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Ausgabe 6.0 - 01.12.2000
   

S P E E D!

Oder: Vielleicht geht die Welt aus dem Leim


a f t e r w o r k c l u b b i n g

Alle reden über Koks. Die Droge all jener, die, wie es heißt, unter Hochspannung arbeiten, feiern und weiter arbeiten. Sigmund Freud und Klaus Mann sind als Zeugen geladen. "Deutschland geht on Line" titelt der SPIEGEL, angeführt vom verbannten Ex-Bundestrainer in spe Christoph Daum (z. Zt. "Großraum Orlando"). Und dessen notorische herbstliche Haaranalysen sind nicht mehr nur ein willkommener Anlass ? seine mutmaßliche "Krankheit" (Beckenbauer) scheint, nüchtern betrachtet, der einzige Grund für eine beispiellose Medienhysterie, die self-fulfilling prophecy einer Suchtgesellschaft unter Druck. Das journalistische Entsetzen wirkt geheuchelt, fast schon verschnupft, es geht einher mit präzisen Gebrauchsanweisungen (Rasierklinge, Geldschein etc.) und Preislisten auf den bunten Seiten der bürgerlichen Blätter.

Dabei wird der ausgemachte Trend von keiner Statistik gestützt. Die Renaissance findet nicht statt. Bemerkenswert bleiben die Konnotationen: In den unzähligen Artikeln und oftmals zweifelhaften Expertisen umgibt Kokain die bekannte, gefährlich-verheißungsvolle Aura. Heroin ist für Loser, Alkohol klassenlos, Coke heißt der Rausch der Gewinner ? und Koks ist das Manna der Manager, deren Uhren immer fünf Minuten vorgehen, und die dennoch Tag für Tag ewig strahlend die Riten der New Economy zelebrieren. Oder eben, respektive, das Dreigestirn am Fußballfirmament ? Meisterschaft, Champions League und Pokal. Living on the Edge. Dabei noch gut aussehen. Auf der ganzen Linie siegen, in dieser beschleunigten Welt.

Unabhängig davon, ob sich die Schlagzahl, das kollektive Tempo, in den letzten Jahren tatsächlich erhöht hat, ist festzuhalten, das viele Menschen von dieser Vorstellung fasziniert sind. Und wenn sogar die Reichstagsklos vom teuren weißen Pulver nicht verschont bleiben, dann ist man kurz geschockt, hat es eigentlich aber längst akzeptiert und lächelt klammheimlich stolz über die Urbanität und Maximalgeschwindigkeit dieser juvenil-glamourösen Republik. Tony Blairs "Cool Britannia" erblasst vor Neid und zieht dann mühelos mit einer vergleichbaren "Wischprobe" nach. Alle reden über Koks. Das heißt, wenn sie "Koks" sagen, meinen sie eigentlich Speed.

Die Signale stehen offenbar auf Grün. Doch wohin zieht der Zug der Zeit? Und wer beschleunigt hier? Die Spurensuche kann beginnen ? wenn auch nur flüchtig, anhand von Fetzen und Momentaufnahmen.

"Ich nehme den Servicefahrstuhl runter ins Foyer, und draußen ist es Nacht, und die Straßen sind nass, und Wasser tropft an den Fassaden der Häuser herab, an denen ich vorbeikomme, aber es regnet nicht. Ein leeres Taxi rollt langsam vorbei. Ich weiche schnellen Inline-Skatern aus. Und ich habe immer noch das Gefühl, dass man mich filmt. Wie viele Warnungen hatte ich ignoriert?" Bret Easton Ellis, Glamorama, 1999

z e i t f a k t o r

In Heiner Müllers fragmentarischem Revolutionsdrama "Der Auftrag" (1979) findet sich eine verwirrende, vieldeutige Prosa-Szene. Ein Angestellter einer namenlosen Behörde steht beklommen im Fahrstuhl, auf dem Weg zu seinem stalinesken Chef. Von diesem erwartet er einen wichtigen Auftrag. Der Etagenanzeiger läßt ihn nicht los: "Entscheidend ist der Zeitfaktor", denkt sich der Mann. "FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT / IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT". Doch etwas ganz und gar Undurchschaubares geschieht, er fährt ? vielleicht ? zu weit, verfehlt das entsprechende Stockwerk und damit den Auftrag, "die Zeit ist aus den Fugen". Die "verrückt gewordene" Armbanduhr wird nun zum Spiegel seiner entfremdeten, rasenden Existenz. Der arme Angestellte sieht voller Panik "die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so dass zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehen. Mir wird klar, dass schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit. Ich verfalle auf wilde Spekulationen: die Schwerkraft lässt nach, eine Störung, eine Art Stottern der Erdrotation, wie ein Wadenkrampf beim Fußball". Ohne Ziel, bar jeder Autorität und Mission, wähnt er sich an der Schwelle zum Wahnsinn: "Vielleicht geht die Welt aus dem Leim..."

Bei Heiner Müller, das ist kaum verwunderlich, entgleist der Zug der Zeit. Erst als sein erschrockener Held jenen Fahrstuhl, Innen- und Außenwelt zugleich verlässt und sich urplötzlich auf einer Dorfstraße in Peru wiederfindet, kommt er ein wenig zur Besinnung. Heiter löst er seinen Schlipsknoten und spaziert durch ein wüstes, prä-zivilisatorisches Brachland. "Vielleicht gibt es Mitleid in Peru", hofft der Angestellte.

s p o n t a n mo b i l i t ä t

Endlich. Die Echtzeit. Die Straßen von Berlin. Und wo erreicht der gewaltige Motor dieser Stadt seine maximale Drehzahl? Womöglich am Hackeschen Markt. Zumindest pulsiert es dort nicht nur zur Mittagszeit im eindeutig dunkelroten Bereich. Die Straßenführung unmittelbar an den Hackeschen Höfen ist eng und chaotisch. Es gibt hier Geschäfte für Schuhe und Sonnenbrillen sowie die wohl bekannteste Sparkassenfiliale der Metropole, deren Schülerautomat ? an diesem lassen sich auch einzelne Zehnmarkscheine abheben ? am Wochenende zum heimlichen Treffpunkt der Jugend avanciert. Die Bars und Cafés pflegen ein edles, minimalistisches Ambiente. Mich erinnert es an die Achtziger, doch leben wir ohnehin noch in einer undefinierten Dekade: Wie nennt man das erste Jahrzehnt eines Jahrhunderts?

Und wirklich: viele Menschen, die es offenbar sehr eilig haben. Aber die meisten wirken wie Touristen, und Touristen sind naturgemäß immer irgendwie beschleunigt, obwohl sie ja neben den Arbeitslosen eigentlich am meisten Zeit zum müßigen Flanieren haben müssten. Ein Freund aus Pankow sagte mir, dass selbst er sich am Hackeschen Markt letztlich jedes mal wie ein Tourist vorkäme. Ich kann ihn verstehen. Erst als ich einen nicht mehr ganz jungen Mann im schwarzen Anzug und italienischen Schuhen auf einem silbernen Roller den Straßenbahnschienen folgen sehe, wittere ich eine Spur. Gleich vis-a-vis gibt es dann auch einen Laden für sogenannte Kickboards.

Die mädchenhaft anmutende Verkäuferin folgt mir in die leeren Geschäftsräume. Sie bittet mich freundlich, hier nicht zu rauchen. Ich entschuldige mich. Es ist nur so: Der Laden wirkt eher wie eine coole Lounge mit zarten Breakbeats, wo man gelassen die Apokalypse erwartet ? und währenddessen eben auch raucht. An der linken Wand hängen ein Dutzend vage unterscheidbare Roller-Modelle, sonst ist das Interieur eher karg, einige Polstermöbel laden zum versonnenen Blättern in stylishen britischen Magazinen wie Wallpaper oder i-D. Notieren: Hier geht es keinesfalls hektisch zu. Strahlend fragt sie nach meinem Wunsch. Ich überlege kurz, frage dann: Wozu gibt es auf einmal diese Kickboards? Sie lacht. Hey, das wollte noch nie jemand wissen. Ob es sich denn nicht eher um ein Kinderspielzeug handele, frage ich weiter. Die Verkäuferin ist wirklich entspannt und sehr nett. Und dann nimmt sie ein großes Wort in den grell geschminkten Mund: Spontanmobilität. Ich höre dieses Wort zum ersten Mal in meinem Leben, doch ihr geht es ? immer wieder ? beiläufig von den Lippen, wie eine Art verträumtes Mantra. Spontanmobilität.

Hey, stell dir vor ich fahr mit der Bahn zum Alex, muss aber hier ins Geschäft. Es ist zu weit zum Laufen und ich hab´s eilig. Da ist so ein Kickboard Gold wert!

Aber auch im schwarzen Anzug?

Soll es doch jeder halten, wie er will. Du machst was du willst, ich mach was ich will. Und alles wird gut.

Kann man mit so einem Roller auch richtig b e s c h l e u n i g e n?

Allerdings, sagt die Verkäuferin grinsend.

Doch ich höre schon nicht mehr zu, denn als sie den Alexanderplatz erwähnt hat, ist mir die Weltzeituhr eingefallen. Ich frage mich, ob sie noch funktioniert, das könnte wichtig sein, und mache mich auf den Weg. Spontan und zu Fuß.

w e l t z e i t g e i s t

Der Alexanderplatz ist gar kein Platz. In Wahrheit handelt es sich um eine graue und stürmische Transit-Wüste aus Beton, so mancher Mikro-Pendler mag im Kaufhof eine Art Oase sehen. Doch die Zeit drängt.

Der F. A. Z.-"Flaneur" Mark Siemons machte folgende Beobachtung: "Mit der 1969 auf dem Alexanderplatz installierten "Weltzeituhr" symbolisierte die DDR, dass sie sich nicht nur in die Weltzeit eingeklinkt hatte, sondern auch im Gleichklang mit der Zeit der sozialistischen Welt funktionierte. Der synchrone Takt der DDR-Zeit zur Moskauer Zeit war eine Gewähr für den Gleichklang mit der Weltzeit und damit des Mitschwingens mit dem Weltgeist."

Dies lässt an Heiner Müller denken, auf den Siemons in der Tat auch an anderer Stelle verweist. Und die Uhr ? sie funktioniert. Kaum jemand würdigt sie eines Blickes, einige Schulkinder gucken zumindest interessiert. Wo liegen Städte wie Conakry und Antananarivo? Wer weiß. Ich weiß: In Nowosibirsk geht wohl gerade die Sonne unter und in Hollywood schlägt es vier Uhr nachts. Zuoberst der einzelnen, sich im gemächlichen Stundentakt wiegenden Zeitzonen thront ein Modell unseres Sonnensystems. Für den Saturn erhält man leider keine aktuelle Zeitangabe.

Schräg gegenüber, an einer schäbigen Plattenfassade, ist erst seit kurzem jener Berliner Dichter verewigt, der diesen Platz wie kein anderer in die Welt hinaus getragen hat. Alfred Döblin. Das in schlichten weißen Lettern gehaltene Zitat aus seinem Roman endet mit den Worten: "Wiedersehen auf dem Alex. Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wird's noch kälter."

Wenn auch sicher nicht so kalt wie im fernen Nowosibirsk. Falls der Arbeiter- und Bauernstaat damals ausgerechnet mittels dieser Uhr ins Zentrum von Weltzeit und Zeitgeist rücken wollte, so steht sie heute am Rande der Bewegung, die Menschen strömen achtlos an ihr vorbei. Aber sie läuft und läuft und wird wohl ewig laufen, ein unschöner Anachronismus aus einer nur scheinbar beschleunigten Epoche, in welcher der status quo doch noch auf Jahre hinaus unantastbar geblieben ist. Ich wollte eigentlich auf die nächste volle Stunde warten. Stattdessen steige ich in die Straßenbahn (Döblin würde sagen: "in die Elektrische").

Andy Warhol schreibt:

I try to think of what time is and all I can think is... "Time is time was."

Doch Andy Warhol hat zu viel gesagt, geschrieben. Ich glaube er hat sich gelangweilt. Wie etwa Salvador Dali. Das führt zu nichts.

m e e r

Ich will jetzt auch Fahrstuhl fahren. Und zwar mit dem schnellsten Fahrstuhl Europas. Der Werbespruch klingt einleuchtend: "Ich kann das Meer sehen... ? die neue Mitte in 20 Sekunden von oben". Das Kollhoff-Gebäude aus dunkelrotem Backstein ist das einzige zaghaft organische Gewächs auf dem sogenannten DaimlerChrysler-Areal im Kunstherz Berlins. Eine schöne Adresse ? Potsdamer Platz 1. Scheinbar leicht nach Osten ragend, erschlägt es den Spaziergänger schon auf der Rolltreppe aus dem Bahnhofsschacht zur Oberwelt. Ein bisschen Manhattan, nur ohne Feuerleitern. Für sechs (bzw. ermäßigt vier) Mark kann man mit einer Geschwindigkeit von 8, 5 Metern in der Sekunde die Panorama-Plattform erreichen, hat dann bereits 90 Meter zurückgelegt und darf sich zu Fuß noch ein kleines Stückchen höher hangeln.

Na, ganz alleine? fragt das blonde Liftgirl, während bereits ein nicht unangenehmes leises Rauschen einsetzt. Meeresrauschen vielleicht? Der Fahrstuhl beschleunigt. Und er ist in der Tat verdammt schnell. Der Etagenzähler kommt nicht mit, von 24 Stockwerken beachtet er nur jedes dritte. Rechts geht´s lang! sagt die Dame. Mit meiner Armbanduhr scheint aber alles in Ordnung zu sein.

Hier oben ist es zunächst einmal erstaunlich laut. Einige wenige Senioren. Zudem ist es kühl und bewölkt, der farbenfrohe Sat1-Ballon steigt trotzdem in naher Distanz in die Höhe. Die deutsche Bahn arbeitet zentralisiert im Big Brother-Container ? mein Panoramablick dringt konsequent in jedes einzelne Büro. Das Brandenburger Tor: zur Zeit nur ein seltsames Werbeplakat für sich selbst. Herbstlich rostbraun jedoch schimmert der Tiergarten. Der debis-Stadt fehlt derweil noch ein Hauch Patina. Allein, das Meer ist nicht in Sicht. Vielleicht meinen sie den kläglichen Baggersee am Marlene Dietrich-Platz. Vielleicht sind deshalb auch so wenige Touristen mit mir hier oben auf der Plattform. Innen gibt es eine Fotowand: Die würdevollen Bauherren, seltener: die Architekten, und immer wieder der Regierende Bürgermeister, wie er stolz irgend etwas in die Kamera hält oder zum Beispiel aus einem Bagger steigt.

Seit der Eröffnung von Daimler City kamen jeden Tag 70.000 Besucher. Es gibt infantile Skulpturen von Jeff Koons und eine veritable Privatpolizei, doch keine Uhr, kein Gesetz, für das neue Gefüge der Weltzeit. Bei aller Zeit der Welt scheint dies auch nicht mehr möglich. Im einst fast vergessenen Niemandsland zwischen Ost und West ging die Veränderung einher mit der Geschwindigkeit ? und zwar, das ist so bedrohlich, beinahe ausschließlich mit dieser. Einen kompletten Stadtteil schaffen, mit vier Milliarden, in vier Jahren. Auf Speed. Und immer unter Hochspannung. Davor war die neue Mitte über Jahrzehnte hinweg das Entwicklungsland in Müllers Drama. Vielleicht gab es Mitleid dort.

Nach unten, schneller als der Schall. Ein Sachse äußert sich über den Fahrstuhl: Der is ja wirklich fix, sagt er staunend. Rauschen. Der Mann hat bestimmt auch das Meer gesehen. Vielleicht geht die Welt aus dem Leim. Er lacht, und schon sind wir im Erdgeschoss angelangt.




 
   
   
O&V