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Der Einkaufspark vor den Toren der Stadt
Ausgabe 12.0 - 01.03.2004
   

Regressus ad uterum

Martin Heidegger konstruiert hegemoniale Männlichkeit jenseits des Binärcodes / Von Urs T. Lindner


AnhängerInnen der Postmoderne dürfen sich brüskiert fühlen: ihre Kritik an den ‚Dualismen der Moderne' ist schon über 75 Jahre alt. So zeigt die Dissertation von Susanne Lettow über Heideggers Sein und Zeit, dass die Kritik der neuzeitlichen Subjektphilosophie und damit der Gegenüberstellungen von Körper-Geist, Vernunft-Gefühl, Natur-Kultur keineswegs auf eine Enthierarchisierung der Geschlechterverhältnisse hinauslaufen muss. Im Gegenteil führt sie bei Heidegger zu einem Entwurf von Männlichkeit, der, so Lettow "wesentlich autoritärer und in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse restriktiver ist als die im Cogito philosophisch verarbeitete Individualitätsform des bürgerlichen Privatmannes".

Diese Diagnose liegt nicht auf der Hand. Zum einen beansprucht Heidegger mit seinem Konzept des Daseins das cartesische Subjekt wieder in seine weltlichen Bezüge einzusetzen –daher rührt sein Ruf als antiessentialistischer Denker. Zum anderen wird das Dasein von ihm begrifflich neutral gefasst. Wie beinahe alle großen Philosophen in ihren Hauptwerken ist sich Heidegger viel zu fein für explizite Geschlechtszuschreibungen. Eine feministische Lektüre, die vor dieser Philosophie nicht kapitulieren will, steht deshalb vor einer doppelten Aufgabe: sie muss sowohl mit dem antiessentialistischen Mythos aufräumen als auch Heideggers ‚philosophisches Imaginäres' freilegen, d.h. die Konnotationen und Bilder, in denen Geschlechterverhältnisse in entnannter Form anwesend sind.

Beide Aufgaben löst Lettow mit Bravour. Sie zeigt, wie Heidegger an die Kritik der Bewusstseinsphilosophie anknüpft, die vor ihm schon Marx und Nietzsche geleistet haben – um den Preis der Rücknahme aller emanzipatorischen Impulse. Dem Edelnazi geht es nicht um Gesellschafts- oder auch nur Moralkritik, sondern um Neubegründung der Philosophie als ‚Fundamentalontologie'. Dieser Anspruch bringt es mit sich, dass Heidegger das Individuum zwar als Verhältnis denkt, jedoch als Verhältnis, das sich zu sich selbst, zu seinen eigenen invarianten Grundstrukturen verhält. Indem solchermaßen das ‚Dasein' in ‚Sein' und ‚Seiendes' verdoppelt wird, hat Heidegger das Individuum erfolgreich reessentialisiert. Es ist bei ihm gezwungen sich zu seinem ‚Sein', der ‚Sorge', zu verhalten und kann nur noch zwischen den Modi der ‚Eigentlichkeit' oder ‚Uneigentlichkeit' ‚wählen'.

Lettows These ist, dass Heidegger über die Cura-Fabel des römischen Dichters Hyginus, die ihm zur Illustration der ‚Sorge' dient, eine ursprungsmythische Erzählung entfaltet. Die Sorge erscheint als mütterliche Ursprungsmacht und steht für eine verlorene Ganzheit, die das Individuum zu sich ‚zurückruft'. So ist das Dasein als ‚geworfener Entwurf' konstitutiv gespalten: während es als ‚Entwerfen' auf Wiedererlangen der Ganzheit zielt, wohnt ihm qua ‚Geworfenheit', die für die Unverfügbarkeit der eigenen Geburt steht, eine wesenhafte Tendenz zum ‚Verfallen' inne. Folgt man Lettow, verbindet das ‚Verfallen' – bei Heidegger eine Metapher für die Dynamik der Moderne – die konservativ-revolutionäre Dekadenz-Thematik mit der christlich-augustinischen Erzählung der Erbsünde. Es handelt sich um eine säkularisierte Variante des Sündenfalls, in der – wie noch in jeder Männerphantasie – eine, wie Lettow schreibt, "Dialektik von Überhöhung und Verachtung" zum Ausdruck kommt. Auf der einen Seite steht Maria, die heilige Mutter, auf der anderen Seite Eva, die – auch hier manifestiert sich Heideggers Abneigung gegen die Reflexion – vom Baum der Erkenntnis gegessen hat: ‚Das Dasein ist an ihm selbst versucherisch'.

Die Pointe von Lettows Argumentation besteht darin, dass sie zeigen kann, wie diesen beiden Frauen-Figuren zwei miteinander konkurrierende Männlichkeitsentwürfe korrespondieren. Heidegger, der die "Konservative Revolution in der Philosophie" (Bourdieu) vollzogen hat, bringt in ihnen den heroischen Krieger gegen den bürgerlichen Privatmann in Anschlag. So konnotiert die Kategorie der ‚Uneigentlichkeit' nicht Weiblichkeit, sondern eine ‚weibische Haltung': der Bürger kann den Tod, der bei Heidegger als ‚Sein zum Tode' das Versprechen von Ganzheit impliziert, nicht ertragen und ergreift die ‚Flucht'. Dementsprechend zeichnet sich seine Vergesellschaftung, die Heidegger das ‚Man' nennt, durch Geschlechtsverlust aus: ‚Das Man ist das Neutrum'. Dagegen wird Lettow zufolge in der ‚Eigentlichkeit' die Erfahrung des Frontsoldaten philosophisch verarbeitet. Dessen Haltung ist die ‚Ständigkeit' oder, wie es in der unvergleichlichen heideggerschen Sprache heißt, die ‚vorlaufende Entschlossenheit', d.h. der ‚Mut zur Angst vor dem Tode'. Im Unterschied zur gängigen Interpretation, die an der ‚Eigentlichkeit' bloß den Vereinzelungs-Effekt bemerkt, hebt Lettow zu Recht hervor, dass das Individuum in seiner Atomisierung "absorbiert wird von den ideologischen Kollektivmächten ‚Erbe', ‚Volk' und ‚Gemeinschaft'". Der abgewerteten Vergesellschaftung bürgerlicher Privatmänner kontrastiert Heidegger als positives Gegenmodell die virile Gemeinschaft, die nicht durch ‚Gerede', sondern durch ‚Verschwiegenheit' charakterisiert ist.

Der Männerbund beinhaltet in der Tat eine wesentlich autoritärere Subjektion als das publikumsbezogene Raisonnement bürgerlicher Privatleute, das Habermas in seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit beschrieben hat. Aller aktivistischen Rhetorik zum Trotz ist das heideggersche ‚Entwerfen', wie Lettow zu Recht betont, in ein "Passivierungsdispositiv" eingelassen. Es geht nicht wie später bei Sartre um ein reflexiv gestütztes Wählen von Möglichkeiten, sondern das ‚Verstehen', das den ‚Entwurfscharakter des Daseins' ausmacht, ist in erster Linie ein Hinnehmen des Vorgegebenen. Folgerichtig wird Kommunikation zur ‚Hörigkeit' und nimmt damit die Form des "militärischen Appells" an. Heideggers Ontologie der autoritären Persönlichkeit verbindet auf diese Weise den Ruf nach der Mutter, den der Krieger aller Schlachten im Angesicht des Todes ausstößt, mit dem Gehorsam gegenüber dem Ursprung: regressus ad uterum.

Susanne Lettow: Die Macht der Sorge. Die philosophische Artikulation von Geschlechterverhältnissen in Heideggers ‚Sein und Zeit', edition diskord, Tübingen 2001, 224 S., 19,90 €.



 
   
   
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