Dabei konzentriert er sich zunächst auf den Prozeß der Entstehung und Etablierung der Cultural Studies in Großbritannien. Lindner begreift diesen als Projekt einer "Scholarship-Boy-Generation", den ersten Arbeiterkindern also, denen in den 50ern der Zugang zu den renommierten Universitäten eröffnet wurde. Aus ihrer Herkunftskultur ausgebrochen, war es ihnen zugleich unmöglich, habituell in der bildungsbürgerlichen Kultur aufzugehen. Die Konfrontation mit der Hochkultur als symbolischem Gewaltverhältnis, die gemeinsame Erfahrung der "hidden injuries of class" ließ somit ein spezifisches Theorieprojekt entstehen, das (Alltags)Kultur zur Schlüsselkategorie der Gesellschaftsanalyse erhob.
Am Beispiel der frühen Forschungen zu "Jugendkulturen" arbeitet Lindner den unaufgeregten und "unmoralischen" Blick heraus, mit der die intellektuelle Gründergeneration Alltagsphänomene analysierte. Selbst mit der sich im Nachkriegseuropa durchsetzenden Populärkultur aufgewachsen, wiesen sie die vorgängige These von den der Kulturindustrie verfallenden Massen zurück und konzentrierten sich auf die Formen Aneignung und Rezeption von Kultur. Lindner verweist hier auf die "Homologie von Lebensform und Wissensform", die Einspeisung eigenen Erfahrungswissens in wissenschaftliche Studien.
Die damit einhergehende Privilegierung einer "Insider"-Perspektive macht Lindner als den zentralen Faktor der zunehmenden Popularität der Cultural Studies und zugleich als ihr größtes Problem aus. Auf die Akademisierung des Popkulturdiskurses sei die zunehmende Popkulturalisierung des akademischen Diskurses gefolgt. Damit aber würden die Cultural Studies hochanfällig für Prozesse der wissenschaftsexternen Durch- und Absetzung von Fragestellungen; Theorien und Themenfelder unterlägen zunehmend einer in/out-Logik, einzelnen WissenschaftlerInnen komme gar der Status von Popstars zu.
Lindners Gegenrezept: die methodische Befremdung des Selbstverständlichen, sowohl in der Untersuchung alltagskultureller Phänomene als auch in der Reflexion der eigenen wissenschaftlichen Alltagspraxen.
