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Ausgabe 10.0 - 15.03.2002
   

Hass auf den "Rahmen der Möglichkeiten"

Bourdieu und die Medien: Alle in und Knüppel auf den Sack. Das ist ungerecht, so denken sich einige Journalisten. Andere merken erst gar nicht, wie tief sie mit im Sack stecken. / Von Paul Bruns



Ambivalent – Mindestens, wenn nicht gar feindlich. So charakterisiert sich Bourdieus Verhältnis zu den Medien. Für ihn orchestrieren sie - selbst orchestriert als unterjochtes Universum beherrschter Individuen - die gebotene und geglaubte Realität, liegen wie alles plättendes und einebnendes, sprich homogenisierendes Blei kontrollierend – und selbst kontrolliert - auf Politik und Intellektualität. Kurz, die Medien stehen der Enthüllung der Wahrheit sozialer Mechanismen – also dem ureigensten Anspruch an seine wissenschaftliche Arbeit – diametral entgegen.

Also gut, Bourdieu hasste die bürgerlichen Medien. Sie waren ihm Paradebeispiel symbolischer Gewalt und Herrschaft. Wohl deshalb findet sich in den Dutzenden deutscher Nachbetrachtungen zu Leben und Werk des französischen Medienfeindes Nr. 1 – selbst Arte verweigerte die Ausstrahlung des Bourdieu-Portraits "Die Soziologie ein Kampfsport" (2001) von Pierre Charles – kein Sterbenswörtchen seiner wenig schmeichelhaften Journalistenschelte.


Um so bemerkenswerter ein Text des Le Monde-Redakteurs Thomas Ferenczi in dieser Angelegenheit, erschienen zwei Tage nach Bourdieus Tod. Irritierend sei die Kritik Bourdieus für Journalisten gewesen, kaum jemand habe sich mit den dort geschilderten, gefangenen Gestalten identifizieren mögen. "Insbesondere" – dieses Wort ist wichtig – hätte sie die Journalisten von Le Monde getroffen. Schließlich seien sie Teil jener Gruppe, die dem wachsenden Druck der Ökonomie auf die Medien – "im Rahmen ihrer Möglichkeiten" – Widerstand leisten. Ferenczi bedauert es also, im Namen von Le Monde, von Bourdieu "in den gleichen Sack gesteckt" zu werden wie der Rest. Er beklagt, Bourdieu habe die "Berufsregeln" nicht in Betracht gezogen.

Doch die Kritik Bourdieus zielte nicht auf den Inhalt des Sacks, sondern eben auf den restriktiven und allgegenwärtigen "Rahmen der Möglichkeiten", auf die ihn durchziehenden "Berufsregeln". Le Monde reizt die Grenzen dieses Rahmens aus, Bourdieu will ihm an die Gurgel. Hier liegt der Unterschied, hier bereits zeigen sich die verschiedenen Perspektiven. Andererseits will die Ferenczi die Unterscheidung zwischen Le Monde und dem Rest. Dem Rest also gebührt auch für ihn die Kritik Bourdieus.

Eine gute, gemeinsame Grundlage. Denn Bourdieu, wie er selbst schrieb, wollte nie "die Schuldigen auf den Index setzen", auch wenn er es im Fall von "Über das Fernsehen" anhand besonders abschreckender Beispiele dennoch tat, sondern er wollte den Journalisten helfen, sich der "versteckten Zwänge" bewusst zu werden, die auf ihnen lasten: Tyrannei der Quoten und Diktatur des Marktes, gemeinsam schuldig des Populismus, der Entpolitisierung und der Verwässerung der Rolle des citoyen. Und wie im Fall auch anderer Felder wusste Bourdieu die Spielregeln des medialen Feldes für sich zu nutzen. Virtuos spielte er die bürgerlichen Medien – ob Presse, ob Fernsehen – gegeneinander aus, und nutze gleichzeitig alternative Medien als Druckmittel, um sich in den bürgerlichen Medien prominente Plätze für seine Anliegen zu sichern.

1989 gründete er seine eigene, europäische Zeitschrift, Liber, die als Beilage zur FAZ, der Times, von El Pais, Indice und Le Monde erschien. Anschließend setzte er diesen Weg mit den Actes de la recherche en sciences sociales, einer eher wissenschaftlich orientierten Publikation, fort. All das entsprach ganz und gar seiner Überzeugung, wahre Demokratie sei ohne kritische – und nicht zuletzt intellektuell inspirierte - Gegenöffentlichkeit nicht zu haben. Oder wie es Ferenczi fasst: spätestens seit dem Erscheinen von La Misere du Monde im Jahr 1993 waren Informationen für ihn "eine zu wichtige Sache geworden, um sie alleine Journalisten zu überlassen".


In gewisser Weise hatte er das allerdings ohnehin noch nie getan. Schon in den sechziger Jahren setzte er sich mit den Bildmedien, damals noch gleichberechtigt mit Photographie und Fernsehen, auseinander. Ein zentraler Satz: "Der gewählte Ausschnitt bleibt eine Wahl, die sich auf ästhetische und ethische Werte beruft." Dieser "fixiert einen Aspekt des Realen, der niemals nur das Resultat einer willkürlichen Wahl ist", sondern der bestimmten Codes wie der genannten Perspektive folgt, die das Reale nach Prinzipien und Hierarchien ordnet. Anders gesagt: Entscheidend ist immer die Lücke, nicht was wir sehen, sondern wie wir es sehen, und vor allem - was wir nicht sehen.

Im übrigen eine nahezu philosophische Methode als möglicher, alltäglicher Zugang zur Welt: Zwischen den Zeilen lesen. Was wird ausgespart? Was wird stillschweigend vorausgesetzt? Worüber wird nicht gesprochen? Was gibt es deswegen angeblich gar nicht, oder ist scheinbar irgendwie nicht so wichtig? Beispielsweise "der Rahmen der Möglichkeiten", in dem sich alle so gerne bewegen und gemütlich einrichten. Mehr noch als die bürgerlichen Medien hasste Bourdieu wohl jedweden "Rahmen der Möglichkeiten". Dieser Hass sei mit uns.




 
   
   
O&V