegenüber der arabischen Bevölkerung nicht einfach als gewaltsame Unterwerfung wie im Kolonialismus beschreiben. Auch wenn es zweifellos gewaltsame Landaneignungen im Rahmen der zionistischen Ansiedlung gegeben hat: in der Regel wurde den Eingesessenen Land abgekauft, und auch der Rückgriff auf ihre Arbeitskraft vollzog sich gegen Entlohnung; und hielt die Siedler im übrigen nicht davon ab, selbst die Rolle gewöhnlicher Arbeiter zu übernehmen. Die Besonderheiten des Zionismus als "modernes politisches Phänomen" (Brenner) lassen sich also nicht mit falschen Analogien, sondern nur aus der Einzigartigkeit des Schicksals der Juden erklären.

Weder Brenner noch Rubinstein täuschen im Folgenden aber über die Probleme des Zionismus, wie z.B. die Vereinbarkeit der Attribute 'jüdisch' und 'demokratisch' in einem Staat, hinweg. Dennoch zeigen sie auch auf, dass die zionistischen Politiken von Anbeginn mit Feindseeligkeiten zu kämpfen hatten, die nur auf die generelle Ablehnung einer jüdischen Bevölkerung in Palästina zurückzuführen sind. Die dazugehörige Geschichte bis zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 ist schnell erzählt: verschiedene Einwanderungswellen führen bis zu den 1930er Jahren zu einem rapiden Anstieg der jüdischen Bevölkerungszahl. Die zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung zwingen die britische Mandatsmacht zum Handeln. 1921 wird ein vorläufiger Einwanderungsstopp für Juden verhängt, wobei diese Maßnahme das Versprechen auf eine "nationale Heimstätte" für Juden in Palästina konterkariert, das die Briten 1917 mit der Balfour-Erklärung gegeben haben. Bekanntlich ist die jüdische Einwanderung nach Palästina auf diesem Wege nicht gestoppt worden. Vielmehr wurde diese durch das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland, den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung der europäischen Juden verstärkt.

Interessant ist die Darstellung des Zionismus nach der Staatsgründung v.a. in Rubinsteins Buch. Sie verdeutlicht, dass der Zionismus mit der Existenz Israels nicht verschwunden ist – und welche Transformation er erfahren hat. So ist mittlerweile weithin bekannt, welchen Einschnitt der sog. Sechs-Tage-Krieg 1967 damals und heute für Israel bedeutet: das Selbstvertrauen des noch relativ jungen Staates wächst und die bisher mehrheitlich einem Judenstaat abgeneigte religiöse Bevölkerung, beginnt Israel als ein 'Wunder' zu verklären resp. zu verehren. Durch den Jom-Kippur-Krieg 1973 gewinnen diese religiösen Nationalisten dann großen Einfluss, und 1977 gewinnt erstmals in der nun schon fast dreißigjährigen Geschichte des Staates eine rechte Partei (Likud) die Wahlen.

In Zuge dieser Entwicklung entsteht eine Bewegung von religiösen Fanatikern und nationalistischen Rechten, die bis in die linke Arbeitspartei hinein Rückhalt findet und sich mit dem Label 'Zionismus' schmückt. Als die Ultraorthodoxen nach den Wahlen 1977 ein Bündnis mit dieser eingehen, entsteht eine anti-arabische und anti-säkulare Bewegung, die über großen Rückhalt verfügt, gewaltsam vorgeht (Terror gegen Araber und später der Mord am Präsidenten Rabin), die Autorität des Staates Israel in Frage stellt und seine Institutionen nicht anerkennt. Trotz dieses Bündnisses bleiben die Ultraorthodoxen einem – wenn auch ambivalenten – Antizionismus verpflichtet.

Daneben gibt es in der heutigen israelischen Gesellschaft noch eine andere Gruppe, die sich explizit gegen den Zionismus richtet bzw. ihn überwinden will: die sog. Postzionisten. Darunter ist keine politische Bewegung im strengen Sinne zu verstehen. Vielmehr ist der Postzionismus ein Diskurs, der auf eine Gruppe von israelischen Historikern zurückgeht, die versuchen die Gründungsmythen des Staates Israel zu zerstören. Die Argumente der Postzionisten haben jedoch über die Historikerzunft hinaus v.a. in der israelischen Friedensbewegung so große Bedeutung erlangt, dass man wohl von Ansätzen einer politischen Bewegung sprechen kann.

Die Kritik am Postzionismus bildet das Herzstück von Rubinsteins Buch. En passant werden die Vorwürfe, der Zionismus sei eine Form der Apartheid, oder gar Rassismus, zurückgewiesen. Obwohl unschwer zu erkennen ist, dass der Autor über wenig Kenntnis sozialphilosophischer Debatten verfügt, ist sein theoretisches Argument gegen den Postzionismus das schlagendste: die größtenteils postmodern beeinflussten Postzionisten legen je nach Gegenstand verschiedene Maßstäbe an. Wenn die Postmoderne eine objektive Geschichte zugunsten unterschiedlicher Erzählungen bestreitet, fällt im Postzionismus die Analyse der Tatsachen mit der palästinensischen Erzählung zusammen.

Rubinstein kann beiden Varianten der Gegnerschaft zum Zionismus nicht viel abgewinnen, vor der ultraorthodoxen warnt er sogar. Damit zeigt er sich innerhalb derer, die sich in Israel für Frieden einsetzen, als zum linkszionistischen Flügel gehörig – eine gegenüber dem anti- bzw. postzionistischen Lager deutlich sympathischere Fraktion, die nur leider derzeit weitgehend kollabiert ist.

Auch wenn sowohl für Rubinstein, wie auch für Brenner, die Geschichte des Zionismus eine erfolgreiche ist, sind sie beide bemüht, die Ambivalenzen der Bewegung, die heute als 'zionistisch' etikettiert wird, sowie der israelischen Gesellschaft als Ganzes herauszustellen. Und auch wenn das Problem, das der Zionismus zu lösen antrat, nämlich der Hass auf die Juden, fortdauert, ist der jüdische Nationalismus nicht gescheitert. Um dessen Ambivalenzen noch genauer herauszuarbeiten, können die beiden Bücher aber nur eine Grundlage bilden, loten sie doch zu wenig die Interessen und die Geschichte der arabischen Bevölkerung Israels und der umliegenden Staaten aus. Dennoch bleibt ihr großes Verdienst ein positives historisches Wissen über die zionistische Bewegung zu vermitteln, so dass am Ende für den Leser eine andere simple Formel stehen muss: dass Linke keine Antizionisten sein sollten.

Michael Brenner: "Geschichte des Zionismus", München 2002, Verlag C.H., ca. 130 S., 7,90 €

Amnon Rubinstein: "Geschichte des Zionismus. Von Theodor Herzl bis heute", München 2001, dtv, ca. 360 S., 19,50 €




 
   
   
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