Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen

Ausgabe 6.0 - 01.12.2000
   

Wir hier und die da

Theorien über Rassismus


Rassismus gibt es nicht nur in Deutschland. Dennoch gibt es Spezifika in der Artikulation des deutschen Rassismus. Lassen sich allgemeingültige Theorien über Rassismus in Deutschland formulieren, ohne auf ein spezifisch-deutsches völkisches Denken und den eliminatorischen Antisemitismus, der in der Ermordung von sechs Millionen europäischer Jüdinnen und Juden gipfelte, auch nur eine tiefergehende Erwähnung zu schenken? Läßt sich in Deutschland Theorie und Politik betreiben ohne deutsche Geschichte und historisch-spezifisches mitzudenken? Diese Fragestellung ist nicht die Nora Räthzels, der Herausgeberin der schon zwischen 1989 und 1992 in Argument-Sonderbänden oder in der Zeitschrift Das Argument veröffentlichten Artikel. Die Artikel "(...) zeigen", schreibt sie in ihrem Vorwort, "daß und wie Rassismus Bestandteil der westlichen Welt ist". Weiter: "Die Analyse seiner Geschichte und Gegenwart in der Perspektive seiner Überwindung ist daher auch immer Analyse der Widersprüche und Unterdrückungsformen, die unsere westeuropäischen Gesellschaften insgesamt ausmachen (...)". Nicht dem Spezifischen sondern dem Allgemeinen der westeuropäischen Welt wird die Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei reicht die AutorInnen-Auswahl von Stuart Hall und Robert Miles über Ute Osterkamp und Wolfgang Fritz Haug bis Jürgen Link. Sieben von sechzehn Artikel stammen von AutorInnen aus den Niederlanden, Frankreich, Großbritanien und Italien, Ländern, in denen die Debatte um den Rassismus der Nachkriegsgesellschaften teilweise schon 20 bis 30 Jahre alt ist. So unterschiedlich die Zugänge der AutorInnen aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen sind, so auch die theoretischen Begründungen des Rassismus und mögliche Handlungspraxen dagegen. Untersucht Stuart Hall in seinem Artikel den Rassismus als ideologischen Diskurs und soziale Praxis, behandelt Jürgen Link den Zusammenhang von Normalismus und Neorassismus. Für W.F. Haug dagegen ist Rassismus entfremdeter Protest gegen die Entfremdung, "Brandstiftung und Mord können verwandelte Formen von Protest sein - im Modus des entfremdeten Protests gegen Entfremdung". Von ökonomisch-funktionalistischen über diskurstheoretische und psychologistische Ansätze ist alles vertreten. Das Buch liefert einen Überblick des Spektrums der theoretischen Zugänge auf ihrem Diskussionsstand Anfang der neunziger Jahre und soll dazu beitragen, "(...) die Diskussionen um Wirkungsweisen verschiedener Rassismen und die Möglichkeiten, sie zu bekämpfen, ins Zentrum gesellschaftstheoretischer und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen zu rücken". Ob dies gelingt und die gesellschaftspolitischen Zugänge aller Artikel wünschenswert ist, ist eine andere Frage, Diskussionsstoff bieten sie allemal.

Nora Räthzel (Hg.): Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, Argument-Verlag, 290 S., 39.80 DM

Rassismus Theorie Rassimustheorien Argument Deutschland Spezifika Wolgang Fritz Haug Stuart Hall Jürgen Link Ideologie Wissenschaft


 
   
   
O&V