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Ausgabe 11.0 - 01.03.2002
   

Phrasenschweine

Von Profi-Talkern und Fußball-Experten


Sonntagabend bei Sabine Christiansen. Die üblichen Verdächtigen treffen zusammen, um die Finanzpolitik der Bundesregierung zu debattieren. Hans-Olaf Henkel beschließt sein einleitendes Weltuntergangsstakkato mit dem altbewährten Merksatz: "Was der Standort Deutschland jetzt dringend braucht, sind nicht Steuererhöhungen, sondern eine massive Senkung der Abgabenlast!" Doch statt dem üblichen Applausgewitter löst er im Publikum nur schadenfrohes Gelächter aus. Selbst Roland Koch muss sich umgehend auf die Unterlippe beißen.

Die Gastgeberin druckst verlegen herum. Das Einbringen von Allgemeinplätzen ist gebührenpflichtig geworden. Christiansen versucht vergeblich, es Henkel begreiflich zu machen und insistiert: "Aber so ist es doch! Sie können doch die Wahrheit nicht verbieten!". Seinen Obolus führt er schließlich nur unter Protest ab, auf Henkels Lippen formt sich ein lautloses "Das hole ich mir zurück". Es wird ein kostspieliger Abend – für alle Beteiligten.

So weit, dass Hans-Olaf Henkel in Deutschland Abgaben entrichten müsste, ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Doch es könnte zur Realität werden, wenn sich die deutschen Polit-Talkshows an einem Modell orientieren würden, das der Spartensender DSF bereits seit Jahren einsetzt: das Phrasenschwein.

In der Fußball-Talkrunde Doppelpass bleibt der Einsatz von Floskeln und abgegriffenen Redewendungen nicht ungestraft. Befindet etwa Schalke-Manager Rudi Assauer, sein Trainer Neubarth handle zu Recht nach der Devise "Der Zweck heiligt die Mittel", so hält ihm Moderator Rudolph Brückner sogleich das Phrasenschwein entgegen. Eine Strafzahlung von 3 Euro wird fällig. Gelegenheitsdiskutanten lassen sich schon von diesem symbolischen Betrag zu gehaltvolleren Aussagen motivieren. Altgediente Haudegen wie Udo Lattek aber halten ihre Münzen immer schon abgezählt in der Hand: "Entscheidend ist doch – ich zahl auch gleich ein – auf'm Platz."

Die Einführung des Phrasenschweins bei Sabine Christiansen, Berlin Mitte oder Friedmann könnte wohl nur dann eine Lenkungswirkung entfalten, wenn die Zahlbeträge an das Einkommen der Diskutanten gekoppelt oder gar mit jedem Fehltritt progressiv ansteigen würden. Eingaben der Sorte "Wir werden die Maastricht-Kriterien im nächsten Jahr auf jeden Fall einhalten" kämen Regierungspolitikern dann nicht mehr ganz so leicht über die Lippen. Und falls doch? Dann könnte die vermeintliche Daseinsberechtigung von Christiansen & Co., einen Beitrag zur Beendigung der Wirtschafts- und Finanzkrise zu leisten, noch weitaus unmittelbarer erreicht werden - durch eine zweckgebundene Zuführung der Strafzahlungen in die Rentenkassen.




 
   
   
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