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Ausgabe 13.0 - 01.12.2006
   

Ad Althusser

Akademisches zu "Ideologie und ideologische Staatsapparate"


Die Literatur zu Louis Althussers Artikel "Ideologie und ideologische Staatsapparate" ist mittlerweile unüberschaubar geworden. Außerhalb Frankreichs ist diese oftmals mit unzureichenden Übersetzungen konfrontiert, die zugleich nur einen Teil des Althusserschen Werks umfassen. So liegt beispielsweise bis heute keine deutsche Version des Manuskripts Sur la reproduction vor, auf dessen Basis Althusser seinen Aufsatz verfasste. Doch damit der Probleme nicht genug.

Isolde Charim will die theoretischen "Leerstellen" des Althusserschen Textes (Freud, Gramsci, Foucault, Lacan) rekonstruieren. Für die Autorin ist die wesentliche Lektion Althussers die einer Lektüre: "Althusser lesen heißt daher, Althusser auf Althusser anzuwenden." Sich dabei allerdings nur auf das zu konzentrieren, was Althusser theoretisch überwindet oder hinzufügt kommt einer Entpolitisierung seines Denkens à la cultural studies gleich. Charim geht jedoch sogar noch weiter: Freuds Theorie wird auf die Idee der Artikulation verschiedener Instanzen, einer "Topik ohne Zentrum", reduziert. Zudem wird der theoretische Haupteinsatz von Althussers Aufsatz (der Aufstieg zum "Standpunkt der Reproduktion") durch eine Machtproblematik ersetzt. Diese soll die funktionelle Kohärenz der verschiedenen Staatsapparate sicherstellen: Repression und Ideologie seien nur "die unterschiedlichen Existenzweisen von Macht". Der Althusser, den Charim imaginiert, weist also mit der "expressiven Totalität" die ganze Philosophie Gramscis als "Ideologie der Ideologie" zurück.

Diese Behauptung ist zwei sehr eingeschränkten Rezeptionen geschuldet: was Althusser anbelangt, einer Reduktion seines Werkes auf die Arbeiten der frühen 1960er Jahre, und bezüglich Gramsci einer allein auf der unzureichenden ersten deutschen Übersetzung der Gefängnishefte von Christian Richers (1967) fußenden Lektüre. Besteht bei Althusser immerhin das Problem, dass nur wenige spätere Texte auf Deutsch verfügbar sind (v.a. die in Frankreich posthum veröffentlichten Ecrits philosophiques et politiques harren einer Übertragung), gibt es bei Gramsci keine Ausrede: die 1990er Jahre hindurch sind die gesamten Gefängnishefte sukzessive übersetzt worden und liegen nun vollständig in deutscher Sprache vor. Durch Konsultation dieser Ausgabe hätte Charim auffallen können, dass bereits für Gramsci repressiver und ideologischer Staatsapparat jeweils repressive und ideologische Dimensionen beinhalten. Außerdem sind für Gramsci Praxis und Theorie nicht einfach ein Dualismus, dessen Bestandteile um den Intellekt zentriert sind. Charim aber begnügt sich mit dieser Gramsci-Karikatur und macht folglich aus Althussers Theorie "eine Bewegung weg von Gramsci und hin zu Freud-Lacan".

Die anschließend von der Verfasserin aufgemachte Parallele ist dagegen überzeugender: "die ungewöhnliche Bestimmung, die Foucault der Macht zuspricht, ist die Bestimmung der Ideologie im Althusserschen Sinne", denn beide fokussierten produktive Repression. Das Foucaultsche Dispositiv als Organisation diskursiver und nicht-diskursiver Praxen sei also analog zur herrschenden Ideologie bei Althusser. Die Marx-Lektüre, die Charim in diesem Kontext präsentiert hat produktive Effekte. So zeigt die Autorin, dass Marx für Foucault eine "Doppelrolle" spielt (positiv bezüglich der ökonomiekritischen Analyse und negativ was die Machtkonzeption angeht) und seine Marxrezeption Ausbeutung auf formelle Subsumption reduziert.

Der letzte Teil des Buches widmet sich der impliziten Präsenz Lacans im Text Althussers. Für Charim ist das einzige und absolute Subjekt (Althusser: "das SUBJEKT par excellence") im Zentrum eines vierfachen Prozesses: Me connaître, Méconnaître, Re-Connaissance und Reconnaissance als Anerkennung. Dem Buch fehlt ein Schluss und oftmals bleiben seine Ausarbeitungen in Ermangelung eines theoretisch-politischen Rahmes in der Luft hängen.

Benjamin Scharmachers Arbeit resümiert, was bei Charim vollständig abwesend ist: die kritische Diskussion der Althusserschen Thesen, etwa die Argumentation für eine historische Spezifizität kapitalistischer Ideologie. Allerdings begnügt Scharmacher sich von Anfang an mit einer Synthese bereits bestehender Interpretationen, ohne einen eigenen Standpunkt zu entwickeln: "Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch auf Neuheit, die Thesen entstammen bekannten Argumentationen." Die Publikation von Magisterarbeiten verlangt mindestens eine gründliche Überarbeitung, die im vorliegenden Fall allerdings unterblieben ist: die Anzahl der Fußnoten übersteigt bei weitem die der Seiten und die Überlegungen zum Argumentationsaufbau sowie der wissenschaftliche Jargon machen die Lektüre zu einem anstrengenden Unterfangen. Waren Charims Marxkenntnisse vage, sind Scharmachers inexistent. So spricht er von "Produktionskräften" statt "Produktivkräften" und will dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft das Adjektiv "kapitalistische" hinzufügen.

Die fast fünfzigseitige Zusammenfassung des Aufsatzes von Althusser ist nicht nur langatmig, sondern schlichtweg ungenügend. Scharmacher hat weder dessen theoretische Innovation, noch die Feststellung, Ideologie habe eine materielle Existenz, verstanden. Daher wirft er Althusser vor, keinen normativen Ausweg gelassen zu haben: "Wenn alle Handlungen, Praxen, alles Denken usw. als ideologisch definiert sind, dann kann es kein theoretisches Außerhalb der Ideologie, keine Ideologiekritik und dergleichen geben."

Das Resümee verschiedener Kritiken an Althusser ist ebenfalls redselig und zudem wenig originell. Scharmachers einzige interessante Idee, der Zweifel an der dominanten Stellung des ideologischen Staatsapparates der Schule angesichts der heutigen Rolle der Medien, wird nicht ausgeführt. Das Ende des Buches gibt sich bescheiden - es könnte schwerlich anders sein: "Wenn mit dieser Arbeit etwas geleistet ist, dann Folgendes: einige der Probleme, Fragen und Antworten, die das Thema Subjektkonstituierung betreffen, aufgezeigt zu haben. AutorInnen, die das Thema verfolgen, sind genannt."

Der Althusser-Effekt fördert in nicht immer unproblematischer Weise die theoretischen Referenzen Althussers zu Tage. Wie Menschen Subjekte werden verschafft einen Überblick zur Sekundärliteratur in deutscher Sprache. Das ist wenig und vielleicht doch etwas stellt man den derzeitigen Zustand von Sozial- und Geisteswissenschaften in Rechnung.

Charim, Isolde, Der Althusser-Effekt. Entwurf einer Ideologietheorie, Wien 2002, Passagen Verlag (186 S., br., 25 Euro)

Scharmacher, Benjamin, Wie Menschen Subjekte werden. Einführung in Althussers Theorie der Anrufung, Marburg 2004, Tectum Verlag (150 S., br., 25,90 Euro)




 
   
   
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