
Tut er dies nicht, entsteht ein unschöner Eindruck: "Wenn sich die Großen aus aller Welt treffen, gibt es immer die schönen und hässlichen Bilder frei Haus: lachende Politiker beim Gruppenfoto auf der einen und hasserfüllte Krawallmacher auf der anderen Seite." Von der marodierenden Meute gedemütigt, kriegten die Politiker nach dem Dafürhalten der BamS-Leser auch sonst nichts geregelt: "Ob in Nizza, Göteborg oder jetzt in Genua: Es wird viel diskutiert und so gut wie nichts entschieden, sieht man mal von den meist zu nichts führenden Absichtserklärungen ab." Keine Ordnung, keine Entscheidungen – selbst für seine treuesten Anhänger geben die Staaten und ihre Führer zur Zeit kein glückliches Bild ab. Wenn schon der Spiegel nörgelt, die Finanzkrise der Jahre 1997/98 habe die von Politikern aller Industrieländer versprochene "grundlegende Reform zur Stabilisierung der Kapitalflüsse und Devisenkurse" nicht gebracht, sondern sei erbärmlich am "gut organisierten Widerstand der Finanzindustrie" gescheitert, dann liegt bei den Staaten und ihren diversen Gemeinschaften so manches im Argen. Wenn das Blatt zusätzlich kritisiert, zur Austrocknung der mit fünf Billionen Dollar gefüllten Steueroasen habe es den Regierungen an "Kraft" gefehlt, "dieses Privileg der Reichen" anzutasten, genauso wie sie sich in der Frage der Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern nicht gegen die "Interessen der Exporteure und der Finanzindustrie in den Industrieländern" hätten durchsetzen können, dann geht Seltsames vor.
Über die Beschreibung des Problems herrscht mittlerweile irritierende Einigkeit: Die Reichen sind zu reich, die Armen sind zu arm. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Zahl der Reichen wächst, aber bei weitem nicht so schnell wie die der Armen. Heute verfügt das reichste Fünftel der Menschheit über 86 Prozent des Welteinkommens (1970: 70 Prozent), das ärmste Fünftel über 1,3 Prozent (1970: 2,3 Prozent). Eine Milliarde Menschen verfügen über keinen festen Arbeitsplatz, weitere 1,6 Milliarden Menschen versuchen mehr schlecht als recht mit weniger als zwei Dollar am Tag zu existieren. Mit Reichtum verbindet sich Macht in Händen weniger, mit Armut verbindet sich milliardenfache Ohnmacht. Die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen weniger globaler Konglomerate entzieht sich zusehends externer Einflussnahme. Globalen Großkonzernen, entterritorialisierten Politik-Institutionen (IWF, WTO, Weltbank) und US-amerikanischen Pensionsfonds "gehört die Welt", und sie machen mit ihr, was sie wollen, in der Regel satte Gewinne. Nationalstaaten und internationale Großunternehmen haben sich – mal mehr, mal weniger- zu gleichwertigen Akteuren entwickelt. Unter den hundert größten Wirtschaftseinheiten der Welt befinden sich 51 Firmen und 49 Länder. Die Einnahmen der 200 größten Unternehmen machen ein Viertel der Weltwirtschaftsaktivitäten aus. Der Umsatz ExxonMobil lag im Jahr 2000 mit 210,4 Mrd. Dollar knapp unter dem Bruttoinlandsprodukt von Schweden, ähnlich das Verhältnis zwischen General Motors und Dänemark oder DaimlerChrysler und Indonesien. Beliebig fortsetzbar.
Zahllos sind die Beispiele, anhand der sich die zwiespältige Rolle des Staates verdeutlichen lässt, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu seit einigen Jahren als linke und rechte Hand des Staates kategorisiert: einerseits die heute gegen die anstürmende Liberalisierung zu verteidigenden, über Jahrhunderte erkämpften Errungenschaften des Sozialstaats, andererseits der repressive Ordnungsstaat, der sich insbesondere der "Modernisierungsverlierer", also der sogenannten "Opfer der Liberalisierung" annimmt, sie gerne auch ins Gefängnis steckt, und ansonsten dem Liberalismus weiterhin artig neue Türen aufhält, etwa durch die Privatisierung von Gefängnissen. Wie eigentlich alle Kritiker der heutigen Zeit behauptet Bourdieu niemals einen Plan zu haben, was für ein Modell denn auf den heutigen Zustand der Welt folgen könnte, bleibt seinem aufklärerischen Impetus jedoch weiterhin treu.
"Aus Gründen, die ohne Zweifel mit mir zusammenhängen, und vor allem mit dem Zustand der Welt, bin ich zum dem Schluss gekommen, dass jene, die die Macht haben, ihr Leben dem Studium der sozialen Welt zu widmen, den Kämpfen, in denen die Zukunft der Welt auf dem Spiel steht, nicht neutral und indifferent gegenüber stehen können." Seine jüngste Aufsatzsammlung aus seiner Reihe politisch-wissenschaftlicher Interventionen mit dem Titel Contre-feux II (dt.: Gegenfeuer II) leitet er damit ein, wie viele seine Schriften aus den letzten Jahren: lakonisch und lapidar, wegweisend, aber nicht profund. 71 Jahre alt ist Bourdieu mittlerweile, und fast scheint er vom Gefühl getrieben, auf Kleinigkeiten keine Zeit mehr verschwenden zu können. Vielmehr zielt er darauf ab, aus seiner Sicht virulente Themen anzusprechen und mit einem Wegweiser für nachfolgende (Forscher-)Generationen zu versehen.
In Contre-feux II tut er genau dies hinsichtlich seiner Vorstellungen zu einer sozialen, von kritischen Gelehrten beratenen Bewegung auf europäischem (und globalem) Niveau, organisatorisch unterstützt von den Gewerkschaften. Denn hierin allein sieht er bekanntlich seit längerem ein realistisches und brauchbares Bollwerk gegen die extremsten Ausflüsse eines neoliberal entregelten Kapitalismus. Nicht zuletzt angesichts der jüngsten Ereignisse in Genua mutet es allerdings nahezu visionär an, wie Bourdieu bereits seit Mitte der neunziger Jahre, und damit auch lange Zeit vor Seattle (30.11.-3.12.1999), in zahlreichen Schriften auf die Notwendigkeit einer "Internationale des Widerstands" hingewiesen und potentielle Organisationsformen und –notwendigkeiten reflektiert hat, da nur den Staatengemeinschaften und internationalen Großunternehmen auf globalem Niveau argumentativ und organisatorisch das Wasser zu reichen sein würde.
Zur Argumentation bedient sich Bourdieu für die einzelnen Texte dabei recht wahllos aus dem schier endlosen Fundus seiner eigenen Arbeiten und seines methodischen Instrumentariums. Die linke und die rechte Hand des Staates und das mediale Feld, die neuen Herren der Welt in den überstaatlichen Interessenverbänden und neoliberalen Think-Tanks, der kulturelle Imperialismus und die symbolische Gewalt, die kollektiven Intellektuellen hier und dort die pseudo-wissenschaftliche Wirtschaftswissenschaft, der Aufruf zur Gründung der Generalstände einer europäischen Sozialbewegung und die Anklage gegen den imperialistischen Universalismus, Doxa und Habitus, Feld und Kapital – leicht polemisch angemacht, eine beliebig fortsetzbare Liste.
Sie zeigt mindestens zwei Dinge: Einerseits, wie reichhaltig, breit und tief sein Werk ist, andererseits, wie sehr sein methodisches Instrumentarium leidet, wenn es komplexe Probleme in unzulässig vereinfachender, da verkürzter Weise analysieren soll. Die Knappheit, der sich Bourdieu mit seinen Interventionen verschreibt, bräuchte mehr Schärfe und Polemik, als sie ihm mit seinem Ton gegeben ist, der trotz aller Gerafftheit weiterhin nach distanzierter Präzision verlangt. Zwar sind seine aktuellen, politischen Anliegen richtig und wichtig. Doch stellt eine tiefere wissenschaftliche, durchaus auch kritische Auseinandersetzung mit seinen Theorien auch weiterhin eine durchaus wichtige Alternative zur Lektüre seiner jüngsten Publikation dar.
Konstruktive Ansatzpunkte könnten dabei sein - soviel nur als kleiner Exkurs an dieser Stelle - sich einmal Gedanken zu machen, ob Bourdieu eventuell dazu tendiert, die Analogie zwischen Sozialleben und kommerzieller Konkurrenz nicht in gewisser Weise utilitaristisch zu übersteigern, und andere wichtige – solidarische und kooperative - Beziehungstypen wie Freundschaft oder Liebe zu vernachlässigen. Anders gesagt: Bourdieu wählt eine sehr rationale, regelbasierte Perspektive auf Verhalten, klammert dabei aber die aus seiner Sicht als Unschärfefaktoren fungierenden emotionalen Faktoren eher aus. Damit verschreibt er sich der Aufklärung und grenzt sich von Dingen ab, die in Regel eher abfällig als sozialromantisch abgelehnt werden. Von Christoph Spehr stammt in jüngerer Zeit ein interessanter Text über die Grundlagen einer auf Freiwilligkeit beruhenden, "freien Kooperation", der hier ein passendes, eben auch auf Emotion, Altruismus und sozialromantischen Motiven beruhendes Gegengewicht zu Bourdieus Theorie liefern könnte. Denn die ist zwar nahezu perfekt in der Lage, die kapitalistische Verfassung und Durchdringung von Gesellschaften bis in die Haarspitzen zu analysieren und zu kritisieren, doch bisher noch nirgendwo wirklich in Stellung gebracht worden, um einen heute vielleicht notwendigerweise zunächst normativen Ausweg zu weisen.
Zu den Phänomenen der von Bourdieu immer wieder betonten symbolischen Gewalt respektive Konditionierung zählen jene, die in jüngsten Zeit in sehr erfolgreichen Publikationen unter den Labels "Markenfetischismus" (Naomi Klein: No Logo) und "werbende Herrscher der Welt" (Frédéric Beigbeder: 99 Francs, dt.: 39,90 DM) kritisiert wurden. Zu diesen Themen gibt es sicherlich wesentlich bessere oder aufschlußreichere Bücher, doch werden diese selten derart breit rezipiert. Frederic Beigbeder wählt zwar nicht die Form des Essays, wie Naomi Klein, sondern die des Romans, kritisiert aber letztlich genauso wie sie die Erzeugung massiver Abhängigkeit von Labels, Logos und Werbeidealen, hier nicht – wie bei Klein - durch die Unternehmen, sondern ihre kreativen Stellvertreter, die Werbeagenturen, und damit eine bei Klein offene Blindstelle hinsichtlich dieser über Milliarden-Budgets entscheidenen Vermittlungsinstanzen zwischen Unternehmen und den Massen. Lässt man die zwar kritisch gewollte und immerhin unterhaltsame, aber doch primär narzisstisch-liebeskranke und mit Aphorismen gesättigte Nabelschau des geläuterten Marketingstars Beigbeder beiseite, der dem Satz zur Wahrheit verhilft, wonach jedes Detail wichtig wird, sobald nichts mehr Sinn macht, so bleibt im Kern folgendes: Zunächst wird er nicht müde, Goebbels als Urvater aller Werber aufzubauen. Der habe – analog zu den heutigen Werbern - nicht die Wahrheit, sondern den Effekt gesucht, Propaganda solange für effektiv gehalten, wie sie nicht als solche wahrnehmbar wird, und nicht zuletzt die Überzeugung vertreten, je monströser die Lüge, desto größer ihre Akzeptanz. Auch Hitler habe Pate gestanden für die heutige Werbeindustrie, etwa mit der Einsicht, die Sympathie der Massen sei nur damit zu erreichen, ihr die absurdesten und dümmsten Dinge aufzutischen. Lehren, die neben Werbern auch Politiker verinnerlicht zu haben scheinen.
Trotzki war der Meinung, Hitler habe das Volk dorthin geführt, wohin es ihn gestoßen habe. Analog ließe sich in der Perspektive Beigdbeder`s heute sagen: Das Marketing führt die sondierten Menschen dorthin, wohin sie es stoßen – in die Immobilität des oberflächlichen Wandels alter Produkte in neuen Verpackungen. Alter Wein in neuen Schläuchen. Dies ist übrigens – als Detail am Rande sei es vermerkt - der letzte Ausweg, wenn Marketingdirektoren und Produktmanagern respektive ihren Vorgesetzten in Unternehmen Zweifel an ihrer Daseinsberechtigung kommt, und sie nicht – wie Leute von Nestlé – auf solche Ideen kommen wie die, sich das Wort "Glück" als Marke schützen zu lassen. Als ultimative Haltung gegenüber den Massen ergibt sich daraus das ultimative Werbediktum: "Man darf die Menschen nicht wie Idioten behandeln, aber niemals vergessen, dass es welche sind."
Für Beigbeder unterliegen – in fast peinlicher Anlehnung an die längst wiederlegte Theorie der "geheimen Verführer" von Vince Packard - die Menschen in klassischer Weise einer kommunikativen Konditionierung und durch passendes Marketing leicht beschwörbarer Reflexe. Letztlich seien doch ohnehin alle, ob arm, ob reich, aus Angst vor der Leere sinnlosen Zeit ohne Ideale, auf der Suche nach permanenter Ablenkung durch Zerstreuung und Drogen: "Kennen Sie den Unterschied zwischen den Reichen und den Armen: Die Armen verkaufen Drogen, um sich Nikes zu kaufen, die Reichen verkaufen Nike, um sich Drogen zu kaufen." So gesehen werden Werbewelten zur "notwendigen Illusion". Oder sind sie doch nicht ganz gleich? Schließlich greife die bunte Warenwelt sich die Massen beim Schopf und führe sie im nahezu vorbewussten Zustand zur Ersatzbefriedigung an die Regale und Kassen, um – nach dem Kauf ist vor dem Kauf - schon auf dem Weg nach draußen neue Ersatzbefriedigungen zu bewerben. Dies zu erreichen stünden den Unternehmen und ihren Werbeagenturen – "den neuen Herrschern der Welt" – Milliardensummer zur Verfügung. Weltweit jährlich 2,5 Billionen Dollar.
Beigbeder`s Ausführungen gipfeln in einer Dystopie, die den aktuellen Zustand der Welt an Schaurigkeit nach übertreffe: "Bald werden die Länder durch Unternehmen ersetzt. Wir werden nicht mehr Bürger einer Nation sein, sondern Marken bewohnen: wir werden in Microsoftie leben oder in Mcdonaldland; wird werden Calvin Kleinier oder Pradaer sein." Beigdbeder liefert sie nicht, aber eine präzise Analyse der Differenzen zwischen Bürger und Konsument, also der Verhältnisse zwischen einerseits Mensch und Staat, und andererseits Mensch und Unternehmen (zudem als Kunde und Verbaucher), würde substantielle rechtliche Unterschiede ausweisen. Zu einer solchen Untersuchung müssten dabei allerdings sicher auch nahezu rechtsfreie Freihandelszonen gehören, die zwar vom Militär bewacht, aber innerhalb – Territorium wie Menschen - von privaten Wachschützern kontrolliert werden. Was Beigbeder mit diesem, in Science-Fiction-Szenarien seit langer Zeit etablierten Bild veranschaulicht, ist wohl eher sein Wille dem diffusen und hilflosen Gefühl einer wachsenden Macht von Konzernen Ausdruck zu verleihen. Angesichts dieser gewaltigen Macht hätten jene Jugendlichen die Gesellschaft vollständig verstanden, die marodierend durch die Straßen zögen und Autos anzündeten. "Sie zünden sie nicht an, weil sie sie nicht kriegen können: sie zünden sie an, um sie nicht zu wollen."
Noami Klein erhebt einer theoretischeren Anspruch als sich mit Phänomenen, Aphorismen und nur in Teilen überzeugenden Story begnügende Beigbeder. Sie beschreibt den gesteuerten Wandel der Wahrnehmung von Produkten, weg von deren Preis-Leistungsverhältnis, hin zu reinen Image von Brands wie Nike oder Coca-Cola. Daraus leitet sie für Industrieländer eine anhand zahlreicher Beispiele illustrierte Tendenz ab, Widerstand richte sich – aus ihrer Sicht richtigerweise – primär nicht länger gegen Staaten, sondern gegen die weltdurchdringenden Großunternehmen. Doch so berechtigt sie auch sind: Proteste gegen Sportschuhe, die Kinder in der dritten Welt produziert haben, werden diesen sicherlich nicht automatisch ein besseres Leben bescheren. Und eingedenk der von Friedensforschern vehement vertretenen These, wonach der über Produktionsstätten vermittelte Transfer von Kapital und Know-How in ärmere Länder trotz minimaler Löhne und nahezu nicht existenter Sozialstandards Schlachtfelder immerhin in Marktplätze verwandeln – wobei zu prüfen wäre, ob dies nicht nur die Streckung des Unheils in der Zeit bedeutet -, dürfen auch nicht außer Acht gelassen werden. Notwendig aber sind – bewegt man sich in einer innerkapitalistischen Logik - mindestens national und vor allem auch international sanktionierbare Standards für Auslandsinvestitionen und –aktivitäten international agierender Konzerne hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber totalitären Regimen. Und hier sind wieder die Staaten und Staatengemeinschaften gefragt.
Frederic Beigbeder hält es mit Rainer Werner Fassbinder: "Was man nicht ändern kann, muss man wenigstens beschreiben."(Rainer Werner Fassbinder) Er propagiert, hat er doch durch sein Buch seine Entlassung provoziert, da er es nicht geschafft hätte zu kündigen, den Ausstieg de luxe, kokettiert damit, auf diese Weise erst mal massig Arbeitslosengeld zu kriegen, und schreibt nun vorerst für Magazine, etwa im Focus über seinen jüngsten, drogengeschwängerten Trip als nunmehr honoriger Außenseiter zum Werbefestival nach Cannes. Naomi Klein befürwortet den Widerstand der kleinen Nadelstiche gegen einzelne Unternehmen und die Großgipfelproteste. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wirksame Regelungen nicht auf Unternehmensebene und mittels Angriffen auf Logos, sondern nur strukturell greifen können. Druck auf Staaten, ihre Führer und Stellvertreterinstanzen sind daher – hier hat Bourdieu recht, und Klein eine Blindstelle – trotz aller Widrigkeiten ein probates Mittel des Widerstandes. Noch stand der Polizist, der Carlo Giuliani erschoss, nicht auf der Gehaltsliste von Nike und trug keine Prada-Uniform. Ob er Calvin-Klein-Unterwäsche oder sonstige Markenlogos am Körper trug ist jedoch nicht bekannt.
Beigbeder, mehr noch Klein und vor allem Bourdieu haftete gerade rund um den G-8-Gipfel in Genua das Label "Sprachrohr der Globalisierungsgegner" an, Giuliani wird als "erster Märtyrer der Anti-Globalisierungsbewegung" gehandelt. Anti-...was? Die Radikalisierung des Streits um die "Globalisierung" und die Virulenz der Repression erfordern letztlich zunächst eine klare Bestimmung des Gegners, die die genannten "Sprachrohre" in der Regel schuldig bleiben. Infolge einer kleinen, aber auch von den Kritikern offensichtlich stillschweigend akzeptierten semantischen Verschiebung scheint heute nicht mehr um Antikapitalismus zu gehen, sondern um Anti-Ultra- oder Neoliberalismus. Der Spekulation soll nach dem nahezu einmütigen Willen der Kritiker durch die Tobin Tax, einer Minimalsteuer auf internationale Kapitalflüsse, Sand ins Getriebe gestreut werden. Wenn aber der Kapitalismus die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist, und der Liberalismus das genaue Gegenteil, dann kann die Steuer nicht das Ziel, sondern allenfalls ein Prolog sein, und viele Fragen bleiben offen.
Die politische Philosophie des Liberalismus beruht auf der Heiligung der Freiheit sowie Eigenverantwortung des Einzelnen und wendet sich im ökonomischen Zusammenhang zur Rechtfertigung des Kapitalismus auf Basis von Postulaten, die ein vorgeblich natürliches Recht auf Eigentum und die Regelung gesellschaftlicher Verhältnisse durch die Gesetze des Marktes proklamieren. Der Kapitalismus ist eine Organisationsform der Gesellschaft, in der Lohnabhängige durch das Kapital ausgebeutet werden und die angetrieben wird durch den permanenten Versuch der Profitmaximierung. Derzeit zwingen sich dabei, unter der Herrschaft des Finanzkapitals und dem Signum des Liberalismus, nahezu allen Bereichen des menschlichen Lebens und der Umwelt willkürlich sich steigernde Rentabilitätsnormen auf.
Permanent steigen können die Renditen und Spekulationsgewinne jedoch nur durch die permanente Perfektionierung der Ausbeutung in der Produktion, durch Flexibilisierung und Entlassungen, durch Armut und die Aneignung der Mehrwerte. Da diesem Streben nach Wachstum in seiner Dynamik zu jeder Zeit Grenzen gesetzt sind, zielen die kapitalistischen Großunternehmen auch auf bisherige, nicht den Gesetzen des Marktes unterworfene, nunmehr privatisierte Kollektivgüter – sei es der mittlerweile vollständig entfesselte Telekommunikationssektor, seien es die berüchtigten privaten Pensionsfonds. Selbst die Luft wird mit dem Protokoll von Kyoto endgültig, offiziell und weltweit privatisiert, zur Ware gewandelt und zur zerstörerischen Ausbeutung freigegeben. Kurzum: Der ökonomische Liberalismus ist eine Art der (De-)Regulation des Kapitalismus. Der Extremismus des ökonomischen Liberalismus macht hier "nur" die grundsätzlichen Funktionsfehler des Kapitalismus noch besser sichtbar. Nein zur Spekulation, aber ja zur Ausbeutung? Ein unlösbarer Widerspruch, denn der kapitalistische Imperativ der Ausbeutung wird immer wieder direkt in der Spekulation enden.
Dies sind die Spielregeln, nach denen sich Staaten und Logos auf dem Feld bewegen. Fatalerweise schützen sie diese nicht nur mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, sondern passen sie auch noch permanent ihren eigenen Bedürfnissen an. Diese Regeln und Regeln für die Aufstellung der Regeln bilden erst die Basis, auf der die Analysen und Kritiken von Autoren wie Beigbeder, Klein oder auch Bourdieu Sinn machen, die sie aber – man weiß es nie genau – bedauerlicherweise entweder unausgesprochen implizieren oder aufgrund von benennbaren Alternativen bewusst ausblenden. Dies ändert nichts dran, dass täglich 40.000 Kinder verhungern. Aber das gehört nicht zum üblichen Inhalt der Werbung, höchstens von Bekleidungsherstellern wie Benetton, überraschenderweise aber nicht von Nahrungsmittelkonzernen. Wer mitspielen will, aber sich diesen Modalitäten nicht anpasst, fliegt umgehend vom Platz. Die große Mehrheit aber hockt ohnehin vor dem Fernseher und blickt schweigend auf die Kämpfer in der Arena. Wenn es mal wieder eine besonders gerechte Blutgrätsche gab, dann schickt sie Fanpost an die BamS, senkt den Daumen - und fordert mehr.
In Rom wurde am 1. August eine bereits jetzt hochgelobte Ausstellung eröffnet, die unter gesellschaftlichen Aspekten einen historischen Abriss des Spektakels von den Gladiatorenkämpfen bis zu den heutigen Sportevents unternimmt. Ihr Titel lautet "Blut und Spiele" – und ihr Fluchtpunkt ließe sich nunmehr bis nach Genua verlängern.
