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Ausgabe 6.0 - 01.12.2000
   

Kritik in der Krise

George Soros langweilt seine Leser


Einen wie ihnen gibt's nicht viele: George Soros, der "Superkapitalist" oder auch "der König der Spekulanten", wie ihn Die Zeit nennt. Vor acht Jahren noch drängte er mit seiner Spekulation das britische Pfund aus dem Europäischen Währungssystem und verdiente by the way rund eine Milliarde Dollar. In seinem bereits letztes Jahr erschienenen (und nun wiederaufgelegten) Buch, "Die Krise des globalen Kapitalismus", will er die drohenden gesellschaftlichen aber vor allem ökonomischen Katastrophen aufzeigen und Vorschläge zu ihrer Bewältigung machen.

Dabei teilt er sein Buch in zwei große Teile, den "begrifflichen Rahmen" und die Analyse des "gegenwärtigen historischen Moment". Im ersten Teil erweist Soros sich als beharrlicher Langeweiler. Seine schon im Vorwort dargelegten Thesen und Erklärungen werden auf knapp 100 Seiten endlos wiederholt, so dass am Ende des ersten Teils wirklich jeder Leser den zentralen, von Soros neu definierten Begriff "Reflexivität" verstanden haben sollte. Darunter versteht er das Wechselspiel zwischen "Denken und Realität". Auf den Finanzmarkt bezogen heißt das: "Finanzmärkte [...] versuchen eine Zukunft vorauszuahnen, die wiederum von Entscheidungen abhängt, die Menschen in der Gegenwart fällen. Statt nur einfach die Realität passiv widerzuspiegeln, erschaffen Finanzmärkte aktiv die Wirklichkeit, die sie ihrerseits reflektieren. Zwischen heutigen Entscheidungen und künftigen Ereignissen besteht eine Wechselwirkung, die ich als Reflexivität bezeichne."

Im zweiten Teil des Buches legt er an vielen Beispielen dar, wie instabil der gesamte "globale Kapitalismus" aufgebaut ist. Man fühlt sich nach seiner Schilderung an einen riesigen Kreis von Dominosteinen erinnert, der, stößt man einen Stein um, das gesamte System sprengen kann.

In seinen Erklärungen hebt Soros hervor, dass er nicht das von Marx "verschriebene Heilmittel - den Kommunismus" als Rettung ansieht. Immerhin sei dieser "schlimmer als die Krankheit" gewesen. Maßnahmen, die nach Soros den globalen Kollaps verhindern können, sind zum einen, eine internationale Kreditversicherungsanstalt, die im Notfall als Kreditgeber in letzter Instanz auftreten soll, sowie einer "Art internationalen Aufsicht über die nationalen Aufsichtsbehörden". Außerdem soll das Funktionieren des internationalen Bankensystems und der Swap- und Derivatmärkte überdacht werden. Am Ende beschwert sich der "Superkapitalist" jedoch, sein Vorschlag bliebe "ohne Echo." Was ist das für eine Welt, die so mit dem "erfolgreichsten Börsenspekulant der Nachkriegszeit" (Die Zeit) umgeht?

Jürgen Kleinert

George Soros: Die Krise des globalen Kapitalismus, Frankfurt a.M., Fischer Verlag, 300 S., 19,90 DM.



 
   
   
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