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Das falsche Lächeln der Toleranz
Ausgabe 10.0 - 15.03.2002
   

Die Bourdieu-Nachrufe II

Der dpa-Nachruf - Warum hoffentlich immer mehr Redaktionen auf dpa verzichten / Von Paul Bruns


Wer sich in den Tagen nach Bourdieus Tod auf die Suche nach Nachrufen und Würdigungen machte, den erschlug deren Masse umgehend. Die französische Tageszeitung Le Monde dürfte mit einem sechsseitigen Dossier und insgesamt etwa 60 Bourdieu-Artikeln innerhalb von drei Tagen einsam den Vogel abgeschossen haben. Wenn er jeden Tag sterben würde, dann wären WTC-Zusammenbrüche – zumindest in Frankreich - vermutlich nie über das Stadium von Randnotizen auf den Vermischtes-Seiten hinausgekommen. Im Gegensatz zur deutschen Journalie war die Qualität und Auswahl dieser Texte jedoch über nahezu jeden Zweifel erhaben. Erwartbar erbärmlich hingegen präsentierten sich große Teile der Presselandschaft. Hingeschludertes Gestammel teils ahnungsloser, teils böswilliger Geistespygmäen machte die Lektüre dieser vorbewussten Lieblosigkeiten zur monotonen Qual.

Zum Beleg dürfte alleine schon jener Nachruf reichen, den dpa am Tag seines Todes über die Ticker jagte. Fast alle deutschen Regionalzeitungen übernahmen diesen Text. Ein Blick auf deren Auflagenhöhe (über 20 Millionen Exemplare) zeigt, welches Bourdieu-Bild der deutschen Mehrheit geboten wurde, als sie in jenen Tagen wahrscheinlich zum ersten und einzigen Mal von seiner Existenz erfuhr. Es folgt eine fragmentarische Übersetzung des dpa-Nachrufs in das gefühlte Verständnis einer Berliner Hausfrau. Die dpa-Zitate sind in Anführungszeichen gesetzt:

"Weil er zu allen Fragen eine Antwort hatte", wobei man natürlich nicht von allem Ahnung haben kann, weshalb der Typ wahrscheinlich nur ein wichtigtuerischer Besserwisser war mit Ahnung von gar nix, "nannte man Pierre Bourdieu in Frankreich den >Guru der linken Intellektuellen<", er war also quasi ein sozialistischer Sektenführer, außerdem schlau, also vermutlich auch noch Jude. "Und weil er sich in alles einmischte", dieser elende jüdische Querulant , die ja in in allem ihre Finger haben, "bezeichneten die Politiker ihn gern als >Enfant terrible<", kurz, er war ein staatsfeindlicher jüdischer Bastard, der es vermutlich nur mit Nutten oder Männern getrieben hat.

Der "kleinwüchsige Franzose" bzw. "Südfranzose", also schon fast Nordafrikaner, klein, hinterhältig und gemein, war ein "wortmächtiger Intellektueller", "Beamtensohn", "Professor und Soziologe" , der also allen das Wort im Munde verdreht hat und sich dazu auch noch für was Besseres hielt, war letztlich ein "Prophet der engagierten Soziologie" und "Wortführer der linken Intellektuellen", kurz gesagt also ein hinterlistiger, arroganter und jüdisch-kommunistischer Kaffer-Rädelsführer und Terrorist, der nur von so unverständliches Zeug geredet wie dem "blindem Mechanismus des Kapitals", der "Schicksalsmacht der Verhältnisse" oder gleich der "praxeologischen Theorie der Praxis".

Was denkt die westfälische Hausfrau jetzt? - "Ein Glück, dass DER tot ist. Wenn die Amis jetzt noch Bin Laden erwischen, dann ist alles wieder in Ordnung, dann kann ich endlich wieder ruhig schlafen."




 
   
   
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