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Falsche Patrioten belügen das Volk
Ausgabe 7.0 - 22.03.2001
   

Schuld und Sühne

Jüdische Rache an den NS-Tätern

"Man muss seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden." Heinrich Heine

Es war eine historisch einmalige Situation: mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am achten Mai 1945 endete bekanntlich der Zweite Weltkrieg. Die nationalsozialistische Barbarei hatte ein Ende, ihre Vollstrecker jedoch fanden sich allerorts. Nur selten - auch das ist bekannt und hinreichend dokumentiert - wurden sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen oder hatten irgendwelche Konsequenzen zu befürchten. Gemäß der Ideologie der "Stunde Null" begann das Verdrängen der Verbrechen mit dem achten Mai selbst. Unbeliebt machte sich da, wer weiter auf die Schuld der Mörder hinwies, besonders, wenn er oder sie selbst zu den Verfolgten gehörte. "Im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst hat man Ressentiment", hielt Theodor W. Adorno diesen Zusammenhang treffend fest.

Wer nun aber sogar die Bestrafung der Täter einforderte oder selbst für ihre Bestrafung sorgte hatte es nicht leicht. Und letzteres erschien nun wirklich geboten: alliierte Militärs gingen nicht oder zumindest nicht schnell und gründlich genug gegen NS-Kriegsverbrecher vor. Diese nutzten vielfach die von ihnen ins Leben gerufenen Fluchthilfe-Organisationen um einer Ahndung ihrer Taten zu entgehen. "Wenn bereits ein Staat Israel existiert hätte, wäre den Schuldigen dort der Prozess gemacht worden", gibt ein Shoah-Überlebender in dem bereits vergangenes Jahr erschienen Buch über jüdische Rache an NS-Tätern zu Protokoll. "Doch es gab noch keinen Staat und die Täter machten sich aus dem Staub. [...] Hätten wir gesehen, dass die Nazis hinter Gittern gelandet wären, dann hätten wir nicht handeln müssen." Da die Peiniger der Ermordeten jedoch noch überall präsent waren, musste gehandelt werden und so entstanden vielerorts Gruppen, die sich die Rache an den Deutschen auf die Fahnen schrieben. Anfänglich entwickelten diese Gruppen noch größenwahnsinnige Projekte, wie die Vergiftung des Trinkwassers ganzer Großstädte. Mit der Zeit jedoch traten gezielten Aktionen gegen einzelne Täter an die Stelle solcher Vorstellungen. Zu solchen Aktionen gehörte beispielsweise das Aufspüren von NS-Kriegsverbrechern und häufig auch ihre Hinrichtung nach den durch die Rächer improvisierten Gerichtsverhandlungen. Auch der Angriff auf die alliierten SS-Internierungslager waren den Rächern ein probates Mittel. So vergifteten Mitglieder der Gruppe Nakam (Hebräisch für "Rache") 1946 die Brotlieferung für ein solches Lager bei Nürnberg. Jedoch war die Giftdosis zu gering und es kam niemand zu Tode. Aktionen wie diese haben Jim G. Tobias und Peter Zinke in ihrem Buch Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern dokumentiert.

Epilog: nachdem Spiegel-TV 1996 eine israelische Fernsehdokumentation über die Aktivitäten der verschiedenen Rächergruppen sendete, in der auch zwei Nakam-Aktivisten zu Wort kamen, leitete die Staatsanwaltschaft Nürnberg Ermittlungen ein - wo schon kaum ein Nazi-Täter auf deutschem Boden verurteilt wurde, wollte man doch wenigstens den Opfern mit dem Vorwurf des "versuchten Mords" auf die Pelle rücken; sozusagen ein 'Nürnberger Beitrag' zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Erst nach massiven internationalen Protesten wurde das Verfahren wegen "außergewöhnlicher Umstände des Falls" (Oberlandesgericht Nürnberg) eingestellt. Wer von den Nazi-Henkern redet oder sie gar hängen sehen möchte, für den haben die meisten Deutschen nach wie vor nur eins übrig: den Strick.

Jim G. Tobias und Peter Zinke: Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2000, 176 S., 30,- DM.



 
   
   
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