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Ausgabe 7.0 - 22.03.2001
   

Der Stand der Dinge

Geschlecht, Militär und Wissenschaft


2. Januar 2001: Erstmals rücken Frauen in Bundeswehrkasernen ein, die sich jenseits von Sanitätsdienst und Heeresmusikkorps um das Vaterland verdient machen wollen. Drinnen wartet nicht nur ihre männliche Kollegenschaft, es lauern auch Unmengen von JournalistInnen, die bereits seit Wochen die Kasernen durchkämmen. Es fehlen: WissenschaftlerInnen - jedenfalls solche, die nicht den Bundeswehrforschungsinstituten angehören und somit uneingeschränkt für eine breitere Öffentlichkeit publizieren könnten.

Gleichwohl ist davon auszugehen, daß der Wissenschaftsmarkt in den nächsten Jahren von einer Vielzahl von Analysen zum geschlechterpolitischen Umbruch in der Bundeswehr überschwemmt werden wird, zu wichtig ist dieses Themenfeld, zu verlockend aber auch die Möglichkeit, das wohl noch anhaltende mediale Interesse in wissenschaftliches Kapital zu verwandeln. Diese Analysen aber werden wohl relativ beschränkt in ihrem Forschungsinteresse sein. Zu erwarten ist eine Überzahl textanalytischer Arbeiten, die den medialen Diskurs über "Frauen in der Bundeswehr" untersucht, manche werden sich auch der Vergeschlechtlichung der innerhalb der Bundeswehr textuell niedergelegten Regelwerke annehmen. Wenige werden versuchen, Interviewstudien durchzuführen, um so wenigstens die Alltagsdiskurse einzufangen. Über die Praxen im Sinne eines nicht-sprachlichen doing gender aber werden wir wohl kaum etwas erfahren, denn die Kasernen bleiben für universitär angebundene WissenschaftlerInnen geschlossen, (nicht-)teilnehmende Beobachtungen werden damit unmöglich. Somit werden uns wesentliche Aspekte dieses für das Gros männlicher Soldaten wohl monumentalen Krisenexperiments verborgen bleiben. Vor der für die nahe Zukunft zu erwartenden Veröffentlichungswelle soll nun ein kurzer Blick auf einen Sammelband geworfen werden, der den letzten Stand der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Diskussion zu Militär, Krieg und Geschlecht darstellt. [1] Dabei muß gleich zu Anfang darauf verwiesen werden, daß dieser "Stand der Dinge" bislang kein besonders umfassender ist und ein Großteil des Sammelbandes deshalb aus Übersetzungen englischsprachiger Basistexte besteht.

Die Herausgeberinnen Ruth Seifert und Christine Eifler betonen dies schon in ihrem Einführungsbeitrag, können über die Gründe für die – gerade im Vergleich zum anglo-amerikanischen Raum oder zur deutschsprachigen Geschlechtergeschichte – "defizitäre Forschungssituation" (S. 8) in den Sozialwissenschaften aber nur spekulieren. Eine der Thesen, daß sich nämlich in der Bundesrepublik kaum jemand mit der bis in die 90er Jahre gesamtgesellschaftlich wenig angesehenen Bundeswehr beschäftigen wollte, weil es in der Geschlechtersoziologie weitaus prestigeträchtigere Themen gab, scheint insofern naheliegend, als daß ähnliche Tendenzen auch in anderen wissenschaftlichen Feldern zu beobachten sind. Innerhalb der Geschichtswissenschaft konnte sich eine sozial- und kulturhistorische Analyse des Militärs erst unter dem Label "Neuere Militärgeschichte" herausbilden, weil die Auseinandersetzung mit Krieg und Militär bis in die 90er Jahre unter dem Generalverdacht apologetischer Verklärung stand. In der qualitativen Sozialforschung ist der Effekt zu beobachten, daß sich ein Großteil der Forschungen mit "sympathischen Marginalisierten" befaßt, aber kaum zu gesellschaftlichen Eliten oder zu "politisch Andersdenkenden" gearbeitet wird.

Ruth Seifert greift diesen Aspekt gewissermaßen noch einmal auf, wenn sie in ihrem Nachzeichnen der bundesdeutschen Debatte zwischen zwei Linien unterscheidet: "Während die feministische Friedensforschung einen normativ-politischen Ansatz verfolgt in dessen Zentrum die Frage steht wie ‚Weiblichkeit' bzw. die Gruppe der Frauen im friedenspolitischen Interesse eingesetzt werden können, geht es konstruktivistischen Ansätzen vor allem um die Frage, welche Rolle Militär und Krieg in der symbolischen Konstruktion der Geschlechterverhältnisse spielen." (S. 51)

Seifert selbst rechnet sich letzterem Ansatz zu, insgesamt ist der Sammelband von dieser Herangehensweise geprägt. Die Mitherausgeberin kritisiert an der feministischen Friedensforschung vor allem deren psychologische bzw. psychoanalytische Fundierung des Zusammenhangs von Geschlecht und Gewalt. Die zentrale Prämisse dieses Ansatzes, daß militärische Organisationen Resultat männlicher Ich-Schwäche und Unsicherheit seien, wird in mehrerlei Hinsicht kritisiert: Erstens aufgrund der mangelnden theoretischen und empirischen Bemühungen, männliche Identität subjekttheoretisch zu fassen und so die themenspezifisch relevanten Unterschiede zu (der hier essentialistisch als "friedliebend" gefaßten) "Weiblichkeit" tiefergehend herauszuarbeiten, zweitens aufgrund des Problems, individualpsychologische Phänomene mit der Konstitution kollektiver Organisationsformen in eins zu setzen, drittens aufgrund der empirisch nachweisbaren "Disziplinierung" "männlicher Aggressivität" in militärischen Organisationen sowie der Beobachtung, daß im Kriegsfall ein Großteil der eingesetzten Soldaten versucht, sich dem Kampfgeschehen möglichst weitgehend zu entziehen, was die These vom umstandslosen "Ausbruch des männlichen Unbewußten im Krieg" deutlich relativiert.

Seifert präferiert demgegenüber eine diskursive Entkopplung friedenspolitischer und theoretischer Bemühungen. Die Kategorie Geschlecht wird von ihr sozialkonstruktivistisch gefaßt, Krieg und Militär gelten als gesellschaftlich herausragende Orte der Konstruktion von Geschlechterdifferenz, die als solche kritische Aufmerksamkeit verdienen. Dies gilt zumal dann, wenn der formale Ausschluß von Frauen aus Kampfverbänden innerhalb der NATO-Armeen zunehmend aufgehoben wird.

Die AutorInnen der einzelnen Beiträge sind weit entfernt von der Grundhaltung, den Ausschluß von Frauen aus dem Militär unter friedenspolitischen Gesichtspunkten zu fordern. Sie begreifen das Militär vielmehr in organisations- und professionssoziologischer Perspektive als eine der letzten gesellschaftlichen Institutionen, die Frauen bis in die Gegenwart den Zugang zu verwehren vermochte. Und sie fragen in (geschlechter)politischer Perspektive nach den Motiven der Militärführungen, diesen Ausschluß aufrechtzuerhalten (oder diesen nun vermehrt – wenn auch keineswegs vollständig - aufzuheben) und analysieren die Effekte des Ausschlusses aus bzw. der (partiellen) Integration von Frauen in militärische Organisationen.

Der Band selbst gliedert sich in drei Teile. Im ersten stehen theoretische Fragen im Mittelpunkt. Im Rückgriff auf die internationale Debatte werden wesentliche Zusammenhänge von Militär und Geschlechterverhältnis dargestellt. An der Behandlung des Wechselverhältnisses von Gender und Militär bzw. Krieg (Yuval-Davis) sowie der Konstruktion hegemonialer Männlichkeit in militärischen Institutionen (Barrett) werden der Einfluß von Armeen auf die Konstruktion von Geschlecht und die von ihnen ausgehenden gesamtgesellschaftlichen Wirkungen behandelt.

Der zweite Teil öffnet aus verschiedenen historischen Perspektiven den Blick auf konkrete Konstruktionsbedingungen von Militär und Geschlecht. Geschlechtliche Zuschreibungen im Umfeld militärischer Institutionen spielen dabei ebenso eine Rolle wie politisch-ideologische Doktrinen und die mit ihnen verbundenen Weiblichkeitskonstruktionen. Hier steht der deutschsprachige Raum im Vordergrund; es wird ein Bogen vom Innenleben der eidgenössischen Armee am Ende des 19. Jahrhunderts (Rychner bzw. Däniker) bis hin zur (De-)Konstruktion von Männlichkeit im bundesdeutschen Zivildienst der 90er Jahre (Bartjes) geschlagen.

Im abschließenden Teil werden die empirischen Dimensionen des Themas am Beispiel solcher Armeen dargestellt, in denen Frauen einen relativ großen Anteil ausmachen, vor allem der USA (Cnossen bzw. Enloe) und Israel (Yuval-Davis). Im Vordergrund steht dabei die Frage nach den Konsequenzen, die die Integration von Frauen in militärische Institutionen mit sich bringen, deren Wirkungen auf die innermilitärische Geschlechterdynamik sowie die gesellschaftlichen wie militärischen Reaktionen auf die Öffnung von Armeen für Frauen.

Christine Eifler/Ruth Seifert (Hg.): "Soziale Konstruktionen – Militär und Geschlechterverhältnis" Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, 281 Seiten, 39,80 DM

Fußnote :

[1] :Für einen ausführlichen Überblick über die Forschungsarbeiten der vergangenen Dekade siehe: http://www.gesis.org
/Information/Themen/Fokus/solda/solda.pdf
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