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Ausgabe 11.0 - 01.03.2003
   

"Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen ..."

Beschauliche Klänge von obligater Oboe


Ende 2002, Minusgrade bei Wetter und Stimmung. Wieder mal steht Weihnachten vor der Tür, und über brisante weltpolitische Themen und negative Tagesaktualitäten hinweg will sich auch in diesem Jahr keine so recht vorweihnachtliche Freude in die Herzen der Menschen schleusen lassen.

Manche versuchen es dennoch, und erzielen dabei Achtungserfolge. Beispielsweise Gabriele Bastian, Solo-Oboistin des Rundfunksinfonie-Orchesters Berlin. Möglicherweise tat sie dies im Auftrag des Herrn – auf jeden Fall aber im Auftrag der Berliner Bach Akademie und der Berliner Domkantorei.

Es begann am 13. Dezember. Die Berliner Bachakademie hatte für den Abend zum "Romantischen Weihnachtskonzert" in die Nikolaikirche geladen. Gründer und Dirigent Prof. Heribert Breuer versprach eine delikate Klangmischung geistlichen Mozart-Arien sowie aus Sololiedern von Brahms, Cornelius, Wolf und Reger, deren Klavierpart er vor Kühnheit strotzend für Chor und obligate Oboe umgearbeitet hatte.

Die Nikolaikirche, geweiht dem Schutzpatron der Kaufleute, erste und bedeutendste Pfarrkirche des mittelalterlichen Berlin, wurde an diesem Abend von klaren Klängen (Vocals: Chor der Berliner Bachakademie feat. Sarah Buder–Lind; Obligate Oboe: Gabriele Bastian) erfüllt, und auch an innerlich niederknienden Botschaften wurde nicht gespart.

Die so unstillbar geweckte Lust auf mehr "Lallen" sollte schon am 20. Dezember befriedigt werden. Dieses Mal waren es die Berliner Domkantorei, das Domkammerorchester und eine handvoll Solisten, die die ersten drei Kantaten von Bachs Weihnachtsoratorium zum Besten gaben. Unter den Augen der vier Evangelisten und umgeben vom protzig-barocken Blattgold des ausverkauften Berliner Doms, wurden Erinnerungen an Weihnachtsgottesdienste und alte Messdienerzeiten wach.

"Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass Dir die matten Gesänge gefallen." Chor aus Kantate 3

Wir wissen nicht, ob der Herrscher des Himmels der Aufforderung folgte und an diesem Abend unter den Zuhörern weilte. Falls ja, so dürfte er das "Lallen" (Vocals: Juliane Claus - Sopran, Christiane Bach-Röhr - Alt, Ralph Eschrig - Tenor und Matthias Weichert - Bass) in doch recht angenehmer Erinnerung behalten haben. Vermutlich als Vorgeschmack auf Weihnachten 2003 gab es am 4. Januar dann in gleicher Besetzung die Fortsetzung, die Kantaten 4-6 von Bachs Weihnachtsoratorium. Dieser Abend jedoch fiel leider jedoch insgesamt ab. Merke: Weihnachtskonzerte gehören in die Vorweihnachtszeit.

4. Advent, 22. Dezember. "Geht, die Freude heißt so schön, sucht die Anmut zu gewinnen, geht und labet Herz und Sinnen!" heißt es in der Arie des Tenors in Kantate 2 von Bachs Weihnachtsoratorium. So tat ich, wie mir befohlen wurde. Ein feiner Zufall halt mir dabei: Weihnachten stand vor der Tür, und da dachte sich die Berliner Bachakademie wohl: Oh, es ist Weihnachten, und wir sind die Bachakademie, lasst uns was ganz Verrücktes machen. Wie wäre es beispielsweise wenn wir uns diesen Zufall zunutze machen und jetzt einfach mal Bachs Weihnachtsoratorium darbieten würden? Gesagt, getan.

Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, Kantaten 4 und 5 aus Bachs Weihnachtsoratorium sowie seine Kantate 65 "Sie werden aus Saba alle kommen", ursprünglich komponiert für den Tag der Heiligen Drei Könige, heute eher gemahnend an einen Einheizer aus dem CSU-Wahlkampf. Was die Bläsersolisten angeht muss offen bleiben, ob sie engagiert wurden aufgrund ihrer musikalischen Fähigkeiten, oder einfach, weil sie so prima Namen und tolle Instrumente haben: Barnabas Kubina (Solohorn), Robert Ehrlich (Blockflöte), Frank Forst (Solofagottist) und – wie könnte es anders sein, auch wenn sie keinen so prima Namen hat - Gabriele Bastian (Solo-Oboe).

Das Engagement der Vocalisten hingegen geht eindeutig auf ihre Stimmen zurück, denn namentlich - Mojca Erdmann, Dominik Wörner, Ulrike Bartsch, Ralph Eschrig – können sie der Bläsersektion keinesfalls das Wasser reichen. Heribert Breuer holte einstweilen ganz und vollumfänglich auch noch das letzte Quäntchen Sakralität aus der Musik raus. Plötzlich war quasi schon Weihnachten, fehlten nur noch die Geschenke.

Neujahr. Was liegt hier näher als ein Neujahrskonzert? Eher leichte Kost - Vivaldi, auch Mozart, etwa ein Adagio aus dem Konzert für Klarinette und Orchester in A-Dur KV 622 - für schwere Köpfe bot das Festival Orchestra Berlin unter der Leitung von Stefan Bevier im Berliner Dom. An der Klarinette diesmal Oskar Michallik, ausufernd-euphorische Ovationen waren die Folge. Recht belebend insgesamt.

Und doch kriegt, wer heute ins Konzert geht, doch recht häufig zu hören: "Ah, Du gehst ins Konzert. Was willst Du denn da? Schlafen?" Dabei bieten Konzerte mit beispielsweise obligater Oboe, gespielt nach Vorlagen von Menschen, die vor unserer Zeit lebten, so manchen unschätzbaren Vorteil: es gibt vergleichsweise wenig Randale, und geschunkelt wird eigentlich auch nie.

Und doch ist ein Zusammenhang von sakralen Songs und Punkrock kaum zu leugnen. Denn schon Elvis wusste zu berichten: "Während in der Kirche gesungen wurde, tanzten die Priester um die Leute herum. Daher habe ich die Idee für meinen Bühnenhüftschwung - weil die Priester das so machten. die Gemeinde fand es toll, und ich erinnere mich, dass eines Tages ein Priester sogar auf das Piano sprang. Ich denke, ich habe eine Menge von ihnen gelernt."




 
   
   
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