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Ausgabe 9.0 - 08.02.2002
   

Diesmal leider kein Foucault,

nicht mal Foucault-Geschwurbel


Margret und Siegfried Jäger sind in der bundesdeutschen Linken alles andere als Unbekannte. Eng verbunden mit ihrem Namen ist das "Duisburger Institut für Sprach- und Sozialwissenschaften" (DISS). Dieses macht seit nunmehr einem Jahrzehnt nicht nur durch kritische Untersuchungen des bundesdeutschen Rechtsextremismus sowie der massenmedialen Thematisierung der "Problemfelder" Einwanderung und Biopolitik auf sich aufmerksam. Hier ist zudem eine Spielart der Diskursanalyse entwickelt worden, die über ein ermüdendes "Foucault-Geschwurbel" weit hinausgeht und sich bemüht, die Analyse von medialen wie auch von Alltagsdiskursen empirisch handhabbar, nachvollziehbar und für eigene Arbeiten adaptierbar zu machen.

Ihre Studien kommen im Grunde genommen immer wieder zu einem Ergebnis: In der (bundesrepublikanischen) "demokratischen Mitte" wird ein konservativ-völkisches Denken zunehmend hoffähig. Sie haben dies in den letzten Jahren an immer wieder neuen Untersuchungsgegenständen aufzeigen können. Daß man sich mit solchen Befunden nicht beliebt macht, liegt auf der Hand. Und da ihre "Kritische Diskursanalyse" auch innerhalb der scientific community bislang kaum rezipiert wird, sind alle DISS-Studien im Eigenverlag erschienen.

Die bei Aufbau verlegte Schrift "Gefährliche Erbschaften" bildet insofern eine Ausnahme – und auch wieder nicht. Denn hier werden die Ergebnisse bereits publizierter DISS-Studien in "publikumsgerechter" Weise aufbereitet und um eine bemerkenswerte Komponente ergänzt, die Sprach- und Kulturkritik Victor Klemperers. Zugleich aber tilgen Jäger/Jäger die ihren diskurstheoretischen Ansatz "eigentlich" dominierenden Anleihen an Foucault und Link. Dies wäre in einer auf breite Leserkreise hin orientierten Publikation nicht unbedingt problematisch, wenn nicht der Verdacht nahe läge, hier habe der Verlag seine Finger im Spiel. Aufbau nämlich verlegt – und darauf weist er im Anschluß an des Literaturverzeichnis auch auf mehreren Seiten hin – sämtliche deutschsprachigen Veröffentlichungen Klemperers, mit Ausnahme der Lingua Tertii Imperii (LTI).

Im Ergebnis führt dieses Patchwork bei Margret und Siegfried Jäger zu einem eigentümlichen Lavieren. Sie können zwar ihre in eigenständigen Studien herausgearbeiteten Thesen zur "schleichenden Restauration rechten Denkens" ausführlich darstellen, müssen sich in Herleitung und vorgeschlagenen Gegenstrategien allerdings immer wieder auf Klemperer beziehen. Ihre "eigentlichen" theoretischen Bezugspunkte verschwinden fast völlig und werden allenfalls recht unvermittelt eingestreut, wie etwa Foucaults Begriff des "Dispositivs", dem keinerlei Herleitung der Foucault'schen Diskurstheorie vorangeht.

Wer also die Möglichkeit hat, die im DISS-Eigenverlag veröffentlichten Studien zu lesen, sollte diese den "Gefährliche[n] Erbschaften" zweifellos vorziehen. Letztere stellen ein inhaltlich wenig stringentes Patchwork dar, das allerdings eine zentrale These von Jäger/Jäger bestätigt, nämlich den strategischen Aspekt jeglicher Textproduktion.

Jäger, Margret/Jäger, Siegfried: Gefährliche Erbschaften. Die schleichende Restauration rechten Denkens. Aufbau Taschenbuch Verlag. Berlin 1999. 216 Seiten. DM 16,90



 
   
   
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