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Russische Ideen zur Lösung des Konfliktes
Ausgabe 8.1 - 15.12.2000
   

Provisorische Wahrheit und praktische Prinzipien

Den Weg von der Notwendigkeit in die Freiheit pflastern Begriffe der Zivilgesellschaft

Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln.

Karl Marx


Spätestens seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ist der Begriff der 'Zivilgesellschaft' in den unterschiedlichsten Kontexten en vogue. Von den oppositionellen Strategien in der ehemaligen Sowjetunion her kommend, wird darunter heute meist ein Gegenentwurf zur realsozialistischen Verstaatlichung der Gesellschaft, bestenfalls noch ein bereits vorhandener Bestandteil der westlichen Gesellschaften oder ein Theorem in der neueren Demokratiediskussion verstanden. Dass es sich bei einer so aufgefassten Begrifflichkeit eher um ein Ideologem handelt, beweist nicht erst die Lektüre der einschlägigen Zivilgesellschaftsapologeten. Schon der Blick in die Länder, die früher jenseits des eisernen Vorhangs lagen, gibt Einblick in die ihrem Wesen nach 'unzivilisierte' Vergesellschaftung im Kapitalismus.

Während also in der civil society-Debatte eine utopische, den von staatlicher Herrschaft befreiten Diskurs kultivierende Assoziation einem angeblichem Totalitarismus entgegengestellt wird, bezeichnet 'Zivilgesellschaft' bei Antonio Gramsci einen notwendigen Funktionszusammenhang des modernen bürgerlichen Staates. Daher ist der Begriff ein zentrales Moment seiner politischen Theorie und nicht zu vergleichen mit dem Legitimationskonzept früherer osteuropäischer Eliten oder den Befriedungsstrategien sozial-liberaler Konsensreformisten aus den neunziger Jahren.

Gramsci, der vermutlich bekannteste marxistische Theoretiker Italiens, wurde v.a. durch seine als Gefängnishefte herausgegebenen fragmentarischen Reflexionen bekannt, die von 1926 bis 1937 in faschistischer Haft entstanden. Neben der Kritik am Ökonomismus der II. und III. Internationale sowie dem Idealismus Benedetto Croces, treibt ihn v.a. die Frage um, warum die revolutionären Bewegungen in Westeuropa im Gegensatz zu denen in Russland nicht erfolgreich waren. Die zentrale Erklärung für ihr Scheitern sieht er in der besonderen Struktur der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, die neben den zur direkten Unterdrückung von revolutionären Bewegungen geeigneten repressiven Staatsapparaten auch Einbindung, Hegemonie und Konsens stiftende, zivilgesellschaftliche Strukturen aufweist. Diese bezeichnet Gramsci als societá civile - ein Terminus dessen Übersetzung nach wie vor umstritten ist.

Theo Votsos entscheidet sich in seinem Buch "Der Begriff der Zivilgesellschaft bei Antonio Gramsci" gegen den zur 'Zivilgesellschaft' alternativ gebrauchten Terminus 'bürgerliche Gesellschaft'. Dieser nämlich lege eine fälschliche Parallele zur Marx nahe. Denn während dieser darunter eine Gesamtheit von Basis und Überbau versteht, sei die societá civile hingegen bei Gramsci im Überbau lokalisiert und nur methodisch von der sie ergänzenden societá politica, dem repressiven Staatsapparat, getrennt. Dagegen lässt sich einwenden, dass bei Gramsci die Vorstellung einer Hegemonie auch in der Sphäre der Ökonomie existiert, weswegen sich zumindest die Funktionsbestimmung von societá civile - die Ausübung von Hegemonie - auch auf die 'Basis' erstreckt. Da hier also von Gramsci ebenso eine Totalität bezeichnet wird, kann mindestens in diesen Zusammenhängen im Anschluss an Marx von 'bürgerlicher Gesellschaft' gesprochen werden.

Jenseits von Fragen der adäquaten Übersetzung zeigen sich aber genau an diesem Punkt die theoretischen Schwächen des Basis-Überbau-Schemas. Von Marx nur en passant und in keiner Weise mit vergleichbarem analytischen Aufwand eingeführt wie zentrale Begriffe im Kapital - nur der dogmatischen Marxismus verlieh 'Basis' und 'Überbau' eine unangemessene Aura -, kommt dieser Differenzierung nicht der Status einer kategorialen Unterscheidung zu. Dies wird auch bei Gramsci selbst deutlich, der durch seine Kritik an Bucharin und dessen Theorie des Historischen Materialismus. Gemeinverständliches Lehrbuch der marxistischen Soziologie (Hamburg 1921) nicht nur den Abschied vom Mechanizismus, sondern implizit auch den von diesem Begriffspaar einleitet.

Warum Votsos diese Kritik am vulgärmaterialistischen Positivismus als ein Vordringen "zu den authentischen Positionen des Marxismus" (102) bezeichnet, bleibt unklar. Ein solcher Anspruch auf Authentizität ist angesichts des Marxschen Werks unhaltbar und täuscht zudem darüber hinweg, dass sich auch bei Marx Positivismen finden und dieser insofern bestimmten Interpretationen des Marxismus selbst Vorschub geleistet hat. Vielleicht muss man daher Votsos mit Gramsci selbst kritisieren. Letzterer nämlich weiß um die Schwierigkeit der Marx-Exegese und der Entwicklung des Marxismus, den er als 'Philosophie der Praxis' versteht: "Wenn die Philosophie der Praxis theoretisch behauptet, jede als ewig und absolut geglaubte 'Wahrheit' sei praktischen Ursprungs und habe 'provisorischen' Wert besessen (Geschichtlichkeit jeder Welt- und Lebensanschauung), so ist es sehr schwierig, 'praktisch' verständlich zu machen, daß eine derartige Interpretation auch für die Philosophie der Praxis selbst gültig ist, ohne dabei die zum Handeln notwendigen Überzeugungen zu erschüttern. [...] Daher muß der Satz vom Übergang aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit behutsam analysiert und entwickelt werden. Deshalb tendiert die Philosophie der Praxis auch dahin, eine Ideologie im schlimmeren Sinne zu werden, d.h. ein dogmatisches System absoluter und ewiger Wahrheiten; besonders wenn sie, wie im Gemeinverständlichen Lehrbuch, mit dem Vulgärmaterialismus verwechselt wird und der Metaphysik der 'Materie', die nur ewig und absolut sein kann." (Gramsci, Philosophie der Praxis, Frankfurt a.M. 1967, S. 198f)

Diesen Fehler begeht Votsos zwar nicht, doch der Wunsch nach einem (genaueren) Mehr an Marx - am besten zugunsten von einem Weniger an Haug - reift beim Lesen von "Der Begriff der Zivilgesellschaft bei Antonio Gramsci" schon. Und überhaupt: Die Suche nach Hinweisen darauf, dass es sich bei dem Votsos Buch um eine Dissertation bei dem 'großen Meister' Haug - der irgendwann Gramsci als intellektuelle Nische entdeckte und eine komplette Herausgabe der Gefängnishefte in deutscher Sprache besorgte - handelt, kann man sich nicht richtig verkneifen.

Theo Votsos: "Der Begriff der Zivilgesellschaft bei Antonio Gramsci"; Hamburg 2001: Argument-Verlag, ca. 180 S.; 29,90 DM/15,50 Euro



 
   
   
O&V