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E-Journal für Haupt- und Nebenwidersprüche
Ausgabe 12.0 - 01.03.2004
   

Mehr als Diskursanalyse

Nation, Nationalismus, Nationalstaat und Geschlecht. Zusammenhänge dargestellt von Robin Stoller


Nation, Nationalstaat und asymmetrische Geschlechterverhältnisse sind theoretische Gegenstände, die trotz ihrer wechselseitigen Überdeterminierung in der Regel gänzlich voneinander getrennt analysiert werden. Häufig wird sogar ihre Interdependenz selbst in Frage gestellt. In ihrem bereits 1997 auf Englisch erschienenen und nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch Geschlecht und Nation untersucht Nira Yuval-Davis diese Zusammenhänge systematisch.

Ausgehend von den Diskussionen über die Konstituierung von sex und gender sowie verschiedenen Theorien über Nation, Nationalismus und Nationalstaat skizziert sie aus dekonstruktivistischer Perspektive die theoretischen Kreuzungspunkte und schlussfolgert, dass Geschlecht und Ethnizität nicht einfach isoliert voneinander betrachtet werden können, sondern in ihrem Zusammenwirken in konkreten historischen Konstellationen analysiert werden müssen. Durch die Akzentuierung von Machtverhältnissen und materiellen Praktiken erschöpft sich ihr Ansatz dabei nicht in Diskursanalyse.

Als eine der Hauptdimensionen der gegenseitigen Bedingtheit von Nation und Geschlecht untersucht Yuval-Davis die "naturalisierte" Rolle der Frau als "biologische Reproduzentin" der Nation. Daneben wird die Vergeschlechtlichung der kulturellen Nationenkonstruktion sowie der Auffassungen und Ausführung von staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten fokussiert.

Die "naturalisierte" Rolle der Frau als Reproduzentin der Nation skizziert die Autorin anhand der drei dominanten bevölkerungspolitischen Diskurse und der ihr korrespondierenden Praktiken: Der "Menschen-sind-Macht"-Diskurs sieht die Erhaltung und Vermehrung der nationalen Bevölkerung als überlebenswichtig für die eigene Nation an; der malthussche Diskurs bestimmt eine "maßvolle" Kinderzahl als Mittel zur Verhinderung zukünftiger nationaler Katastrophen; im eugenischen Diskurs soll die "Qualität" der eigenen Nation durch eine selektive Beeinflussung der Geburtenrate "verbessert" werden. Alle drei Diskurse und die aus ihnen folgenden Regulierungspraktiken werden von Yuval-Davis als zutiefst vergeschlechtlichte nachgewiesen.

Die kulturelle Reproduktion der Nation verläuft dagegen anhand "symbolischer Grenzposten". Diese "Grenzposten" definieren Menschen als Angehörige oder Nicht-Angehörige einer Gemeinschaft. Sie sind eng mit spezifischen kulturellen Kodizes wie Kleidung, Verhalten, Gebräuchen, Religion und Sprache verbunden. Frauen fungieren dabei sowohl als "symbolische Grenzposten" und Verkörperungen der eigenen Nation; als auch als Garantinnen für die kulturelle Reproduktion. Die Verfasserin beleuchtet hier verschiedene Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Sexualität und geschlechtsspezifischen Machtbeziehungen.

In dem Kapitel "Staatsbürgerschaft und Differenz" untersucht Yuval-Davis die doppelte Natur der Staatsbürgerschaft ? definiert als etwas, das "zivile, politische und soziale Rechte und Pflichten" umfasst ? von Frauen: Einerseits gehören Frauen der Gruppe aller BürgerInnen an; andererseits gibt es immer Regeln, Vorschriften und Politiken, die sich ausschließlich an sie richten. Natürlich gehört hierher auch die klassische Verortung der Frauen im privaten und der Männer im öffentlichen Raum ? und ihre Kritik, die die Verfasserin nicht ausspart.

Ein weiteres Kapitel widmet sie der Untersuchung von Geschlechterverhältnissen in Armeen und Kriegen. Die folgenreichste staatsbürgerliche Pflicht ? die Bereitschaft, für die eigene Nation zu sterben ? wird auf die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit hin beleuchtet. Untersucht werden auch die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Kriegen auf Männer und Frauen, sowohl bei den Kämpfenden als auch bei den Kriegsopfern.

Das kritische Verhältnis von Feminismus und Nationalismus bildet Yuval-Davis letzten Einsatzpunkt. Sie plädiert für eine feministische Praxis jenseits einer universalisierenden Kategorie "Frau". Dafür entwickelt sie das Modell der "transversalen Politik", deren Praxis sich als spezifisch situiert begreifen soll. So müsse eine anzustrengende Bündnispolitik die "unterschiedlichen Positionen der beteiligten Individuen und Gruppierungen wie auch die zugrunde liegenden Wertesysteme wechselseitig" anerkennen. Jedoch finde "transversale Politik" auch ein Ende ? etwa dort, "wo die angestrebten Ziele des Kampfes die Aufrechterhaltung oder Beförderung ungleicher Machtbeziehungen zum Ziel haben und wo essentialisierte Vorstellungen von Identität und Differenz Formen der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Ausgrenzungen als naturgegeben erklären".

Nira Yuval-Davis liefert mit ihrer systematischen Untersuchung einen wichtigen Beitrag, der eine Grundlage für notwendige weitergehende Theoretisierungen des Verhältnisses von Nation, Nationalstaat und Geschlechterverhältnissen darstellt. Die deutsche Übersetzung von Stoetzler und Stubbe versucht wiederholt, feste theoretische Begriffe "einzudeutschen", was diese teilweise nicht verständlicher, sondern unkenntlich macht. Hierdurch wird die schon im englischen Original präsente Tendenz zu diskontinuierlichen semantischen Gehalten zentraler theoretischer Begriffe verstärkt. Darin liegt ein größeres Problem als in der Übersetzung: die Zusammenstellung verschiedener theoretischer Zugänge und Begriffe, derer sich Yuval-Davis bedient, bleibt fragmentarisch.

Nira Yuval-Davis: "Geschlecht und Nation", bearbeitet und übersetzt von Marcel Stoetzler und Lars Stubbe, Emmendingen 2001, Verlag die brotsuppe, 256 S., 17,50 ?



 
   
   
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