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Das falsche Lächeln der Toleranz
Ausgabe 11.0 - 01.03.2003
   

Wo Museum draufsteht ist Museum drin

"Manche Menschen halten Rembrandt für einen großen Künstler, andere einfach für einen blöden alten langweiligen Sack."


In Deutschland gehen jährlich etwa 90 Millionen Menschen ins Museum. 1971 gab es 1500, 1998 bereits 5000 Museen, darunter vor allem viele neue Spezialmuseen für Sanitärbedarf, Erotik oder Kuckucksuhren. Museum ist kein geschützter Begriff. Ob ein Museum seine Objektensembles wissenschaftlich klassifiziert, sie eher pädagogisch-didaktisch vereinfacht und personalisiert oder gar assoziativ-narrativ den erhobenen Zeigfinger wieder einfährt - wo Museum draufsteht, da ist auch Museum drin. Aber Museum ist nicht Museum, es ist historisch wandelbar. Es entwickelte sich vom antiken Musensitz über fürstliche Sammlungen hin zu jenen bürgerlichern Bildungsinstitutionen, die ab dem 18. Jahrhundert zunehmend in eigene Gebäude wanderten.

Heute gelten frühere und heutige Museen als Abbilder des kulturellen Selbstverständnisses der Gesellschaft, innerhalb derer sie existierten. Welche Gegenstände als erhaltens- und ausstellenswert befunden werden, nach welchen Prinzipien sie geordnet werden oder auch nicht, gibt demnach Auskunft über die Begriffe von Geschichte und Bildung, den die jeweiligen kulturellen Bilder- oder Meinungsmacher haben oder bewusst konstruieren, interpretieren und inszenieren. In diesem Sinn ist das Museum eine "Message-Machine" in der Hand einzelner Personen zur Konstruktion von Bedeutung, Botschaft oder Geschichte. Sie bestimmen über drinnen und draußen. Doch was kommt rein, was bleibt draußen?

Mittlerweile sind Museumsobjekte einem postmodernen Lebenszyklus unterworfen, sprich: Alles veraltet, nichts währt ewig. Das ist nicht neu. Verhältnismäßig neu ist: Alles veraltet immer schneller, wird Abfall. Objekte werden für einen gegebenen kulturellen oder natürlichen Rahmen dysfunktional oder irrelevant. Was geschieht mit den Abfallprodukten postmoderner Evolution? Werden sie weggeworfen? Nein, denn es gibt Müllhalden U N D Museen.

Wir stehen also vor dem paradoxen Phänomen, dass Industriegesellschaften, also Gesellschaften, die sich durch raschen technischen Wandel, hohen Objektverschleiß und schwindendes Geschichtsbewusstsein auszeichnen, historische Objekte dennoch überaus wichtig nehmen. Weil die Postmoderne uns mit ihrer Schnelllebigkeit überfordert, keine verlässlichen Zukunftsprognosen mehr möglich zu sein scheinen und die persönliche, >authentische< Umwelterfahrung in Konkurrenz mit medialem Erleben tritt, hat das Interesse an konkret erinnerbarer, die eigene Erfahrung bestätigender Geschichte, Konjunktur.

Dabei gilt: Je näher die dargestellte Geschichte, desto besser. Dies liegt daran, dass die chronologische Ausdehnung der Gegenwart, also das Ausmaß der von uns noch erkennbaren, erkennbar nicht veralteten Gegenwart, schrumpft. Es geht schon nicht mehr um die nachfolgenden Generationen, die Nachwelt, sonderlich lediglich um uns selbst und unser Erinnerungsvermögen, das in 10 Jahren einer Stütze bedürfen wird. Teile der Vergangenheit rücken immer näher, der Rest verschwindet immer schneller und auf Nimmerwiedersehen. >Musealisierung der Gegenwart< nennt man diesen Trend, immer jüngere und immer alltäglichere Dinge oder Phänomene als erhaltenswert und in der Vorahnung des Ablaufs ihrer funktionalen Lebensphase als bedeutsam zu bewerten.

Weil die Gegenwart sich jeweils so schnell erneuert, ist ein Medium, das die historischen Prozesse, die zur Gegenwart geführt haben, beschreibt und diese überhaupt erst als Teil eines Prozesses begreiflich macht, notwendig. Museen sind Medien, die das leisten sollten. Aber: Die Postmoderne ist keine Gedächtniskultur. An die Stelle von Erinnerung und Eingedenken treten Zitat und Recycling, Sampling und Konsum, Collage und Montage. Dabei wird die Erinnerung leicht zum Souvenir. Kaum noch ein Museum ohne Museumsshop. Die Präsentation erfolgt nach den gleichen Mustern wie die Auslage von Aldi, Kaufhof, Cebit oder Disneyland.

Es ist ein erheblicher Konservierungswille unseres musealisierenden Kulturbewusstseins zu unterstellen. Ergebnis kann jedoch auch ein postmoderner Historismus sein, d.h. das nostalgische Festhalten und Heraufbeschwören von Zeiten, als sich die Zeiten noch nicht so schnell änderten. Früher meinte >erhaltenswert< noch >selten<, >wertvoll<, >anziehend<. >Alt< bedeutete mitnichten erhaltenswert, im Mittelalter dienten antike Bauwerke bevorzugt als Steinbrüche.

Kein Museum ohne Ort und Objekte. Allerdings sagen Objekte nichts über sich selbst aus. Die meisten Museumsobjekte wurden ursprünglich nicht dafür gemacht, im Museum (Ausnahme heute: Kunstmuseen) gezeigt zu werden. Die ursprüngliche Position der Objekte im Umfeld anderer Objekte geht verloren, ihr ursprünglicher Nutzen für den Menschen ist nicht mehr vorhanden, der Kreis der Personen, die mit dem Objekt in Kontakt treten, verändert sich. Sie haben keinen eigenen Inhalt mehr, sie werden zu praxisfreien Projektionsflächen für Betrachter, die sich mittels Erinnerung und Identifikation, mittels Kennen und Konsum selbst Sinn, Identität, Geschichte geben wollen.

Herausgerissen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, ihrer Funktion und ihrer Ur-Rezipienten/-Nutzer beraubt, vermitteln sich Objekte nicht durch bloße Anschauung. Sie können sich der willkürlichen Aneignung als frei interpretierbare, widerstandslose Symbole kaum mehr widersetzen. Damit sie wieder verstanden werden können, müssen die Objekte in einen dem Besucher nachvollziehbaren Zusammenhang eingeordnet werden. Erkenntnisgewinn, Überraschung, Witz können dabei wohl nicht (oder nicht ausschließlich) durch Rekonstruktion ursprünglicher, originärer Strukturen, sondern besser durch Vergleiche, Gegenüberstellungen und Chronologien befördert werden. ‚Rekontextualisierung' meint also nicht Wiederherstellung, sondern rückgebundene Neuerfindung. In der Gestaltung eines Ausstellungskontextes, in der Auswahl der Objekte, ihrer Positionierung, der Inszenierung und der Vermittlungsstrategien liegt immer auch eine Interpretation des Themas oder Komplexes.

Weiterhin gilt: Objekte verfügen über zwei Kräfte, zum einen über ihre sinnliche (physische) Materialität, zum anderen über ihre sinnhafte Bedeutung und Aussagekraft. Objekte haben für jeden Rezipienten eine unterschiedliche "Erinnerungsveranlassungsleistung". Das Museum aktiviert durch seine Objekte unseren ansozialisierten Erfahrungsschatz und bildet ihn gleichzeitig aus bzw. weiter. Museumsobjekte sind Kommunikationswerkzeuge zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren, zwischen der Materialität des Anschaubaren und der Immaterialität des Erinnerbaren. So lässt das Museum im Kopf der Besucher jeweils eigene Geschichten und Bilder, Assoziationen und Irritationen entstehen. Das ist auch insofern wichtig, als Besucher durch ihre Anwesenheit und Rezeption das Museum überhaupt erst schaffen. Wenn sie niemand ansieht, dann bleibt die museale Welt nicht nur bedeutungs- und wirkungslos, sondern auch unsichtbar. Der Empfänger ist dabei keine einfache Projektionsfläche, sondern aktiver Konstrukteur von Bedeutung: Die Bedeutung von Objekten ist letztlich nicht kontrollierbar.

Heute drängen Neue Medien mit Macht in die Museen. Treffen sie aufeinander, dann können neue Medien in Museen verschiedene Rollen übernehmen: Sie können als Kunst daherkommen, also als elektronische oder interaktive Medienkunstwerke sowie als Informations- oder Präsentationsinstrumente. In ihrem Buch "Museum als Medium - Neue Medien in Museen" analysiert Anja Wohlfromm nun, was das so alles mit sich bringen könnte. Wohlfromms` Antwort lautet: Dieses oder jene, je nachdem, wie die Neuen Medien eingesetzt werden. Sie selbst präferiert das Museum als sozialen und kommunikativen Ort, und so bekommen bei ihr all jene Verwendungen gute Noten, die diese Aspekte fördern. Andersartiger Schnickschnack fällt durch.

Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, stützt sie sich auf die folgenden Überlegungen zur strukturellen Parallelität von Museen und "Hypermedien". Beides seien Speicher- und Repräsentationsmedien. An beide Medien werden teils mythische Erwartungen gerichtet: die alles können, die alles speichern, die alles wissen, die Komplexität reduzieren. Vertrauenssache also, quasi "Einverständnis ohne Verständnis", von wem man sich eine Auswahl samt Ordnung der Dinge präsentieren lässt.

Beide Medien bedienen sich dabei sequentieller Informationseinheiten mit offener, non-linearer und individualisierter Nutzung, Bewegung und Perspektive innerhalb des jeweiligen Museums. Auch das Problem der Autorenschaft und der Authentizität, also der Glaubwürdigkeit, ist ihnen gemein, genauso wie die Versuchung enzyklopädischer Vollständigkeit statt nutzerfreundlich-exemplarischer Veranschaulichung aus verschiedenen Sichtweisen auf den gleichen Gegenstand.

Hier nun könnten Neue Medien vielleicht tatsächlich das Museum bereichern: Der Zugang zu Kunst ist bildungsabhängig, Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten sehen in Gemälden Vermeers sehr unterschiedliche Dinge, vom alten Schinken bis zum exquisiten Oeuvre. Aber auch ein tiefer gelegter Manta, drei Kapital-Bände oder ein Klumpen Öl dürften reichlich unterschiedliche Assoziationen auslösen. Die entsprechenden Statements ließen sich recht leicht aufzeichnen und dem jeweiligen Exponat digital abrufbar beifügen. Zudem wäre die Komplexität variierbar, was gar den verhängnisvollen Trend stoppen könnte, neue Museen und Ausstellungen recht kompromisslos auf die Aufmerksamkeitsspanne von 9-jährigen und die Erwartungen der Kriegsgeneration zu trimmen. Damit wäre den verschiedensten Bedürfnissen gedient, die Museen üblicherweise zu befriedigen suchen: Erkennen und wiedererkennen, Erkenntnis und Verortung, Anforderung ohne Überforderung, also Reiz.

Könnten die Neuen Medien am Ende doch zu irgend etwas gut sein? Wohl nur, wenn Museen umgewidmet würden zu sozialen Orten. Dort müssten Menschen miteinander sprechen, die sich sonst nicht mal begegnen, über die Dinge, über die sonst niemand wirklich nachdenkt. Es müsste ein "anderer" Ort sein, nicht gemacht von Kuratoren für andere Ausstellungsmacher und Kritiker, sondern für alle Menschen.

Anja Wohlfromm: Museum als Medium - Neue Medien in Museen. Forum Neue Medien 2002, 140 S., € 14,-



 
   
   
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