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Ausgabe 6.0 - 01.12.2000
   

Im Schatten der NATO

Warum der Nomos-Verlag sein Layout ändern sollte


Im Gegensatz zu den eilig auf den Markt geworfenen und hastig recherchierten 'Kosovo & die NATO'-Texten kommen die blauen oder grünen Bände der Nomos-Reihe eher unprätentiös - ohne Panzer auf dem Einband - daher. So kann es passieren, daß ein für diesen Verlag recht schmales Bändchen ganz einfach auf dem Schreibtisch verschwindet und erst einige Monate später wieder oben auf dem Stapel der zu lesenden Bücher erscheint. Hans-Georg Ehrharts und Albrecht Schnabels The South East European Challenge: Ethnic Conflict and the International Response mußte dieses Schicksal erleiden und wir fragen uns: Lohnt es sich heute noch, eine Rezension über diesen Sammelband zu schreiben? Denn in den letzten Wochen lächelte uns aus allen Zeitungen der neue jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica entgegen. Für den Großteil der deutschen Presse ist die ‚neue' Republik Jugoslawien der lange ersehnte Phönix aus der plattgebombten Asche: Welchen politischen Hintergrund Kostunica hat, interessiert niemanden - die Internationale Staatengemeinschaft hängt gebannt an seinen Worten, die ein demokratisches und friedliches Jugoslawien versprechen. Zeit, zur Tagesordnung überzugehen: Schon wenige Tage nach der vielgerühmten Revolution in Belgrad werden in Westeuropa Hilfspakete geschnürt und Bankanweisungen unterschrieben. Einige Wochen später meldet die Süddeutsche, daß Jugoslawien in die EU will (oder war es die NATO)? Alles vergeben und vergessen: Saddams kleiner Bruder, der fötengrillende Schlächter vom Amselfeld, totalitärer Herrscher über ein fanatisiertes Volk potentieller Kosovarenkiller hat das Ruder aus der Hand gegeben und der Westen atmet spürbar auf. Die NATO nimmt ganz bescheiden die Glückwünsche entgegen für ihr gelungenes Engagement und heimlich denkt man sich, dass das mit den Bomben dann doch so schlimm nicht gewesen sein kann, damals. Umso wichtiger bleibt der kleine Sammelband aus dem Bereich der Friedens- und Konfliktforschung daher auch noch ein Jahr nach seinem Erscheinen. Im sachlichen Nomos-Stil werden hier die Hintergründe der oft als ‚ethnisch' und ‚kulturell bedingt' wahrgenommenen Konfliktstrukturen auf dem Balkan erläutert. Die Bandbreite der Artikel reicht von Zoltan Baranys Untersuchung der sozialen Lage und politischen Organisation osteuropäischer Roma im Balkankonflikt bis zur Einordnung des griechisch- mazedonischen Konflikts als eine im Grunde durch innenpolitische Faktoren bestimmte Auseinandersetzung. Symeon Giannakos geht in diesem Artikel davon aus, daß die Internationale Gemeinschaft zwar als Mediatorin in Konflikte eingreifen könne, ein grundlegender Wandel der Politik auf dem Balkan jedoch nur aus der Region selbst heraus zu erwarten sei und nicht durch externe Intervention zustande komme. Dieser These folgt auch die zentrale Aussage des in englischer Sprache erschienenen Buches: "Success of outside intervention in Southeastern Europe has not been spectacularly successful." Die militärische Intervention der NATO brachte dem Kosovo zwar einen kalten Frieden, aber keine grundlegende Lösung des Konflikts zwischen Serben und Kosovaren: "Forced peace settlements (..) do little toward resolution and reconciliation. [They] are prone to develop into protracted conflicts." Aus dieser wenig optimistischen Perspektive auf den Konflikt analysieren die Autoren (sic) des Sammelbandes in seinem zweiten Teil die Rolle der diversen internationalen Organisationen, die an dem Konflikt beteiligt waren und sind. Während EU und NATO in den Artikeln von Hans-Georg Ehrhart und David Carment in der Bewertung nicht sonderlich gut wegkommen, werden vor allem die Aktivitäten der OSZE in der Region von Konrad Klingenburg und Mark Luz als stabilisierend wahrgenommen. Das Buch schließt mit einem Aufsatz von Albrecht Schnabel und Nika Strazisar, in dem die Internationale Gemeinschaft aufgefordert wird, die zivilen Aspekte der Prävention gewaltsamer Konflikte sowie die Friedenskonsolidierung nach dem Ende eines gewaltsamen Konflikts nicht aus den Augen zu verlieren. Denn heute werden dringender denn je Fachkräfte gebraucht, die keine militärische Ausbildung zur Lösung von Konflikten einsetzen wollen, sondern im zivilen Umgang mit innerstaatlichen Auseinandersetzungen geschult sind. ‚The Southeast European Challenge' informiert ein Fachpublikum genauso wie interessierte ZeitungsleserInnen in knapper Form über die Probleme und Möglichkeiten der Internationalen Gemeinschaft, in den Konflikten auf dem Balkan in Zukunft eine konfliktmindernde Rolle zu spielen. Es bleibt zu hoffen, daß dieses Buch sein Dasein nicht nur als Beleg- und Rezensionsexemplar in den Bücherregalen der internationalen Konfliktforschergemeinde fristet, sondern auch ein interessiertes Publikum außerhalb dieser Strukturen finden wird.

Ursula Schröder

Ehrhardt, Hans-Georg & Albrecht Schnabel (Eds.) (1999) The Southeast European Challenge: Ethnic Conflict and the International Response. Baden-Baden: Nomos, 218 S., 49.- DM.



 
   
   
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