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Ausgabe 13.0 - 01.12.2006
   

Editorial


1999; das waren noch Zeiten. Zwar hieß Raider schon Twix, der Kanzler schon Schröder, der Euro aber noch Mark, Lire oder Öre. Und Jamie Shea war noch nicht in der Anonymität transatlantischer Bürokratie versunken. Vielmehr verkündete er täglich, wie die westliche Welt soeben wieder mit klinischen Eingriffen gegen die Serben vorging. Man mag es als Kollateralschaden abtun, aber im Angesicht dieser Propaganda entstand Ornament & Verbrechen. Damals war noch oppositionell, was schon drei Jahre später, sich in völliger Anpassung zu verlieren drohte: die Gegnerschaft zum Krieg. Umgehend gingen wir mit "russischen Ideen zur Lösung des Konflikts" online.

Online. Das waren damals noch mehr oder minder ein Viertel der Landsleute. Heute ist es weit mehr als die Hälfte, und immer mehr von ihnen nutzen die Gelegenheit regelmäßig ihren Senf im Internet abzusondern. Da sind Oasen der Vernunft rar, zumal solche, die über eine gewisse Kontinuität verfügen. Da loben wir uns: wechselten wir im Laufe der Jahre auch unseren Server, so werden wir doch auch weiterhin dem kulturindustriellen Einerlei die teilweise nun etwas höher endende Stirn bieten.

Dazu müssen wir sie jedoch erstmal zu fassen bekommen, die Kulturindustrie. Als wir anfingen war das noch relativ einfach. Wenn man Verlage anschrieb und als Online-Projekt für Politik und Kultur um Rezensionsexemplare bat, bekam man neben dem bestellten Buch meist gleich noch zwei weitere dazu. Das Internet war neu; heute ist Ornament & Verbrechen, vor kurzem ins siebte Lebensjahr eingetreten, wahrscheinlich eines der ältesten Internetprojekte zwischen Rhein und Oder.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Das gilt zunächst einmal für die Umstände der Produktion: Statt der vielen Bücher versorgt uns die Kulturindustrie nur noch mit ihren Ankündigungen, wobei sich dabei dubiose und reaktionäre Verlage (Wochenschauverlag, Duncker & Humblot) besonders hervortun. Und im Internet belästigt man uns nicht nur mit Spam, sondern mit Kommentar und Verbrechen; oftmals zahlreicher, persönlicher und unausstehlicher als der übliche Spam.

Geändert hat sich auch in der Redaktion einiges: Wir sind nicht nur weniger als noch zu Zeiten von Jamie Shea; den Weggang einer Redakteurin haben wir bereits ausführlich beklagt. Vielmehr sind wir auch um eine Bundestagspräsenz ärmer und zwei Kinder reicher.

Aber seien sie versichert: Der Kampf geht weiter! Und so meldet sich Ornament & Verbrechen nach zweieinhalb Jahren Kreativpause zurück mit neuer Aufmachung und neuen Inhalten, entwickelt an fünf Zeugnissen der literarisch-wissenschaftlichen Kulturindustrie. Noch ornamentaler, noch verbrecherischer möchte man meinen. Fast wie früher, als Fortschritt noch ISDN hieß.




 
   
   
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