Der Vorwurf, nicht up-to-date zu sein, ist natürlich politisch motiviert und zeugt außerdem von Unkenntnis der Kritik der politischen Ökonomie. Da diese beansprucht, die kapitalistische Produktionsweise in ihrem "idealen Durchschnitt" (25/839) [1] – und nicht nur in einem gewissen Stadium (wie z.B. die sog. Regulationstheorie) – zu erfassen und dieser Anspruch grundsätzlich eingelöst wird, ist das Marxsche Œuvre aktueller denn je. Oder, wie vor acht Jahren der des dogmatischen Marxismus relativ unverdächtige Jacques Derrida äußerte: "Es wird immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, ihn nicht wiederzulesen und über ihn nicht zu diskutieren. [...] Ohne das wird es keine Zukunft geben. Nicht ohne Marx, keine Zukunft ohne Marx."
Wer sich auf Marx' Ökonomiekritik einlässt, kann sich also auf der Höhe der Zeit wissen. Dieses Bewusstsein wird die Schwierigkeiten der Lektüre jedoch mitnichten mindern. Gerade die Grundlagen der Kritik der politischen Ökonomie, wie sie sich in der Marxschen Werttheorie finden, bedürfen der intensiven und mehrfachen Lektüre, sowie einer kritischen Distanz zum Text. Selbst unter diesen Voraussetzungen können sich jedoch Verständnisprobleme einstellen. Daher soll im Folgenden an einer zentralen Kategorie im Marxschen Kapital, dem Begriff der Form, angesetzt und eine verständnisfördernde Interpretation versucht werden.
I. Am Begriff der Form hängt der Kritikcharakter des Marxschen 'Kapital'. So hebt die 'Kritik der politischen Ökonomie' mit der Analyse der Ware als "Elementarform" (23/49, Herv. K.L.) des Reichtums kapitalistischer Gesellschaften an. Der Form-Begriff zielt dabei auf die verfügende Anordnung der Gesellschaft: Über ihn findet Gesellschaftlichkeit Eingang in die Marxsche Theorie. Für Marx ist die "Formbestimmung [...] die ökonomische Bestimmung" (42/167), worin die Individuen "in dem Verkehrungsverhältnis stehn" (ebd.). Die Produkte menschlicher Arbeit bilden die "stofflichen Träger" (23/50) dieser gesellschaftlichen Form. Diese ist historisch-spezifisch für jede Produktionsweise (vgl. 4/549), d.h. im Kapitalismus durch Warentausch hervorgebracht. Ihr Begriff erfasst die Geschichtlichkeit aller Gesellschaft. Die Form ist daher indifferent gegen ihren Inhalt (vgl. 23/50): Wird dem Formbestimmten seine spezifische Beschaffenheit genommen, bleibt die stoffliche Grundlage zurück, die allen Gesellschaftsformen gemein ist (vgl. 25/883 und 32/552).
Mittels seines Formbegriffs, dem Begriff der Warenform/des Wertes, setzt sich Marx von dem Gegenstand seiner Kritik, der politischen Ökonomie, ab und auch wenn er bisweilen beansprucht, theoretische Probleme auf deren Argumentationsebene zu lösen, ist sein Unternehmen nicht von dessen grundsätzlich kritischer Intention zu trennen. So ist nach Hans-Georg Backhaus die Beseitigung der Warenproduktion "eine zwingende Konsequenz, ein substantieller und nicht nur ein akzidentieller Bestandteil der Marxschen Werttheorie. Der eigentliche Sinn der 'Kritik der ökonomischen Kategorien' besteht darin, die sozialen Bedingungen aufzuzeigen, welche die Existenz der Wertform notwendig machen." Kritik ist bei Marx vermittels dieses Form-Begriffs (im Folgenden: Form I) also Medium der Reflexion ökonomischer Zusammenhänge.
II. Neben Form I findet sich ein Formbegriff, der auf Erscheinungsformen rekurriert (im Folgenden: Form II). Hebt der erste Formbegriff auf Gesellschaftskritik ab, zielt der zweite auf Wissenschaftskritik, die auf jener aufbaut. Marx' Einwand stützt sich dabei zunächst auf einem positiven Entwurf von Wissenschaft, als deren Grundlage er das Bewusstsein betrachtet, dass "in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen" (23/559), wobei der Zusammenhang von Wirklichkeit und Erscheinung kein äußerlicher ist, sondern ein notwendiges Verhältnis ausdrückt (vgl. 23/27). Marx schließt diese Überlegungen mit Gesellschaftskritik kurz: als formbestimmte ist die Erscheinung 'Erscheinungsform'; Form I ist in Form II präsent. Auch hier gilt: "alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen" (25/825). Die Diskrepanz von "Erscheinungsformen und ihrem verborgnen Hintergrund" (23/564) bildet eine Herausforderung für die Wissenschaft, die das Grundlegende zu entdecken sucht, wohingegen sich die Erscheinungsform "unmittelbar spontan, als gang und gäbe Denkformen" (ebd.) reproduzieren. Da die Erscheinungsform "das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt" (23/562), liegt ein epistemologisches Problem vor. Marx' Vorwurf an die politische Ökonomie lautet nun, dass sie "die Erscheinungsform von dem, was darin erscheint, nicht trennen kann" (23/594), d.h. dass sie über keinen Begriff des Tauschwerts/der Wertform verfügt. Marx will daher die phänomenalen Verhältnisse aus den wirklichen rekonstruiert. Nur so kann gezeigt werden, woher die Vorstellungsweise stammt, die – statt ihres inneren Zusammenhangs – immer nur die "unmittelbare Erscheinungsform der Verhältnisse" (31/313) reflektiert.
Wenn die beiden hier skizzierten Formbegriffe für Marx' Kritik der ökonomischen Wissenschaft/Gesellschaft so entscheidend sind, stellt sich die Frage, wie diese in der ersten ausführlichen Thematisierung der Form im 'Kapital', in der sog. Wertformanalyse, die Marx in einem Brief an Engels als "entscheidend für das ganze Buch" (31/306) bezeichnet, theoretisch vermittelt sind.
Die Wertformanalyse findet sich – der Einteilung der zweiten Auflage des ersten Bandes des 'Kapital' folgend – im dritten Unterabschnitt des ersten Kapitels. In den ersten zwei Unterabschnitten werden die Begriffe Ware, Gebrauchswert, Wert/Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit eingeführt, kurzum: 'Substanz' und 'Größe' des Werts bestimmt. [2] Die Analyse seiner 'Form' steht nun aus (vgl. II.5/21), wobei Marx hierfür allein im Zusammenhang des 'Kapital' drei Anläufe unternommen hat: in der ersten Auflage von 1867, in einem auf Ratschlag seiner Freunde Engels und Kugelmann verfassten Anhang dazu und schließlich in einer überarbeiteten Fassung der zweiten Auflage von 1872.
Die Diskussion dieser verschiedenen Textfassungen kreist um die Frage, inwiefern, die Überarbeitung der Erstauflage theoretische Zusammenhänge verunklart hat und eine methodische Popularisierung darstellt. Weitgehend unumstritten ist, dass auf Basis der in den verschiedenen Marxschen Schriften verstreuten Einzelbemerkungen, eine Rekonstruktionsarbeit angestrengt werden muss, wobei damit nicht der Anspruch auf Authentizität erhoben werden kann. Vielmehr sollte sich eine philologisch unterstützte Rekonstruktion selbst als theoretische Arbeit am Text verstehen. Oder wie es der französische Marxist Louis Althusser einmal ausgedrückt hat: "Ohne die Hilfe der Marxschen Philosophie, die wir gleichzeitig aus dem 'Kapital' herauszulesen haben, ist eine wirkliche Lektüre dieses Werkes nicht möglich."
Angelehnt an Althussers Theorie sollen Form I und II im Folgenden als verschiedene Theorie-Ebenen betrachtet werden. Diese bilden in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und Gliederung ('Artikulation') eine komplexe und "spezifische Struktur", bzw. eine "theoretische Anordnung", die im Folgenden am Material des Marxschen Textes herauszuarbeiten sein wird. Dabei wie Althusser im 'Kapital' jedoch "nichts anderes als die Entwicklung der 'Gliederung' der hierarchisierten Verbindung der Begriffe im System selbst" zu sehen, hieße – wegen Überbetonung der methodisch-operativen Dimension – Marx in System-Denken zu versetzen. Bei Althusser findet sich auch eine Andeutung, wie die 'komplexe Struktur' des 'Kapital' entstanden sein könnte: Marx' Denken vollziehe sich hier dadurch, "daß zunächst ein Begriff gesetzt wird und sich daran die Untersuchung des theoretischen Raumes anschließt, der durch die Setzung ebenso eröffnet wie auch wiederum abgeschlossen worden ist. Dann wird das theoretische Feld durch die Setzung eines neuen Begriffs erweitert usf. – bis schließlich theoretische Felder mit einer äußerst komplexen Struktur aufgebaut sind." [3] Wie sind also Form I und II in einer für diese Zwecke aus den verschiedenen Textfassungen rekonstruierten Wertformanalyse artikuliert, d.h. angeordnet bzw. gegliedert?
Die Wertformanalyse beginnt mit der Untersuchung der einfachen Wertform, der "ersten Erscheinungsform des Waarenwerths" (II.5/27), d.h. der Betrachtung des Verhältnisses zweier Waren zueinander. Waren sind zwar von "derselben Substanz, Wesensgleiches" (II.5/629), jedoch nur austauschbar, wenn sie die Form besitzen, "worin sie als Werth erschein[en]" (II.5/631): die Wertform. Die Grundstruktur der Beziehung von Waren aufeinander ist also ein Reflexionsverhältnis, insofern sich der Wert einer Ware nur in einer anderen ausdrücken kann. Ein durch Form I bestimmtes Produkt menschlicher Arbeit muss seine Formbestimmung durch ein Verhältnis zur Geltung bringen. Marx schließt hier die Untersuchung der Polaritätsverhältnisse zwischen zwei Waren an: der Wert der Ware, die in einem Waren-Verhältnis eine aktive Rolle spielt (Ware in 'relativer Wertform'), kommt "zum Vorschein" (II.5/629) und so bekommt die Ware, die eine passive Rolle spielt, eine "neue Form" (II.5/29) aufgeprägt ('Äquivalentform'): Sie ist "Erscheinungsform" (II.5/30) des Werts der Ware in relativer Wertform und besitzt "die Form ihrer unmittelbaren Austauschbarkeit mit anderer Ware" (23/70). Relative Wertform und Äquivalentform sind auf der Ebene von Form II angesiedelt, sie sind "Formen des Tauschwerths." (II.5/33).
Marx artikuliert die Formbegriffe in der einfachen Wertform also als Voraussetzungsverhältnis, mehr noch: als notwendiges Bedingungsverhältnis: Nur der Äquivalenzausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein (vgl. 23/65). Die theoretische Operation des Begriffs von Form I ist nicht ausreichend. Zur adäquaten Begriffsentwicklung muss auf ihr aufbauend eine vom Auszudrückenden unterschiedene Erscheinung, eine Erscheinungsform (Form II), gedacht werden. Marx versucht dieser Schwierigkeit mit der Unterscheidung von 'bilden' und 'sein' (vgl. ebd.) gerecht zu werden: durch abstrakte Arbeit gebildeter Wert ist erst solcher durch Bezug auf eine Äquivalentware. Form II ist eine begrifflich notwendige Weiterentwicklung von Form I, die unterbestimmt ist, weil sie Gesellschaftlichkeit enthält, aber nicht in der Lage ist, diese adäquat auszudrücken: die begriffliche Entwicklung der Warenform bedeutet zugleich Entwicklung der Wertform.
Bei der genaueren Untersuchung der Äquivalentform stellt Marx heraus, dass Gebrauchswert, konkrete Arbeit und private Arbeit zur "Erscheinungsform ihres Gegenteils" (23/73), nämlich des Werts, der abstrakten Arbeit und der "Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form" (ebd.) werden. Diese Verhältnisse nennt er 'Eigentümlichkeiten der Äquivalentform'. Dabei ist v.a. die Formulierung der zweiten Eigentümlichkeit (konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform abstrakter Arbeit) für eine genauere Bestimmung des Verhältnisses zwischen Form I und Form II entscheidend. Äquivalentware gilt als "bloße Verwirklichungsform abstrakt menschlicher Arbeit" (23/72): "Menschliche Arbeit schlechthin, Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, ist zwar jeder Bestimmung fähig, aber an und für sich unbestimmt. Verwirklichen, vergegenständlichen kann sie sich nur, sobald die menschliche Arbeitskraft in bestimmter Form verausgabt wird, als bestimmte Arbeit, denn nur der bestimmten Arbeit steht ein Naturstoff gegenüber, ein äußeres Material, worin sie sich vergegenständlicht." (II.5/31) Im Anhang zur Erstauflage heißt es: "Innerhalb des Werthverhältnisses und des darin einbegriffenen Werthausdrucks gilt das abstrakt Allgemeine nicht als Eigenschaft des Konkreten, Sinnlich-Wirklichen, sondern umgekehrt das Sinnlich-Konkrete als bloße Erscheinungs- oder bestimmte Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen." (II.5/634)
Die Artikulation von Form II als Verwirklichungsform von Form I kehrt in der Analyse der totalen Wertform wieder: Da jeder Warenkörper nun den Wert einer Ware ausdrücken kann, gelten die in den verschiedenen Waren enthaltenen konkreten Arbeiten "als ebenso viele besondre Verwirklichungs- oder Erscheinungsformen menschlicher Arbeit schlechthin" (23/78). Auch wenn mit der totalen Wertform die Willkürlichkeit des Austauschverhältnisses beseitigt ist und ein "von der zufälligen Erscheinung wesentlich unterschiedner und sie bestimmender Hintergrund" (II.5/35) durchleuchtet, ist die Verwirklichungsform noch nicht adäquat: die konkreten Arbeiten sind "nur besondre, also nicht erschöpfende Erscheinungsform der menschlichen Arbeit" (23/78f).
Es bedarf daher der allgemeinen Wertform, in der die Ware in Äquivalentform als "allgemeine und unmittelbar erschöpfende Verwirklichungsform abstrakt menschlicher Arbeit" (II.5/644; vgl. a. II.5/41f) gilt. Erst der allgemeine und einheitliche Wertausdruck der Waren bezieht diese "wirklich [...] aufeinander als Werte oder läßt sie einander als Tauschwerte erscheinen" (23/80), denn erst durch eine allgemeine Äquivalentform "unterscheiden sich [...] alle Waaren als Tauschwerthe von ihren eignen Gebrauchswerthen" (II.5/37). Der allseitige Bezug der Waren aufeinander führt zu einer Neuartikulation des Verhältnisses der Formbegriffe. Sie werden miteinander identifiziert: "Nur was bloße Gebrauchsgegenstände in Waaren verwandelt, kann sie als Waaren auf einander beziehn und daher in gesellschaftlichen Rapport setzen. Es ist dieß aber ihr Werth. Die Form, worin sie sich als Werthe, als menschliche Arbeitsgallerte gelten, ist daher ihre gesellschaftliche Form. Gesellschaftliche Form der Waare und Werthform oder Form der Austauschbarkeit sind also eins und dasselbe. Ist die Naturalform einer Waare zugleich Werthform, so besitzt sie die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit andern Waaren und daher unmittelbar gesellschaftliche Form." (II.5/38, Herv. K.L.) Marx' Formanalyse kulminiert also am Ende des langen Weges der Artikulation zweier Formbegriffe in deren Aufhebung: ihrer Identifikation. [4]
Die Überprüfung der Anordnung der zwei Formbegriffe in der Wertformanalyse beleuchtet Zusammenhänge, die oft bei einer ersten Kapitallektüre bestenfalls unverstanden, in der Regel jedoch missverstanden werden. So bleibt der Beginn des 'Kapital' oft ein nicht begriffenes und schnell wieder vergessenes Stück Theorie. Dies ist besonders fatal, da, wie Marx sagt, die Wertformanalyse "entscheidend für das ganze Buch" (31/306) ist. Was kann also aus der obigen Analyse für eine Kapitallektüre gelernt werden?
Es hat sich gezeigt, dass Form II nicht nur als Ausdruck oder Erscheinung(sform) eines Wesen (Wertsubstanz) betrachtet werden kann, dass die topische Evidenz von 'dahinter Liegenden' und deshalb 'Verborgenen' von der Analyse der realen Vermittlungen, die kein 'Dahinter' kennen, ablenkt. Daher hält Marx fest: die "gesellschaftlich gültige Form ist eine vermittelte" (II.5/40). Oder noch kryptischer in der Einleitung zur zweiten Auflage: "Die Wertform [...] ist sehr inhaltslos [...]." (23/11f)
Auf der Ebene der Erscheinung ist die Vermittlung, oder auch: das Verhältnis selbst und unabhängig von einem Auszudrückenden eine Dimension des Begriffs der Form II. Bei der Verwendung des Begriffspaares 'Wesen' und 'Erscheinung' besteht die Gefahr, ersteres als das eigentlich Wichtige anzusehen und letztere als etwas Zufälliges, auf das es eigentlich gar nicht ankommt. Dies führt zu einer höchst problematischem, weil substanzialistischem Verständnis des Wertes, das unterschlägt, dass Marx' zentrale Kategorie, die des (gesellschaftlichen) Verhältnisses und nicht die der Substanz ist. [5] Dies wird auch am Zusammenhang der Begriffe 'Geltung' und 'Erscheinung' deutlich: die Erscheinung wird durch Geltungsverhältnisse fixiert. Sie nur als die Beigabe zu einer Substanz zu fassen, hieße sie zu vernachlässigen, bzw. – schlimmstenfalls – als Bewusstseinsphänomen abzutun. Dagegen muss darauf beharrt werden, dass die Erscheinungsform durch die Exekution von Geltungsverhältnissen im Tauschakt eine bestimmte gesellschaftliche Praxis ist. Die Verkehrungen, wie sie in der Analyse der Äquivalentform als 'Eigentümlichkeiten' herausgestellt wurden, sind somit angelegt in den Strukturen des Warentauschs und strukturieren das Handeln der WarenbesitzerInnen, das jene zugleich vollzieht.
Die Marxschen Formbegriffe leisten zweierlei. Sie halten mittels Form II ein positives Verständnis von Wissenschaft fest: das Bewusstsein, dass "in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen" (23/559) und es besonderer Reflexionsanstrengungen bedarf, die Erscheinungsform "von dem, was darin erscheint" (23/594) zu trennen. Durch Form I leisten sie Kritik mittels Aufklärung über die gesellschaftliche Bedingtheit und Historizität des Ökonomischen. Positive Wissenschaft und Kritik bilden bei Marx keinen Gegensatz, sondern werden miteinander artikuliert. Dieses Verfahren ist gesellschaftstheoretisch von außerordentlicher Bedeutung.
Da ein unmittelbarer zugunsten eines begrifflichen Zugriffs auf die Realität abgelehnt wird, ist das Marxsche Projekt "zugleich Darstellung des Systems [der bürgerlichen Ökonomie, K.L.] und durch die Darstellung Kritik desselben" (29/550). Dieses Vorgehen ist theoretisch fundiert in der Analyse der spezifischen Verfasstheit der "Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht" (23/49): Erkenntnisgegenstände der Ökonomie existieren hier nur in ihren vermittelten Formen und daher reproduziert ein empiristischer Zugriff auf Gesellschaft lediglich "objektive Gedankenformen" (23/90). Diesen verfallen zu sein, ist Marx' Generalvorwurf an die klassische politische Ökonomie. Er ließe sich eins-zu-eins auf die heutigen Wirtschaftswissenschaften übertragen.
Trotz der gesellschaftstheoretischen Bedeutung des Marxschen Werkes hat das Interesse an diesem seit 1989/90 rapide abgenommen. Nicht aber mangelnde sachliche Aktualität, sondern der Umstand, dass die Katastrophe keine Unterschiede kennt, scheint dafür verantwortlich zu zeichnen. Unter den Trümmern des Falschen liegt auch das Richtige: das befreiende Ende parteilicher Wissenschaft hat fatalerweise auch zu dem wissenschaftlicher Parteilichkeit geführt. Daher muss rettende Kritik den Bedürfnissen der Zeit, welche die Form-Analyse zum Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend aus der offiziellen Gesellschaftstheorie verdrängt haben, widersprechen.
