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Ausgabe 8.0 - 26.08.2001
   

Außen und Innen

Israel am Abgrund?


Die jüngsten Auseinandersetzungen im Nahen Osten verdeutlichen es wieder täglich: Israel führt eine prekäre Existenz mit ungewisser Zukunft. Dabei gehen die Ansichten darüber, wer für diesem Zustand verantwortlich zu machen sei, weit auseinander: Mal werden die Gefahren durch die feindlichen Nachbarn, die palästinensischen Terroristen und die neue Weltordnung seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus, mal die innerisraelischen Spannungen und die daraus resultierende Gefahr eines Bürgerkrieges akzentuiert.

Letzteres ist das Anliegen des bereits vor drei Jahren erschienenen Buches "Israel am Wendepunkt" von Richard Chaim Schneider. "Israel", so schreibt er, "steht derzeit am Rande des Abgrunds. Diesmal nicht wegen der Bedrohung durch seine Nachbarstaaten, sondern aufgrund seiner vielschichtigen inneren Spannungen, die dieses kleine, geschundene Land aufs äußerste erschüttern. Man muß die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse berücksichtigen, die auf das jüdische Volk in rund 120 Ländern eingewirkt haben, und die sich nun auf einem winzigen Territorium gebündelt auswirken, um auch nur annähernd zu begreifen, was sich auf diesem Fleckchen Erde eigentlich abspielt." (16f) Was Schneider in seinem Buch im folgenden unternimmt, läßt sich daher am treffendsten als Nahbetrachtung der israelischen Gesellschaft bezeichnen.

Den Anfang seiner Betrachtung bilden dabei die jüdischen Siedler, die vor der Staatsgründung Israels 1948 die immens wichtige Funktion der Erschließung des Landes inne hatten. Doch die damaligen zionistischen Wegbereiter Israels unterscheiden sich von den heutigen Siedlern. Ging es jenen darum, einen jüdischen Staat aufzubauen, so instrumentalisieren diese den Zionismus für ihre Ziele und gefährden so den Staat, der ihnen Schutz bietet: "Sie akzeptieren ihn [den Staat Israel] nicht als jüdische Entität, sondern agieren im Grunde gegen ihn - gegen seine Interessen, gegen seine Sicherheit." (32)

Als zweite Gruppe geraten die sefardischen, die orientalischen Juden in Schneiders Blick. Diese zeichne sich dadurch aus, dass ihr die für das moderne Israel konstitutiv gewordene Erfahrung der Shoah fehle, sie aber dennoch über ein Bewusstsein der Ausgrenzung in den arabischen Ländern verfüge. Diesem werde jedoch von der staatsoffiziellen Politik keine Rechnung getragen: "Da der Holocaust spätestens seit den achtziger Jahren von der damaligen Likud-Regierung zur Conditio sine qua non des jüdischen Staates erhoben wurde und im entsprechenden Maß in die Lehrpläne [des Schulunterrichts] aufgenommen wurde, rückte er ab diesem Zeitpunkt schlagartig ins öffentliche Bewusstsein, vor allem auch durch den Jom Hashoah. Diese europäische Katastrophe wurde auch den orientalischen Juden aufgedrückt, ohne daß jedoch in diesem Zusammenhang die islamischen Verfolgungen der vergangenen Jahrhunderte auch nur im geringsten berücksichtigt wurden." (101f) Mit dieser Verleugnung der sefardischen Geschichte geht die der kulturellen Identität der Sefardim einher. Schneider sieht hier die israelische Gesellschaft gar von einer Art "inneren 'Rassismus'" (73) durchzogen. Neben den Sefardim macht der Autor von "Israel am Wendepunkt" die Antizionisten als einen weiteren bedeutenden Faktor aus. Diese - für Schneider sind das v.a. die ultraorthodoxen Haredim - lehnen mehrheitlich den israelischen Staat ab. Gleichzeitig besitzen sie in diesem Staat, ohne den sie gegen die feindlichen Nachbarn nicht bestünden, durch ihre Stellung im Rabbinat, das Monopol auf Zivilstandsrechte und die religiöse Definitionsmacht, wer denn nun Jude sei, eine bedeutende Machtposition. Den Haredim stehen in der politischen Topographie Israels, die sich nicht in Rechts-Links-Kategorien fassen lässt, die säkularen Israelis gegenüber. Diese bemühen sich zunehmen um eine nicht-religiöse Identitätsbildung, denn bisher scheint ein säkularer Jude immer noch eine Contradictio in adjecto zu sein. Zunehmend kommt es in der letzten Zeit Seitens der Säkularen aber auch zu direkten Protesten gegen die Orthodoxie und damit verbunden auch gegen die Wehrpflicht.

Ähnlich marginalisiert wie die Sefardim seien die israelischen Araber, die letzte von Schneider in seinem Buch betrachtete israelische Bevölkerungsgruppe. Mit diesem Vergleich räumt er zugleich mit der Mär einer Apartheid in Israel (gegenüber den arabischen Israelis) auf. Neben den staatsbürgerschaftlichen Herausforderungen, vor die diese Gruppe die israelische Politik stellt, scheint hier v.a. noch eines bedeutend: Die israelischen Araber sind Meßlatte für diejenigen Unternehmungen, die die Unkenntnis der arabischen Bevölkerung über die Geschichte und das Leid der Juden beseitigen wollen. Ebenso könnten sie aber der Stein des Anstoßes für die Anerkennung des Schicksals der Palästinenser durch die jüdisch-israelische Bevölkerung sein.

Welche von diesen Gruppen ist nun ein Hoffnungsträger für Frieden und Verständigung in der israelischen Gesellschaft? Gar keine, denn eine Bewegung mit diesem Ziel, die mit den Vorstellungen von Siedlern, Sefardim, Antizionisten, Säkularen oder gar israelischen Arabern kongruent wäre, existiert nicht. Dennoch meint Schneider am Schluss seiner Betrachtungen, "Hoffnungs-Subjekte" ausmachen zu können. Darunter fallen z.B. israelische Feministinnen, die mit der Forderung nach religiösem Pluralismus auch den Anspruch auf eine völlige Trennung von Staat und Religion erheben. Grundsätzlich, so Schneider, sind die Unternehmungen derer, die für religiösen Pluralismus eintreten, zu begrüßen. Denn: die israelische Gesellschaft kann nur durch Frieden und Verständigung gerettet werden.

Allerdings verbirgt sich gerade hier ein Paradox. Ein religiöser Pluralismus bedeutet gleichzeitig eine Gefahr für die israelisch-jüdische Identität und damit auch für Israel. Was in Israel als nicht-religiöse Identitätsbildung funktionieren mag, stellt die Juden in der Diaspora vor ganz andere Probleme.

Eine der Schneider-These, Israel befinde sich am Rande des Abgrunds, ähnliche Behauptung steht einleitend in dem jüngst in der konkret-Schriftenreihe erschienen Buch "Hat Israel noch ein Chance?". So schreibt dessen Herausgeber Hermann L. Gremliza: "Israel kämpft vielleicht zum ersten Mal seit seiner Gründerzeit wieder um seine Existenz." (16) Gremliza und einige andere AutorInnen machen dafür - ganz anders als Schneider - in erster Linie die außenpolitische Bedrohung verantwortlich. Der Kampf der Palästinenser und ihrer Verbündeten gegen Israel ist folglich der Hauptgegenstand dieses Kompendiums. Dabei gibt es viel Wissenswertes über die Geschichte des Konflikts im Nahen Osten und über den Antisemitismus in den arabischen Ländern und unter den Palästinensern zu erfahren. Doch leider sind diese Darstellungen nicht immer frei von antiislamischem Ressentiment. So konstatiert Justus Wertmüller, Autor und Redakteur der Bahamas, allen Ernstes eine Triebökonomie des Islamismus: "Der Islamismus ist mehr als eine karitative Almosengemeinschaft, in der Arm und Reich relativ versöhnt zu sein scheinen. Der Liebe und der Barmherzigkeit, die er verkündet und vorlebt, steht ein unbarmherziges Strafbedürfnis gegenüber moralischer Verirrung zur Seite. Weil der Kern der islamischen Moral scheinbar freiwilliger Verzicht ist, Verzicht auf Lust und Luxus, Privatheit und Vereinzelung, muß kollektive Triebabfuhr organisiert werden, die den Druck aus der Zwangsgemeinschaft abläst." (59) Als wäre solch antiislamisches Vorurteil nicht schon peinlich genug, artet in der letzten Zeit das argumentative Engagement einiger antideutscher Linker zu einem Relativismus aus. In diesem Kontext steht auch die in dem Kompendium mehrfach kritisch zitierte Äußerung des Bahamas-Autors Horst Pankow, mit den sog. Palästinensern stehe Israel "das derzeit wohl aggressivste antisemitische Kollektiv" (Bahamas Nr.33, S.7) gegenüber. Wer so etwas behauptet, kann nur die Entlastung Deutschlands im Sinn haben.

Ein wichtige Klärung nimmt das Kompendium im Verhältnis zur Linken in Israel vor. Immerhin beziehen sich linksdeutsche Antisemiten in ihrer Gestalt als Antizionisten zunehmend auf den Teil der israelischen Linken, der das Existenzrecht seines eigenen Staates infrage stellt. Anstatt wie es deutsche Linke heute wieder vermehrt tun, die zu unterstützen, die auf dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, ist eine Positionsbestimmung hier also unerlässlich. Zu Recht müssen sich große Teile der israelischen Linken die Kritik gefallen lassen, den Konflikt mit den Palästinensern als in erster Linie politischen Konflikt zu betrachten. Dabei wird die feindselige Haltung vieler Palästinenser und Bewohner der arabischen Staaten zweifellos unterschätzt. Die israelische Rechte dagegen, behauptet Yoram Kamiuk in seinem Beitrag für das Konkret-Buch, habe das Grundproblem erkannt, "doch ihr Lösungsansatz war die ewige Festschreibung der Konfrontation durch massive jüdische Siedlungspolitik und militärische Schläge." (119) Leider seien der Lösungsansatz der Linken und die Einsicht der Rechten nie zusammengekommen: "Die Linke hatte eine gute Antwort, aber sie hatte nicht richtig gefragt, während die Rechte zwar die richtige Frage gestellt, aber keine Lösung anzubieten hatte." (119) Gegen eine einfache Bezugnahme auf "die" israelische Linke wendet sich auch der letzte Beitrag des Kompendiums von Martin Kolke, denn: "Es ist Tatsache, daß immer dann, wenn die israelische Linke an der Regierung gewesen ist, das Leben von Israelis besonders bedroht war." (230) Linke Solidarität mit Israel kann also nicht automatisch Bezugnahme auf die israelische Linke bedeuten.

Eigentlich ist damit auch schon alles erwähnt, was zu dem Konkret-Buch zu sagen wäre. Die zum Titel erhobene Umfrage enthält zwar pessimistische Beiträge, aber die These, dass Israel Opfer der neuen Weltordnung wird, will niemand so richtig bestätigen. Die Beiträge zum internationalen Recht im arabisch-israelischen Konflikt sind zwar spannend, doch droht die Argumentation in unpolitische Völkerrechtexkurse abzudriften. Und zum Thema Israel und die deutsche Linke gibt es auch eigentlich nichts Neues.

Auch wenn es Richard Chaim Schneider und Hermann L. Gremliza mit ihren Büchern gelingt, auf die gefahrenreiche Existenz Israels zu verweisen - dessen Bestehen ist nicht unmittelbar in Gefahr. Eine prekäre Zukunft aber, in der nur feststeht, dass ein jüdischer Staat ein Notwendigkeit bleibt, scheint sicher - auch wenn diese Schlussfolgerung sich aus der Lektüre eines ganz anderen Buches speist: der kürzlich auf deutsch erschienenen "Histoire Génerale De L'Antisémitisme".

Richard Chaim Schneider: "Israel am Wendepunkt. Von der Demokratie zum Fundamentalismus?", Kindler Verlag, München 1998, ca. 220 Seiten, 39,90 DM

Hermann L. Gremliza (Hg.): "Hat Israel noch eine Chance? Palästina in der neuen Weltordnung", KVV konkret, Hamburg 2001, 240 Seiten, 29,80 DM

Gerald Messadié: "Verfolgt und auserwählt. Die lange Geschichte des Antisemitismus", Piper Verlag, München 2001, ca. 440 Seiten, 48 DM

Der Autor führte ein Gespräch mit Richard Chaim Schneider für die Wochenzeitung Jungle World über die aktuelle Situation in Israel.




 
   
   
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