Klaus Holz hat sich in seiner umfangreichen Arbeit "Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung" zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Soziologie des Antisemitismus zu liefern. Eine solche existiere bisher nicht, die meisten theoretischen Erklärungsansätze zum Antisemitismus seinen defizitär, sie würden dem gesellschaftlichen Kontext Momente zuschreiben, die Teil der Semantik selbst seinen, d.h. nur aus Texten zu entschlüsseln sind. Deshalb versucht der Autor durch "theoretisch und methodologisch reflektierte, empirisch durchgeführte Analysen" der Sinnstruktur "national-antisemitischer Weltanschauung" sich dem Antisemitismus soziologisch zu nähern. Theoretischer Bezugsrahmen soll dabei Luhmanns Systemtheorie sowie Oevermanns strukturale Hermeneutik sein.
Antisemitismus begreift Holz als "weltanschauliche, politisch-soziale Semantik", d.h. als "soziale, kommunikativ konstruierte, nicht auf ein individuelles Bewusstsein reduzierbare Sinngebilde". Zugleich führt er den Begriff der "Weltanschauung" zur Charakterisierung von Antisemitismus ein. Darunter fasst er "ein Erklärungsmodell für die nicht verstandenen Entwicklungstendenzen" der Gesellschaft, das Lösungsmöglichkeiten für Krisen bereithält.
Dabei versucht Holz, den Zusammenhang von Nationalismus und Antisemitismus, der eine Weltanschauung konstituieren soll, nachzuweisen. "Nationaler Antisemitismus" wird als "quer liegend" zum "ökonomischen, politischen und kulturellen Antisemitismus" begriffen, da Judenbilder explizit nationalen Selbstbildern gegenübergestellt werden und nicht auf einzelne Sektoren der Gesellschaft fokussiert sind. Für die Transformation des christlichen Judenhasses zum Antisemitismus ist somit der Nationalismus konstitutiv. Holz will zudem verschiedene Antisemitismen gegeneinander sowie vom "nationalen Antisemitismus" abgrenzen und bewerten: rassistischen, völkischen, nationalsozialistischen und antizionistischen. Daher führt er empirisch-vergleichende Analysen anhand "paradigmatischer Fälle" durch: Texten aus verschiedenen Zeitabschnitten und Ländern, die für spezifische Fokussierungen im Antisemitismus stehen. Die Analyse beginnt mit Treitschke, der für den postliberalen Antisemitismus steht, kontrastierend dazu folgt Stoecker für den christlich-sozialen Antisemitismus, Drumont für den rassistischen, eine Rede Hitlers für den nationalsozialistischen Antisemitismus und der Slánský-Prozeß für den marxistisch-leninistischen Antizionismus. Den Abschluss des empirischen Teils bildet die Analyse des Antisemitismus nach Auschwitz anhand eines Zeitungskommentars während der Waldheim-Affäre.
Mit der Frage: "Was ist in den antisemitischen Texten die ?Judenfrage' der Wir-Gruppe?" versucht Holz seine Fragen an die Fälle auf einen Punkt zu bringen. Die dafür angestrengten Vergleiche und Gegenüberstellungen ergeben generalisierbare Elemente der Sinnstruktur. Dies sieht Holz als Bestätigung seiner These, dass erst die Gegenüberstellung von Wir-Gruppe (Nation) und Juden (nicht einfach eine andere Nation, sondern ein Gegenbegriff zur Nation), den modernen, somit "national" zu nennenden, Antisemitismus ausmacht. An dieses Grundmuster sind weitere dichotomisierende Elemente geknüpft, wie die Gegenüberstellung von Identität/Nicht-Identität, Gemeinschaft/Gesellschaft sowie Opfer/Täter. Geprägt ist diese Gegenüberstellung von Ontologisierung, Ethnisierung, Abstraktion und Personifikation.
Der Autor betont immer wieder den besonderen Zusammenhang von Antisemitismus und Nationalismus, ohne an letzterem Differenzierungen ("völkisch" oder "republikanisch") vorzunehmen: Diese seien für die Untersuchung nicht erforderlich, da nur der (moderne) Antisemitismus notwendig mit Nationalismus verknüpft ist, aber nicht jeder Nationalismus mit Antisemitismus. Andererseits behauptet Holz, für die "Einheit der Unterscheidung" zwischen eigener und anderer Nation wäre ein Gegenbegriff der "nicht-nationalen Nation", wie im Antisemitismus halluziniert, zumindest hilfreich. Das aber würde bedeuten, dass auch "republikanischer" Nationalismus sich mit Antisemitismus verbinden könnte, wenn nicht sogar müsste, wozu es allerdings keinerlei Belege gibt. Jenseits davon wäre interessant, ob als Gegenbegriff statt der antisemitischen Judenbilder in anderen Weltregionen auch bspw. antichinesische Anschauungen stehen könnten.
Sicherlich ist der systematische Vergleich antisemitischer Texte verdienstvoll, offen bleibt jedoch, welchen Beitrag Holz' Studie für kritische Gesellschaftstheorie zu leisten vermag. Seine kommunikations- und systemtheoretischen Verortungen gehen leider nicht über einige kluge Bemerkungen und vage Andeutungen hinaus. Wenn beispielsweise Semantik als "Vorrat an bereitgehaltenen Sinnverarbeitungsregeln", der mannigfaltig genutzt werden kann, begriffen wird, stellen sich Fragen, woher die Semantik kommt und wie der "Vorrat" ausgewählt wird. Auch der angebliche Vorzug einer Semantik-Analyse gegenüber einem materialistisch-ideologietheoretischen Ansatz ist dem Buch nicht zu entnehmen. In Randbemerkungen von Holz schimmert ein verengter Ideologiebegriff durch, der dem Determinismus-Vorwurf ausgesetzt wird. Eine materialistische, empirisch fundierte Analyse von Antisemitismus sowie der Beziehung zum Nationalismus, die in kritische Gesellschaftstheorie eingebettet ist, steht also weiterhin aus.
