Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen
Das gute E-Journal für die Grenzen der Belastbarkeit
Ausgabe 8.0 - 26.08.2001
   

Leiharbeiter - Innentäter

Arbeitsbedingungen im Atomkraftwerk


Markus Mohr hat sich in seiner nun veröffentlichten Dissertation mit dem Verhalten der Gewerkschaften im Atomkonflikt in der Bundesrepublik Deutschland auseinandergesetzt. Dabei geht er chronologisch vor und widmet sich in Einschüben bestimmten Themen intensiver. Dies gilt besonders für die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Atomindustrie.

Zunächst ist festzuhalten, dass die eigene Einschätzung der Gefahren an ihrem Arbeitsplatz für die Arbeitnehmer besonders schwierig ist, weil sich die atomare Strahlenbelastung der sinnlichen Wahrnehmung entzieht. Sie unterliegen aber gleichzeitig der doppelten Kontrolle durch das Unternehmen und der staatlichen Administration.

Besonders seit Ende der 70er Jahre - auch im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Terroristenhatz - wurden die Nuklearanlagen in Festungen verwandelt. So wurde der Werkschutz mit Schußwaffen ausgestattet und mit dem Recht zur jederzeitigen Taschen- und Körperkontrolle versehen. Der gesamte "innere Sicherungsbereich" wird permanent mit Fernsehkameras überwacht. Türen können von der Zentrale aus ver- und entriegelt werden.

Die Sicherungsmaßnahmen folgten dem "Innentäter-Modell", wonach die Mitarbeiter als potentielle Täter einer permanenten Kontrolle unterliegen müssen. Dies beginnt mit einer "freiwilligen Einverständniserklärung" des Bewerbers zur Überprüfung seiner Freunde, Bekannten und Verwandten. Dieser Generalangriff auf die Privatsphäre wird alle fünf Jahr wiederholt. Der Objektschutz wird mit arbeits- und strafrechtlichen Drohungen dazu gezwungen, im Zweifelsfall zu schießen: "Macht ein Mitarbeiter des Objektsicherungsdienstes trotz der eingegangenen Verpflichtung zum hinhaltenden Widerstand (...) keinen Gebrauch von der Schußwaffe, so kann diese Verletzung seiner Garantenpflicht zu arbeits- und strafrechtlichen Konsequenzen führen...", heißt es in den entsprechenden Bestimmungen. Alles in allem keine sehr angenehmen Arbeitsbedingungen.

Um diese innerbetriebliche Kontrolle und Repression durchsetzen zu können, mussten die betrieblichen Mitbestimmungsrechte in der Nuklearindustrie abgebaut werden. Dies geschah nach Mohrs Einschätzung "kontinuierlich, zügig und konsequent". Der Widerstand der Gewerkschaften gegen diese Entrechtung hielt sich in Grenzen. Die einzigen angenehmen Seiten der Arbeit im Atomsektor sind dagegen das " mäßige Arbeitstempo bei überdurchschnittlicher Bezahlung, soziale Leistungen und Vergünstigungen".

Neben der Stammbelegschaft gibt es noch die Paria der Arbeiterklasse, die Leiharbeiter. Diese müssen die besonders gefährlichen, also zumeist die mit der Einnahmen hoher Strahlendosen verbundenen Arbeiten übernehmen. Nur auf diese Weise können die Anlagen weiterbetrieben werden. Die deutschen Ingenieure sprechen in zynischer Sachlichkeit von der "Dosisreserve" - in Frankreich ist man mit "Strahlenfutter" direkter. Dem Stammpersonal kommt mehr und mehr die Aufgabe der Überwachung dieser Zeitarbeiter zu.

Was beide Gruppen von Arbeitnehmern betrifft, ist die "restriktive Nicht-Anerkennungspraxis der von Arbeitgebern finanzierten Berufsgenossenschaften." Das bedeutet, dass nur in seltenen Fällen Strahlenerkrankungen als Berufskrankheit anerkannt werden.

Wie schätzt nun Mohr die Rolle der Gewerkschaften im Atomkonflikt ein? Sein Urteil fällt erwartungsgemäß nicht besonders schmeichelhaft aus, sind die Gewerkschaften doch in den atomindustriellen Komplex eingebunden. Als der Gewerkschafter Heinz Brandt bereits 1977 vom Atomfilz sprach und damit den "reich bezahlten Gewerkschaftsbürokraten, der im Konzernaufsichtsrat und Konzernvorstand mit den Managern der Atomindustrie gemeinsame Sache macht, der mit der Atomlobby unter einer Decke steckt" meinte, antwortete die IG Metall mit einem Ausschlußverfahren, daß im Endeffekt allerdings scheiterte. Bei der IG Chemie kam es " auf allen Ebenen der Organisation zu Ausschlüssen oder dem Verdrängen innergewerkschaftlicher Kritiker." Die IG Bergbau und Energie tat sich dabei als "besonders heftiger Gegner der Anti-AKW-Bewegung" hervor. Erst 1986 - als Reaktion auf den GAU in Tschernobyl - konnte sich der DGB zu dem Beschluß durchringen so "rasch wie möglich" aus der Atomenergie auszusteigen. Nach Mohrs Ansicht haben sich die Einzelgewerkschaften aber allein für die Erhaltung der Arbeitsplätze in der Atomindustrie stark gemacht. Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt ist die Ignoranz der Gewerkschaften gegenüber den Interessen der Leiharbeiter.

Mohr schließt sein Buch mit dem berechtigten Appell "...zerstörerische Technologien durch solche zu ersetzen, die anstatt immer neue Formen repressiver Kontrollen zu erzwingen, herrschaftsfreie Vergesellschaftung, Tätigkeit und Produktion ermöglichen." Dabei hat der Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien Priorität.

Markus Mohr: Die Gewerkschaften und der Atomkonflikt. Münster 2000. Westfälisches Dampfboot. 493 S. 68.- DM.



 
   
   
O&V