sowohl "das gleiche Rad" schieben als auch "Wasser auf die gleiche Mühle" tragen wie die repressiven Institutionen des Staates. Denn neben diesen repressiven, "brutalen Kräften" verfügte der Staat für Althusser seit jeher über subtilere Mittel der Herrschaft. Diese präventive, überzeugende Macht verkörperte im monarchischen Regime die Kirche, nach der Französischen Revolution die staatlichen Schulen und die Universitäten, und heute zunehmend die Medien. Für Althusser alles besagte 'Ideologische Staatsapparate'.
Pierre Bourdieu ist heute so populär wie Althusser in den sechziger und siebziger Jahren, und in seinen strukturalistischen Ausprägungen nicht unbeeinflusst von Althusser. Insbesondere den Aspekt der vorbewussten, quasi-physikalischen Inkorporation von Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern in Bourdieus Habitus-Verständnis verdankt sich wesentlich Althussers an Lacan angelehnte Theorie der Anrufung. Doch schon den Begriff des Apparates kritisiert Bourdieu ganz prinzipiell. Dabei handele es sich um die essentialistisch-subjektivistische Verwendung von in die Umgangssprache eingeschriebenen Begriffen wie Staat, Bourgeoisie, Unternehmertum, Kirche, Familie, Justiz, Schule und Medien. Diese Begriffe sprächen Institutionen Subjekteigenschaften zu, über die diese keineswegs verfügten. So schreibt er:
"Als mechanischer Finalitätsoperator, Deus (oder Diabolus) in machina, ist der 'Apparat', die je nach ideologischer Stimmung eines Funktionalismus des Besten oder des Schlimmsten göttliche oder teuflische Maschine, prädisponiert, als Deus ex machina zu fungieren, als 'Zuflucht der Unwissenheit', als Zweckursache, mit der sich unter geringstem Aufwand alles belegen lässt, ohne irgend etwas zu erklären: Nach dieser Logik, welche die der Mythologie ist, werden großen allegorischen Gestalten der Herrschaft stets nur andere, wiederum mythische Personifikationen, wie die Arbeiterklasse, das Proletariat, die Arbeiter oder gar die Kämpfe als Inkarnation der sozialen Bewegung und ihres Rachewütens gegenübergestellt."

Explizit auf Althusser bezogen weißt Bourdieu darauf hin, dass den Apparaten kein Wesen innewohne, und man "die Existenz aus der Essenz" deduzierte, wollte man die Akteure schlicht auf komplizenhafte Opfer und Ausführungsorgane einer den Institutionen innewohnenden Politik reduzieren. Vielmehr sei etwa der Staat, der in höchstem Grad den Anschein eines Apparates biete, in Wirklichkeit ein – wie könnte es bei Bourdieu anders sein? – "Feld von Kämpfen". Daher sei es einerseits eine teleologische Illusion, nach den Ursprüngen von Verantwortlichkeiten oder Verantwortlichen selbst zu suchen, und andererseits eine retrospektive Illusion, einzelnen Akteuren oder Kollektiven bewusste, zynische und kalkulierte Vorsätzlichkeit und Absicht zuzuschreiben.
Dies hat Althussers in dieser Form allerdings nie getan, sondern Apparate als überdeterminiertes, komplexes, strukturiertes Ganzes gesehen. An dieser Stelle ist Bourdieu die Frage zu stellen, inwieweit er – ausgehend von seinem Paradigma der immerwährenden und ausgetragenen Konflikte und Kämpfe innerhalb der einzelnen Felder und zwischen den sozialen Klassen – all die Verstetigungen und Verfestigungen von Machtbeziehungen erklären will, wie sie sich doch recht anschaulich in der legitimierten, institutionalisierten und stetigen Macht des Staates äußert, die letztlich dem Aussetzen, einer Unterbrechung des Kampfes gleichkommt. Hat der Begriff des Apparats im Verständnis Althussers hier vielleicht doch eine Berechtigung? Althusser und Bourdieu, die sich spätestens hier auch mit Poulantzas einig wissen können, stimmen darin überein, dass der Staat ein wichtiger, wenn nicht gar der entscheidende Gegenstand sozialer Kämpfe ist.
Bourdieu etwa schreibt, das letzte Ziel der in der Gesellschaft stattfindenden Kämpfe sei "[...] in modernen Gesellschaften die in den Händen des Staates befindliche Nominierungsmacht [...], d.h. dem legitimen symbolischen Gewaltmonopol gelten die Anstrengungen der Akteure – in diesem Fall fast immer Spezialisten wie die Politiker – zur Durchsetzung von Repräsentationen (Demonstrationen z.B.), die die Dinge als repräsentative, öffentlich, offiziell existierende schaffen. Ihr Ziel ist es, ihre eigene Sicht der Welt und die Teilungsprinzipien, auf denen sie basiert, zum nomos, dem offiziellen Sicht- und Teilungsprinzip zu machen."
Anders gesagt, die primäre Funktion des Staates ist für Bourdieu die Durchsetzung legitimer Weltsichten, denen eine "welterzeugende Kraft" (Nelson Goodman) zukomme. Die Kräfteverhältnisse der Spielenden hängen von dem von ihnen akkumulierten symbolischen Kapital ab, aber auch von den Konstitutions- und Durchsetzungsbedingungen hegemonialer Sichtweisen, der Verfügung von Akteuren über die Mittel zur Produktion ihrer eigenen Vorstellung der sozialen Welt sowie über die Produktionsmittel zur Verbreitung und Durchsetzung dieser Vorstellung. Die Beherrschten würden in ihrer Sicht der Dinge dabei einmal zum Opfer der ihnen von den objektiven Strukturen der Gesellschaft aufgezwungenen Wahrnehmungskategorie, die eine "Form doxischer Akzeptanz" der sie umgebenden Ordnung begünstige, und zum anderen der ihnen von den Herrschenden aufgezwungenen Sicht und Repräsentation der Welt, mittels derer sich versuchen eine "Theodizee ihres eigenen Privilegs" zu liefern.
Diese Kämpfe um die legitime Repräsentation der Welt trieben vor allem auch das staatliche Feld an, da die Akteure bei Strafe des Untergangs gezwungen seien zu kämpfen, ihre soziale Position und ihr Kapital zu verteidigen oder zu akkumulieren, wollen sie sich nicht aus dem Spiel ausschließen, wobei die Herrschenden und Beherrschten nach den gleichen Spielregeln spielten, "nur" aus unterschiedlichen Positionen heraus. Daher müsse man von einer "Orchestrierung ohne Dirigent" – die Formulierung erinnert stark an Althussers "Theater ohne Autor" – sprechen, die sich aus der Koinzidenz von Habitus und Habitat, aus subjektiver Berufung und objektiver Mission ergebe. Die Unterwerfung unter nicht erfasste und nicht bewusst gesetzte, sondern vielmehr "transzendente, d.h. den individuellen Interessen übergeordnete und äußerliche Zwecke, Bedeutungen und Interessen ist (damit) praktisch niemals die Folge eines gebieterischen Oktroys oder eines bewussten Unterwerfungsaktes." Der Staat ist der zentrale Faktor zur Aufrechterhaltung dieser permanenten Perpetuierung der materiellen und symbolischen Kräfteverhältnisse.
Nehmen wir als Beispiel die männliche Herrschaft. Diese manifestiert sich nach Bourdieu zwar am klarsten im Haushalt, ihr Prinzip werde jedoch am mächtigsten durch "Instanzen wie die Kirche, die Schule oder den Staat und in ihren eigenen erklärten oder versteckten, offiziellen oder offiziösen politischen Handlungen" gestützt. Es stellt sich die Frage, ob Bourdieu demnach nicht selbst den Institutionen jene subjekthaften, praxenerzeugenden Eigenschaften zuschreibt, die er am Begriff des Apparates kritisiert. So gibt es bei Bourdieu eine objektive Komplizenverhältnis zwischen besagten – Althusser grüßt erneut – inkorporierten Strukturen und den Strukturen der großen Institutionen, in denen sich "[...] nicht nur die männliche Herrschaft vollendet und reproduziert, sondern auch die soziale Ordnung (angefangen beim Staat, strukturiert um die Opposition zwischen seiner 'rechten Hand', männlich, und seiner 'linken Hand', weiblich, und der Schule, verantwortlich für die wirksame Reproduktion aller Prinzipien fundamentaler Sichtweisen und Teilung, und sie auch organisiert um homologe Oppositionen)".
Wie für Bourdieu die Felder so tragen auch die einzelnen Ideologischen Saatsapparate bei Althusser in der ihnen jeweils eigenen Art und Weise zur Reproduktion und damit zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung resp. Produktionsverhältnisse bei, und zwar indem in ihnen die Individuen durch Verinnerlichung und Inkorporation der herrschenden Ideologie, ihrer Normen und Werte mittels Einübung zu eben diesen entsprechend handelnden Subjekten werden. Der "Informationsapparat" etwa reproduziere die herrschende Ideologie "indem er alle 'Bürger' mit einer täglichen Ration Nationalismus, Chauvinismus, Liberalismus, Moralismus etc. voll stopft. Ebenso der kulturelle Apparat ... usw."
Vor dem Hintergrund des bisher gesagten funktioniert der Informations- resp. Kulturapparat, der mit Bourdieu auch das mediale, oder allgemeiner das kulturelle Feld genannt werden kann, auch bei Althusser nach einer eigenen, sowohl nach innen als auch nach außen gerichteten Logik der Überdetermination. Allerdings bleibt die Kritik nicht wie bei Bourdieu auf die genannten Folgen der Unterwerfung dieser Felder unter neoliberale Kriterien, also auf den Vorwurf von zuviel Markt begrenzt. Althusser zielt primär auf die über ihre Funktion als (Re-) Produzenten der herrschenden Ideologie definierte, untrennbare Verquickung mit dem Staat und der damit der herrschenden Ordnung.
Abgesehen von der trotzdem stark an Althusser gemahnenden Beschreibung der Funktionsweise gesellschaftlicher Institutionen handelt es sich bei der zuvor aufzeigten innerstaatlichen Opposition um ein zentrales Beispiel für Bourdieus in vielen seiner Schriften und Vorträgen wiederkehrende Darstellung der Funktionsweise des bürgerlichen Staates unserer Tage, dem er eine "ambivalente Realität" zuschreibt. Als Teilungsprinzip beschreibt er parallel zueinander die an Elitehochschulen sich ausbreitende und den künftigen Eliten eingetrichterte Doktrin der ökonomischen Rationalität, welche einerseits - als Gegenbild zu den kollektivistischen, in gesamtgesellschaftlichen Kategorien denkenden "Archaismen" - die "Moderne" verkörpere, und anderseits daraus resultierende, zunehmende Tendenz des Staates zum Rückzug aus jeder sozial- und gesellschaftspolitischen Verantwortung. Dies entspricht der verbreiteten Darstellung der Entwicklung, die zunehmend zum schlanken Staat führt, zum – dies sagt auch Bourdieu – liberalen Nachtwächterstaat als – und hier folgt Bourdieu nicht mehr – bloß repressiv auftretendem Garanten der Verwertungsbedingungen des privaten Kapitals.
In einer Reihe seiner Schriften umreißt Bourdieu darauf aufbauend eine Art Theorie von den beiden Flügeln des Staates. Bourdieus Formulierung zufolge existieren zwei unterschiedliche Staatsstrukturen, die er abwechselnd mal als "die linke und die rechte Hand des Staates" und mal als "den kleinen und den großen Staatsadel" bezeichnet. Die erste Struktur ist demnach dort angesiedelt, wo die sozialen Funktionen des Staates ausgeübt werden: Bildungswesen, Gesundheitsbereich, sozialer Wohnungsbau usw. Der "große Staatsadel" findet sich unterdessen in den Reihen der Technokraten, die das Wirtschaftsministerium und die Kommandohöhen der Exekutivfunktionen des Staates besetzen. In den sozialen Konflikten, die sich in den letzten Jahren in Frankreich vor allem durch Streiks in den öffentlichen Diensten (wie im November / Dezember 1995) ausgedrückt haben, analysiert Bourdieu eine "Revolte des kleinen gegen den großen Staatsadel", den es zu unterstützen gelte, da sie zugleich auch gesamtgesellschaftlich bedeutende, von Bourdieu als im "Inneren des Staates" aufgehobene "Spuren vergangener sozialer Kämpfe" bezeichnete Staatsfunktionen verteidige. Ergo: "Ohne Zweifel ist der Staat nicht komplett neutral, vollständig unabhängig von den Herrschenden, aber hat eine um so größere Autonomie je älter, stärker er ist, denn er registriert in seinen Strukturen die wichtigsten sozialen Errungenschaften etc. Er ist der Ort des Konflikts". Diese widersprüchliche Einschätzung des Staates wandelt sich bei Bourdieu stetig, und zwar je nachdem, ob er als Soziologe oder als citoyen spricht. Als Professor beschreibt er den Staat – angelehnt an Weber – als Zwangsorganismus, selbst wenn er Weber vorwirft, die symbolische Macht des Staates vernachlässigt zu haben. Als citoyen hingegen ist ihm der Staat mittlerweile nicht mehr nur der allgemeine Vertreter der Herrschaft, sondern auch – recht blauäugig angelehnt an Hegel – des gesellschaftlichen Allgemeininteresses. Der Staat als Zwitterwesen. Seine strafende "rechte Hand" gilt es laut Bourdieu zu kritisieren, wohingegen seine wohltätige "linke Hand" gegen die Angriffe des Neoliberalismus zu verteidigen sei, was keinem Nationalismus entspringe, da das Ziel ein supranationaler europäischer Sozialstaat sei, und somit im Interesse der Beherrschten liege. Auf einer Tagung im Frankfurter Bankenviertel sagte Bourdieu, dass man den 'ökonomischen Imperialismus' –hier zeigt sich einmal Bourdieus Tendenz der letzten Jahre, in seinen öffentlichen Interventionen diskursive Begriffeffekte über präzise Benennungen von ihm gemeinter Entwicklungen zu stellen - und nicht mit Worten wie 'Globalisierung' verschleiern solle. Wie die Frankfurter Rundschau weiter berichtete: "Ob er für Europa sei? Oder dagegen? Das fand er eine 'idiotische Frage', darauf wolle er sich nicht einlassen. Dass 'Europa jetzt um eine Bank herum aufgebaut wird', findet Bourdieu falsch. Seine Frage lautet: Will man einen Finanzstaat, gar einen Polizeistaat, oder doch lieber einen Sozialstaat?"
In jedem Fall unterlässt Bourdieu es hier hinzuzusetzen, dass - in einer geschichtlich weiter zurückblickenden Perspektive - diese sozialstaatlichen Funktionen ursprünglich auch einmal dazu dienten, weitergehende gesellschaftliche Umwälzungen zu verhindern, und während langer Jahrzehnte dazu beitrugen, die Integration der historischen Arbeiterbewegung in das bestehende System zu befördern - was durch das Abebben revolutionärer Energien die neue Offensive des Kapitals mit ermöglicht hat. Bourdieu beschränkt sich hier darauf, die bisher bestehenden sozialstaatlichen Strukturen und Einrichtungen, die für ihn "zu den höchsten Errungenschaften der Zivilisation" gehören, gegen ihren Abbau durch die neoliberale Offensive zu verteidigen; die Verteidigung dieser "hegelianische(n) Seite" des Staates erklärt er vielmehr zum positiven Ziel an sich.
Hier wie dort trifft ihn von links der Hauptvorwurf, wer von den sozialen Verwüstungen des Neoliberalismus sowie von Macht- und Herrschaftsverhältnissen rede, der dürfe weder Kapitalismus noch vom Staat schweigen. Sein Verstummen an diesen Stelle dürfte allerdings unter anderem an seinem mit den sozialen Bewegungen gemeinsamem Problem liegen, nicht als Theoretiker, sondern intervenierender Intellektueller momentan über kein gemeinsames politisches Projekt zu verfügen, in dessen Perspektive sich alle Beteiligten vereinen könnten. Im
Gegensatz zur Althusserschen Staatstheorie beruft sich Bourdieu - wie schon ersichtlich - explizit auf einen hegeliansich geprägten Staatsidealismus, wie ihn Althusser schon Gramsci vorgeworfen hatte. Zurecht: "Fast überall hat man stillschweigend marxistische Auffassungen des Staates übernommen. Ich möchte dem die hegelianische Staatstheorie entgegenstellen. Bei Hegel ist der Staat Diener der Menschheit, eine über den Konflikten zwischen Klassen und Individuen stehende objektive Instanz."
Da ihm gleichzeitig der Sinn tradierter Revolutionsrhetoriken zurecht kaum einleuchten dürfte, konzentriert er sich zum Zweck der Mobilisierung auf "mögliche Utopien". Bourdieus Vorschlag und Forderung besteht in der Schaffung eines europäischen Staates, in dem ein in einzelnen Ländern nicht durchzusetzendes "Regressionsverbot" herrschen soll, sprich das Verbot hinter den heutigen Stand der sozialen Errungenschaften zurückzufallen. Es geht ihm damit um die Etablierung einer "Ökonomie des Glücks", die die "Kosten des Leid und die Gewinne der Erfüllung und der Selbstverwirklichung mit einbezieht, die der strikt ökonomische Kult der Produktivität nicht kennt." Als konkretes Ziel drängt er darauf, das kaum wahrgenommen Leiden des Alltags anzuprangern resp. sichtbar zu machen. Hier beruft er sich dann im Gegensatz zu seiner ansonsten internationalen Perspektive allerdings ganz pragmatisch auf eine potentiell positive Rolle des Nationalstaates im Kampf gegen die von den der neoliberalen Durch-Deregulierung der Gesellschaft und die von ihr verursachte permanente, sichtbare und sichtbare Gewalt des Alltags und die träge Gewalt von Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen. Mit Althusser wäre das nicht passiert: Der war umstandslos gegen jede Art von Staat.
