Die "Informationsgesellschaft" steht in direkter Opposition zu einer "informierten Gesellschaft". Die Welt verändert sich irgendwie und dies nicht unbedingt zu ihrem Vorteil; und eine wenn auch nicht hinreichende so doch notwendige Voraussetzung für die Existenz politisch informierter und kritischer Bürger besteht in ihrer souveränen Medienkompetenz. So hebt das Buch an. Alles geschenkt. Was schlägt der Autor vor? Keine "Belehrungskultur", sondern die "Implementierung einer neuen Lernkultur" des "lebenslangen Lernens", basierend auf "Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative", auf der "Fähigkeit zur Selbststeuerung und zum individuellen Zugang zu Wissensbeständen", auf "Selbstdenken und Selbsttätigkeit".
Wenn es weniger nicht ist, dann kann ja eigentlich nix mehr schiefgehen. Hätte es den Leuten doch jemand schon eher verraten, dann wären wir jetzt schon ein gutes Stück weiter. Ach, verlorene, vertane Zeit. Doch nun, frisch ans Werk. Alle ran an die Rechner, rein ins Netz und frisch, fromm, fröhlich, frei losgelernt. Moment. Frisch, fromm, fröhlich, frei? Genau, denn Harth entblödet sich nicht, als einen theoretischen Bezugspunkt zur Messung "der politischen Beteiligung des Volkes" ausgerechnet Alain de Benoist heranzuziehen.
Gute Idee eigentlich, schließlich ist Benoist nur der Kopf der französischen "Nouvelle Droite" und des rechtsextremen Intellektuellenzirkels GRECE, einem der Vorbilder des hierzulande bekannteren rechtsextremen Thule-Seminars. Benoist steht dabei für Metapolitik, für langfristig angelegte kulturelle Strategien im Sinne einer "Kulturrevolution von rechts". Zu dumm nur für Harth, dass Benoist natürlich auch fest an die biologische Determinismen glaubt und sich daher seit Jahrzehnten inbrünstig sowohl gegen den Gleichheitsgrundsatz westlicher Demokratien als auch gegen Menschenrechte (wie etwa den Individualismus) wendet.
Bezeichnenderweise nennt sich Benoists', von Harth affirmativ zu Rate gezogenes Referenzwerk zum Thema wie? Natürlich: "Demokratie: das Problem" (1986). Harth sind deswegen zunächst noch keine deutlichen rechtsextremen Tendenzen zu unterstellen. Aber sein Umgang mit Benoist deutet darauf hin, dass er im Idealfall einfach schlecht informiert war, es mit dem "Selbstdenken" noch hapert, oder aber dass er einen sehr "individuellen Zugang zu Wissensständen" hat. Doch wenn dann vor dem genannten Hintergrund von Spannungen bei der "Identitätsbildung" zwischen "personaler Entfaltung (Selbstbestimmung)" und "sozialer Verantwortung" die Rede ist; wenn Harth sich anschließend an den Kriterien für "Mündigkeit" (Kant klingt – von Harth zitiert – in diesem Kontext doch eher seltsam: "Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.") abarbeitet; wenn er auf die Notwendigkeit "affektiver Komponenten" wie "Gefühl, Intuition" hinweist; wenn er zu Lasten von "sozialem Lernen (z.B. Einübung von Toleranz, Abbau von Vorurteilen)" mehr "politische Gegenstände" im Schulunterricht fordert; und wenn er dies letztlich in den Kontext einer allgemeinen Umbruchs- und Krisensituation stellt, die – hier zitiert er affirmativ den Chef der evangelischen Bildungsakademien Wolfgang Beer – angesichts des "Verschwinden(s) von bisherigen Selbstverständlichkeiten, Verhältnissen und Sichtweisen" nunmehr "tastende Suchbewegungen nach neuen Vergewisserungen" auslöse, dann kommen wieder leise Zweifel auf, ob hier nicht doch Metapolitik betrieben wird.
Zur Gewissheit wird dies, wenn Harth die für ihn entscheidenden "Krisenmerkmale der Demokratie" benennt. Achtung, festhalten! Es sind die "Überdehnung des Wohlfahrtsstaates", die "Politikblockierung", der "Vertrauensverlust in die Eliten", die "Entgrenzung des Raumes", "die Kolonisierung der Zukunft", der "Kulturelle Pluralismus", die "Individualisierung", der "Wertewandel", die "Politikverdrossenheit" und die "mediale Inszenierung von Politik". Ohne Kommentar. Oder vielleicht doch: Er meint das alles wirklich genauso, wie es seine Worte vermuten lassen. Beispiel gefällig? Also, was ist ein schlimmes Beispiel für "mediale Inszenierung von Politik"? Hier die Antwort: "Kurz vor seinem Amtsantritt als französischer Staatspräsident 1995 zeigte sich Jacques Chirac allein und andächtig am Grab von Charles de Gaulle. Dem Präsidenten war dabei aber eine Hundertschaft bestellter Journalisten und Fotografen zur Vervielfältigung des Eindrucks eines einsamen und beschaulichen Nachdenkens wichtiger als die ehrliche Geste." Jetzt wirklich ohne Kommentar.
Zu Thema Rechtsextremismus im Internet findet sich in der Zusammenfassung des Buches genau ein Satz. Er bezieht sich auf das "Internet als Medium zur politischen Aktivierung", wobei laut Harth "in der deutschen Diskussion im Hinblick auf undemokratische Gruppierungen wie rechtsradikale Organisationen und Personen im Internet sehr schnell ein gewaltiges Mobilisierungspotential unterstellt, zugleich aber das allgemeine Aktivierungspotential zur politischen Partizipation interessanterweise in Zweifel gezogen wird." Warum "interessanterweise"? Wieso "deutsche" Diskussion? – Das Buch ist ein Paradebeispiel für eine kulturelle Metastrategie von Rechts und wäre sicherlich ein Fest für antifaschistische Dekonstruktivisten. Man kann seine Zeit allerdings auch sinnvoller vertun.
