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Ausgabe 11.0 - 01.03.2003
   

Bin ich ein Caveman?

Männer haben`s schwer, Frauen können alles


Hilfe! Hilfe und nochmals Hilfe! Fortschritt – evolutionärer oder technischer, geistiger oder gesellschaftlicher – ist uns allen ein Begriff! Wir alle haben vermutlich sogar an mancherlei kleinem Rad der Geschichte mitgedreht - ob immer in die richtige Richtung, sei mal dahingestellt. Aber jetzt das! Unfassbar!

24. Oktober 2002, Berlin Treptow, Arena. Sitzplatz ganz hinten. Klar. Pressekarte. Gegeben wird "Caveman", ein Ein-Mann-Stück, gefeiert von der internationalen Kritik. Regie Ester Schweins, nicht schlimm. Schlimm, aber nicht markerschütternd, der Bierpreis: Drei Euro pro Pils. Markerschütternd schlimm: Das Stück selbst, insbesondere nüchtern. Und vor allem dann, wenn man es ernst nimmt, sich also überlegt, wie es wohl ankommen mag bei allen Ironieresistenten. Aber der Reihe nach.

In den vorderen Reihen lauert bereits eine Art Allianz-Firmenausflugsmännerriege, entweder mit viel Geld für Bier oder naturstoned, also von Natur aus so herrlich "lustig" und "kommunikativ". So gesehen waren die Plätze in der letzten Reihe dann doch nicht so schlecht.

Auf der Bühne ein Typ um die Dreißig, nach einem Streit von seiner Freundin mitsamt seinem Krempel vor die Tür gesetzt worden. Der besteht aus seltsam anmutenden prähistorischen Gegenständen. Er erzählt vom Streit mit seiner "Alten", von den Alltäglichkeiten zwischen ihnen. Vor allem aber spricht er davon, wie denn Männer und wie denn Frauen eigentlich sind. Richtig, das Stück arbeitet mit Klischees. Ist ja auch in Ordnung – soweit.

Aber begrüßen sich Männer denn wirklich grundsätzlich mit "Na, Du alter Sack" und ´nem Hammerschlag auf den Oberarm? Knutschen sich denn Freundinnen immer, wenn sie sich treffen, links und rechts auf die Wange? Und haben Frauen wirklich 7.000 Worte am Tag, während Männer nur 2.000 haben? Ist dem so? Seit der Prä-Historie? Muss dem so sein? Wohl kaum.

Die Mehrheit des Publikums sieht das freilich anders. Der überwiegende Teil des Auditoriums – die Allianz-Jungs ganz vorne dabei – scheint sich nachhaltig mit den angebotenen und hinreichend bekannten Rollenklischees zu identifizieren. Ungemein witzige Zwischenrufe sowie das zustimmende Aufbrüllen an den passenden Stellen untermauern dies. An vielen scheint Weltliteratur wie "Männer sind vom Mars – Frauen von der Venus" oder "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können" spurlos vorbeigegangen zu sein. Die oppositionelle Minderheit verkrampft. Pause. Jetzt sind die Bierpreise egal.

Zu Beginn des zweiten Teils verlässt uns plötzlich die Technik: das Mikro fällt aus. Die Klischees bleiben da. Das Stück überbrückt mehr als 2000 Jahre menschliche Emanzipationsgeschichte und hält uns dabei ein Spiegelbild vor, das wir kaum vermutet hattet: Männer jagen, Frauen sammeln. Männer haben es schwer, Frauen können alles - sie sind multitaskingfähig oder wie das heißt. Und vor allem: sie sind toll easy. Männer haben EIN Ziel, Frauen vergnügen sich beim Sammeln, vor allem von Worten, Details und Dingen. Männer können sterben bei Ihrer Jagd, Frauen können Männer davor retten, wenn sie wollen. Soweit offenbar die Message.

Sind Männer wirklich so arme Teufel? Haben sie wirklich ohne Frauen auf dieser Erde keine Überlebenschance? Sind Männer wirklich davon abhängig, von Frauen gerettet zu werden? Seit Anfang der 80er Jahre weiß kein Mann mehr, wie er sich im Beisein einer Frau zu verhalten hat. Da hatte das Stück durchaus Recht. Alice Schwarzer & Co. haben allerlei Männlein Ego nachhaltig durchgerüttelt: Wer sind wir, wie sind wir, warum sind wir so, wir sollten wir sein, wie wollen wir sein, was wollen wir sein?

Doch für diese Fragen ist der Abend nicht gemacht. Pausengespräche und Zwischenrufe deuten darauf hin, dass manch eine Frau auf der Bühne ihren MannFreundTypen wieder erkannt hat. Auch meine Freundin nickt mehrmals unangenehm zustimmend. Widerspruch zwecklos, es wäre in der Praxis ein einsamer Kampf, der vorläufig der Theorie vorbehalten bleiben dürfte. Dennoch wäre die Zeit wenigstens reif für neue Klischees, mindestens alternative oder differenzierte. Den Caveman gibt's schon, wer schreibt Socialman? Und warum wäre ein solches Stück vermutlich wesentlich weniger lustig?




 
   
   
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