Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen
Falsche Patrioten belügen das Volk
Ausgabe 10.0 - 15.04.2001
   

L`homme Bourdieu hat die Waffen niedergelegt

Bourdieu war so vielschichtig wie die Welt, die er beschrieb und kritisierte. / Von Paul Bruns


Er sei, soll Bourdieu einmal über sich gesagt haben, "Bourdieu et Bourdiable." Dieu et diable. Gott und Teufel, vergöttert und verteufelt. Blickt man auf die Reaktionen, die er über die Jahrzehnte bei Freund wie Feind provozierte, so gibt es doch auffällig viele, die sich weniger auf sein Werk als auf seine Person beziehen. Wer war also l`homme Bourdieu?


Zunächst mal wusste er, sich seiner Sprache bewusst wie kaum ein Zweiter, recht gewitzt auf dem schmalen Grad zwischen effektvollem Bild und ernster Aussage zu wandeln. Viele der von Bourdieu neu geprägten Begriffe wie Habitus oder Feld sind längst in den aktiven Sprachgebrauch aller möglichen Feuilletonisten übergegangen. Doch gut täte es ihnen, sich einmal ein Beispiel an der Kraft seiner Bilder zu nehmen. So empfahl er einmal recht bärbeißig, alle bekennenden Neoliberalen doch einfach mit einem Hubschrauber über den Slums von Manhattan oder den Favelas von Rio de Janeiro abzusetzen. Er sei überzeugt, fügte er hinzu, dass sie nach zehn Tagen, wenn überhaupt, als geläuterte Sozialstaats-Konvertiten zurückkämen.

Novizen für die von ihm geforderten "Generalstände zur Verteidigung des europäischen Sozialstaates", dessen Errungenschaften er an anderer Stelle als "so unwahrscheinlich und so kostbar wie Kant, Beethoven, Pascal und Mozart" bezeichnete? So ganz traute er ihnen dann doch nicht über den Weg: "Die Manager und die Höheren sind zwiegespalten. Einerseits beuten sie aus, andererseits werden sie selbst hyperausgebeutet. Sie machen leiden und leiden dabei selbst." Im übrigen ahnten aber selbst die mit der "besten aller Welten" Zufriedensten, dass es so dann doch nicht weitergehen könne. Als schlimmer empfinde er jene "intellektuellen Hofschranzen", die sich ganz der "Kollaboration" verschrieben hätten. Ein tief empfundener, empörter Gestus, wie ihn sich die üblichen modernen Öffentlichkeitsarbeiter aus Politik, Medien und Wissenschaft schon lange amputiert haben.

Ob solcher Ausführungen fühlten sich manche Kritiker bemüßigt, bei Bourdieu einen "Altersmilitantismus" zu diagnostizieren, der "ihm jede Leichtigkeit und jeden Humor" genommen habe. Andere sahen in ihm schlicht "einen zornigen alten Mann". Richtiger ist da wohl schon, in ihm einen "Feinmechaniker der Polemik und des Angriffs" zu sehen, und Brillanz nicht umgehend mit Arroganz zu verwechseln. Zeit und Anlass genug, um diese Qualitäten zu schärfen, hatte er. Zunächst litt er unter den von ihm innig verachteten Pariser Großprofessoren, die mal eben nahezu ohne Landeskenntnis ein dickes Buch über Äthiopien schrieben. Bourdieu stieg auf aus dem Kleinbürgertum, glaubte aber gerade deswegen weiterhin mehr an Wert und Wichtigkeit seiner Arbeit als an Geld und Ruhm. "Ich ziehe es vor", hat er dazu einmal gesagt, lieber "enttäuschend zu sein, als irreführend und betrügerisch." Seine Strategie: Entzauberung als Möglichkeit zur Freiheit.

Später hielten dann Hobbysoziologen seinen Adrenalinspiegel auf Trab, die feuilletonistische Banalitäten mit Labeln wie "Moderne", "Zivilgesellschaft" oder dem "dritten Weg" versahen. Eben die "Hofschranzen", gegen deren "neo-intellektuellen Obskurantismus" er wiederholt mit Verve wetterte, um dann fast entschuldigend etwas über das "unfrohe Weltbild der Soziologie" der Soziologie beizufügen. Doch genau dieses war eine seine Hauptinspirationen: "All das erschreckt mich so, dass ich etwas tun muss, selbst wenn ich keine Illusionen habe." In aller Bescheidenheit entwickelte er daher auf dem ihm gegebenen Gebiet einen kaum zu bändigenden Ehrgeiz. Doch qua Biographie und ausgeprägtester Selbstreflexivität wurde ihm sein Dasein im elitären Pariser Universitätsmilieu nie zum Heimspiel. Seine fortdauernde geistige und soziale Unruhe zwangen ihm so das Gefühl auf, seine Stellung zu verteidigen und seinen Einfluss - wo möglich - noch weiter auszuweiten zu müssen. Unter diesen Umständen repräsentierte er nicht gerade das, was man einen glücklichen Intellektuellen nennen könnte.

So erwarb sich Bourdieu im Wissenschaftsbetrieb einen gewissen Ruf als erbarmungsloser Wahrheitskämpfer, der in ihrem Namen hart gegen sich selbst war und davon ausging, diese Härte auch von anderen verlangen zu können. Vielen in seinem Forschungsumfeld, die sich von diesem Freiheitskämpfer mehr individuelle Freiheit für sich selbst erwartet hatten als er zugestand, kritisierten später diese Rigidität. Die Gewalt seiner häufig mutwillig polemischen Ausführungen, seine kritische Offenheit in Kombination mit dem Verzicht auf unnötige Vertraulichkeiten nahmen sie als Arroganz wahr. Doch allem Anschein nach richtete er seine Waffen vor allem gegen jene, in denen er die nächste Generation der "intellektuellen Hofschranzen" erblickte. An ihnen rächte er sich vielleicht schon präventiv für die Erniedrigungen, die man ihm im universitären Milieu zugefügt hatte.

So wurden regelmäßig seine Kandidatenvorschläge für Universitätsposten abgelehnt, und auch von ihm unterstützte Studenten erfuhren in Prüfungen häufig genug nicht den Erfolg, den er erwartet hatte. Diese Niederlagen verletzten ihn offensichtlich um so mehr, als er von der Wichtigkeit der mit diesen Personen verbunden Themen genauso überzeugt war wie von der Qualität ihrer Arbeit, aber andere nicht davon überzeugen konnte. Der Widerstand der realen Welt gegen für ihn als unumstößlich richtig empfundene Dinge blieb ihm wohl immer unverständlich. Doch schon früh hatte er so gelernt, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, und ließ ihnen anschließend nicht mehr die gleiche Behandlung zukommen. Ausführungen von Feinden versah er dann gerne mit einem seiner vernichtendsten Urteile im Sinne von: Das ist keinesfalls richtig, aber auch nicht mal konsequent falsch zuende gedacht.

Günter Grass meinte dann nach Gewinn des Nobelpreises, im Gespräch mit Bourdieu die Humorlosigkeit von Büchern wie "Das Elend der Welt" beklagen zu müssen, während doch in seinen Geschichten Komik eine so zentrale Rolle spiele. Bei seiner Reaktion merkte man Bourdieu deutlich an, wie sehr er aufpassen musste, Grass für diese Bemerkung nicht zu sehr runterzuputzen. Komik und Humor sind nicht die Themen seiner Bücher. Statt dessen berichtete er, wie sie gezwungen gewesen seien, viele Geschichten aus "Das Elend der Welt" zu entfernen. Diese seien in ihrer extremen und fast unerträglichen Gewalt schlicht zu mörderisch und schmerzhaft gewesen, um noch einen Rest Hoffnung zu erhalten.

Doch während Bourdieu als Intellektueller qua Thema nicht wirklich zur humoristischen Posse neigte, berichten die, welche ihn kannten, von seinem privat sehr ausgeprägten Humor. Insbesondere diejenigen, die ihn in den letzten Jahren auf den Versammlungen der sozialen Bewegungen erlebten, berichten davon. Auch für ihn gehörte so das Lachen wohl zu den Instrumenten seiner psychischen Hygiene. Dies gilt vielleicht nicht für die Wissenschaft, aber für das Leben. Als es ihn in den neunziger Jahren aus den Fluren des Collège de France auf die Straßen zog, erlebten ihn die Menschen nicht mehr als strengen Gelehrten. Vielmehr erinnern sie sich an einen völlig verschüchterten, aber gleichzeitig offenen, freundlichen und extrem interessierten Professor, mit zwei im Pariser Politmilieu nicht unbedingt weit verbreiten Qualitäten: der Fähigkeit zuzuhören und einem großen Respekt vor Frauen. Er tat nicht so, als sei aus ihm nun plötzlich ein Arbeitsloser oder Arbeiter geworden. Als er im Juli 2000, im Alter von 69 Jahren, weit weg von Paris das erste Mal per Anhalter fuhr, handelte es sich für ihn um ein großes Abenteuer. Einige Tage später erhielt der freundliche Autofahrer, begleitet von einem Dankesschreiben, ein Paket mit einer ausgewachsenen Auswahl von Bourdieus Werken.

Fern der vertrauten Bahnen stürzte er häufig zunächst ein bis zwei Whiskey, bevor er sich auf Versammlungen als Redner auf das Podium traute.. Vielleicht war dies auch einfach ein Weg, die für diese Anlässe notwendigen, für ihn aber nur schwer zu akzeptierenden Vereinfachungen seiner Darstellungen hinzunehmen. Wenn es jedoch zur Diskussion kam, dann steckte er niemals zurück. Er sah sich nicht als integraler und natürlicher Bestandteil welcher Bewegung auch immer, sondern als deren Berater, der als charmante Autorität immer auch die dafür notwendige Distanz bewahrte. Keinen Moment zögerte er so mit seiner von ihm als Unterstützung verstandenen harten Kritik. Als talentierter Pädagoge wusste er sich dabei aber, sofern es sich um Kritik an Freunden handelte, geschickt seines Charmes und seines leicht südlichen Akzents zu bedienen. Wo der Charme nicht reichte, war auch schon sein Wissen alleine immer noch überzeugend genug.

Bourdieu jedoch war keineswegs in einem hermetischen System von Sicherheiten und Überzeugungen gefangen. Als Mensch, der sich auf vielen Feldern zum Kampf gezwungen und verpflichtet sah, beugte er sich zwar häufig genug der Regel, im Kampf nicht seine Zweifel herauszuposaunen. Doch war er nicht nur Feuer und Flamme für seine Ideen, sondern genauso energiegeladen, wenn es um ihre Weiterentwicklung ging. Sein Geist war immer in Bewegung. Häufig genug stockte er in seinen Vorlesungen, weil ihm ein neuer Gedanke in die Parade fuhr, und zaghaft zögernd versuchte er ihn in seine Argumentation und Darstellung zu integrieren. Ähnlich seine Schriften, die er teilweise mehr als zwanzig Male überarbeitete, bevor er sie freigab. Wie gesagt: Genauso unbarmherzig, wie er jene niedermachte, die seiner Sache entgegen standen, war er auch gegen sich selbst.


Ob er sich selbst mochte, ist nicht wirklich zu rekonstruieren, doch in der Anlage seiner persönlichen Freundschaften wird ihm eine bedingungslose Wärme und Solidarität nachgesagt. Allerdings war Bourdieu kein Diplomat. Er hatte kein Verständnis für Widerstände gegen intellektuelle Tatsachen, die ihm unzweifelhaft erschienen. Aber über die Jahre lernte er, seinen Überzeugungen etwa im Wissenschaftsbetrieb mit Hilfe von Winkelzügen politischer Natur den notwendigen Flankenschutz zu verschaffen. Wie die Welt, die er beschrieb, war auch Bourdieu weder einheitlich noch eindeutig. Gian Giacomo Migone, einer der Mitbegründer von Liber, schrieb nach seinem Tod: "Er konnte furchtbar egozentrisch sein, aber dennoch ist das erste Wort, was einem durch den Kopf geht, wenn man an ihn denkt >großzügig<."




 
   
   
O&V