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E-Journal gegen alle, die sich von gar nichts mehr die Laune verderben lassen
Ausgabe 11.0 - 01.03.2003
   

Auf dem Information Superhighway in die Sackgasse

Hilfloser Fall von Etikettenschwindel


Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. Drauf steht "Medienpolitische Strategien für das Interaktive Fernsehen. Eine vergleichende Implementationsanalyse", drinnen ist die Dissertation "Interaktives Fernsehen im Kontext staatlicher Programme für die Informationsgesellschaft. Eine vergleichende Implementationsstudie von Info 2000 und NII". Dieser zweite Titel beschreibt sehr viel besser, was den geneigten Rezipienten erwartet: Geboren werden nicht etwa Überlegungen zu möglichen künftigen medienpolitischen Strategien zur Förderung/Verhinderung/Steuerung von Interaktivem Fernsehen - ohnehin nur ein Platzhalter für das grundsätzlichere Thema Digitalisierung -, sondern ein – dann noch nicht mal sonderlich gelungener – Rückblick auf Anspruch und Wirklichkeit zweier staatlicher Förderprogramme für digitale Medien. Einerseits die von 1993 bis 1997 gelaufene "National Information Infrastructure Initiative: Agenda for Action" (NII) der Clinton/Gore-Administration - maßgeblich inspiriert durch die "Information Superhighway"-Wahlkampagne des Jahres 1992 - andererseits das deutsche Aktionsprogramm der Kohl-Regierung "Info 2000: Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft" im Zeitraum 1996 bis 1999.

Warum der Autor nicht nur nichts zu aktuellen medienpolitischen Strategien zu sagen hat, sondern auch an der Untersuchung scheitert, inwieweit die zwei Programme ihre Förderziele verwirklichen konnten, erklärt er bereits in seiner Einleitung selbst: "Was nicht geleistet werden kann, sind allgemeingültige Aussagen zum Kausalverhältnis von staatlichen Aktionen und der Entwicklung interaktiver TV-Dienste. Dies hängt neben der Komplexität und Dynamik in diesem Bereich vor allem mit der Zielsetzung der Aktionsprogramme und dem verbliebenen staatlichen Instrumentarium zusammen: Interaktive Medienangebote sollten ermöglicht werden, sie konnten aber in keiner Weise konkret gestaltet oder gar vorgeschrieben werden."

Wenn der Autor dennoch zum – sehr schwach belegten – Schluss kommt, die US-Initiative sei "passgenauer" gewesen als Info 2000, dann liegt dies wohl vor allem einer unterschiedlichen öffentlichen Positionierung der jeweiligen Regierungen gegenüber der Informationsgesellschaft: Hier Helmut "Autobahnen sind wichtig" Kohl – womit er, wenn auch ungewollt, zu Recht auf die für elektronischen Handel notwendige Infrastruktur aufmerksam machte -, dort Al "Information Highway" Gore. Der Autor resümiert banal, aber immerhin logisch: "Insgesamt hat die Untersuchung die Annahme bestätigt, dass die traditionellen Instrumente staatlicher Steuerung der Medienentwicklung im Multimediabereich weitgehend unbrauchbar geworden sind. Eine ähnlich dekretive Politik wie bei der Einführung des Kabelfernsehens in den 80er Jahren oder bei der Entwicklung von Bildschirmtext lässt sich im gegenwärtigen Umfeld, das sich durch eine ungleich höhere Komplexität und Dynamik auszeichnet, nur noch schwer vorstellen."

Bleiben umso mehr ein paar offene Fragen: Wozu der Aufwand einer Dissertation, wenn die Ergebnisse von vornherein absehbar dünn bis dürftig ausfallen? Warum ein großer theoretischer Überbau mit ausschweifenden Ausführungen zu den Vor- und Nachteilen von Top-Down-Implementationsuntersuchung und Bottom-Up-Analyse des Programmadressatenfeldes, wenn absehbar kaum Ursache-Wirkungsbeziehungen aufzuzeigen sind? Warum die Beschränkung des Untersuchungsgegenstandes ausgerechnet auf interaktives Fernsehen, also jenen Bereich, der in den ohnehin windelweich formulierten Ansätzen und Zielen der Initiativen nicht gerade einen prominenten Platz einnahm und bis heute kaum das Licht der Welt gesehen hat? Diese Frage verschärft sich noch angesichts der durchgeführten Fallstudien.

Denn bei denen handelt es sich entweder um teilweise schon vor Aufnahme des Betriebs eingestellte Pilotprojekte wie "Interactive Video Services Stuttgart" (1994-1996), "Infocity NRW" (1995-1998), "DVB Multimedia Bayern" (1995-1999) einerseits, oder um wahre Geldvernichtungsanlagen wie das "Full Service Network Orlando" (1994-1997), "Excite@Home" (seit 1996) und "WebTV" (seit 1995) andererseits. In jedem Fall hätte von Beginn an klar sein müssen, dass die Hauptgründe des Scheiterns oder wirtschaftlichen Misserfolgs nicht staatliche Programme waren, die sich – kaum verwunderlich – in keiner Weise von den allgemeinen wirtschaftsliberalen Maßnahmen und Ideologien der jeweiligen Regierung unterschieden. Das Scheitern hing vielmehr mit unausgegorener Technik und fehlender Relevanz für die Nutzer zusammen: Wozu soll dienen, was Probleme löst und Bedürfnisse befriedigt, die niemand hat? Und daran hat sich, die Nachfolgeprogramme "Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts" hin, "Initiative D21" her, bis heute nichts geändert.

Aus dem Diskurs verschwunden sind allerdings die "Datenautobahnen". Das Internet ist in der öffentlichen Diskussion schon lange kein Weg mehr, sondern ein Ort. Die Umwidmung dürfte strategische Gründe haben, denn welcher Marktplatz liegt schon auf der Autobahn?

Bernd Beckert: Medienpolitische Strategien für das Interaktive Fernsehen. Eine vergleichende Implementationsanalyse. Westdeutscher Verlag 2002, 308 S., € 28,90



 
   
   
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